PEKING / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Jahr 2025 wurden laut International Federation of Robotics (IFR) nur rund 7.000 humanoide Roboter für industrielle Zwecke verkauft. Viele Modelle landen dabei nicht direkt im Produktionsbetrieb, sondern sammeln Daten für das Training zukünftiger KI-Aufgaben. In den ersten Autowerken sind bislang offenbar nur einstellige oder niedrig zweistellige Stückzahlen im Einsatz. Parallel sagt eine Prognose für 2026 und 2030 deutlich höhere Verkaufszahlen voraus, die Lücke zwischen Erwartung und Realität bleibt jedoch groß.

Die Zahl wirkt wie ein Bremsschuh: Für 2025 meldet die International Federation of Robotics (IFR) weltweit rund 7.000 verkaufte humanoide Roboter für industrielle Zwecke. Das passt nicht zu dem Narrativ, das sich viele Marktteilnehmer aus früheren Demonstrationen ableiteten. Nicht nur die Größenordnung fällt im Vergleich zu den Erwartungen zurück, auch der Einsatzort verdeutlicht die Diskrepanz: Ein erheblicher Teil der Systeme wird offenbar weniger produktiv eingesetzt, sondern vor allem zum Erheben von Daten genutzt, die dann wiederum die nächste Generation von KI-Modellen verbessern sollen.
Technisch betrachtet ist diese Schieflage weniger überraschend, als sie auf den ersten Blick klingt. Humanoide Roboter bewegen sich zwar inzwischen schneller und können weiter springen als noch vor einigen Jahren, doch aus der Bewegung folgt noch lange keine belastbare Alltagskompetenz in echten Produktionsumgebungen. Das Entscheidende liegt an den Hand- und Greifaufgaben: Ob ein Roboter Kabel zuverlässig einstecken, Bauteile korrekt greifen oder nach einem frei vorgegebenen Objekt robust zugreifen kann, hängt stark von Sensorik, Greif-Strategien und der Fähigkeit ab, unerwartete Situationen in Sekundenbruchteilen zu interpretieren. Genau dort zeigt sich in der Praxis häufig eine Latenz zwischen beeindruckender Demo und wiederholbarer Leistung.
Marktseitig ordnet sich das Bild in einen breiteren Vergleich ein. Die IFR erfasst seit drei Jahrzehnten Zahlen zu industriell eingesetzten Robotern, bisher jedoch ohne eine separate Kategorie für Humanoide. Als Referenz: Für Industrieroboter insgesamt liegt die jährliche Verkaufszahl bei knapp 500.000. Diese Gegenüberstellung macht klar, warum selbst 7.000 Einheiten relativ „klein“ wirken, aber auch, warum die Branche dennoch genau auf die Entwicklung schaut. Humanoide sind derzeit eher eine frühe Technologie-Welle als ein etablierter Standard im Linienbetrieb.
Für zusätzliche Spannung sorgt eine Prognose der Bank of America: Demnach könnten 2026 bereits 90.000 humanoide Roboter verkauft werden, 2030 sogar 1,2 Millionen. In den genannten Zahlen sind laut Bericht außerdem auch Modelle enthalten, die nicht ausschließlich für Industriezwecke bestimmt sind. Für 2025 nennt der Bericht zudem 20.000 Auslieferungen. Rechnet man diese Entwicklung gedanklich bis 2030 weiter, entsteht eine erhebliche Wachstumsrate, die den „Boom“-Erwartungen entspricht. Gleichzeitig bleibt offen, ob diese Entwicklung vor allem über neue Anwendungen, neue Abnehmersegmente oder über eine breitere Definition dessen zustande kommt, was als humanoider Roboter zählt.
Der Realitätscheck zeigt sich auch in den ersten Fabriken, die zu den frühen Kunden zählen. Dort sollen Medienberichten zufolge zunächst nur einstellige oder niedrig zweistellige Mengen an humanoiden Robotern im Einsatz sein. Diese Roboter verrichten demnach oft keine klassischen Produktionsarbeiten im Sinne einer durchgehenden Linienautomatisierung, sondern sammeln Daten. Für Unternehmen ist das ein anderes Kosten- und Nutzenprofil: Statt sofortiger Effizienzsteigerung geht es um Lernkurven, Verwertbarkeit von Trainingsdaten und die Frage, wie schnell aus den erhobenen Beispielen ein zuverlässiges Verhalten für den nächsten Auftrag entsteht. Das ist mehr Forschungs- und Integrationsarbeit als „Plug-and-Play“.
Auch die Herkunft der Systeme spielt eine Rolle. Es gilt als wahrscheinlich, dass ein großer Teil der humanoiden Roboter in China gefertigt wird. Gleichzeitig fehlt noch der harte Beleg, dass die Roboter menschliche Arbeit in der Breite zuverlässig ersetzen können. Auf Events wie den World Humanoid Robot Games in Peking werden zwar Fortschritte sichtbar, aber die kniffligen Fähigkeiten zeigen sich im Alltag: nicht das Rennen über eine Distanz, sondern das korrekte, feinmotorische Handeln in einer unstrukturierten Umgebung. Hinzu kommt eine zweite Frage: Können Aufgaben, die Kunden in einer natürlichen Umgebung stellen, so verstanden und umgesetzt werden, dass das Ergebnis reproduzierbar bleibt und nicht nach kurzer Zeit wieder manuelle Nacharbeit erfordert.
Aus Sicht von Unternehmen bedeutet das: Wer humanoide Robotik evaluieren will, sollte weniger auf Schlagworte wie „Autonomie“ schauen und stärker auf messbare Parameter achten – etwa auf die Erfolgsquote bei greifnahen Manipulationsaufgaben, auf die Robustheit gegenüber variierenden Objektpositionen und auf die Zeit, die für die Anpassung an reale Kundenprozesse benötigt wird. Humanoide Roboter könnten sich dann schrittweise von datensammelnden Piloten hin zu wiederholbaren Arbeitseinheiten bewegen. Solange jedoch die Kluft zwischen Verkaufszahlen, produktiver Nutzung und demonstrierter Feinmotorik nicht kleiner wird, bleibt der Markt eher ein Feld für frühe Anwender, Integratoren und KI-Teams als ein massenhaft ausgerolltes Produktionsinstrument.
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