WUPPERTAL / LONDON (IT BOLTWISE) – In der 20. Staffel der „Höhle der Löwen“ verließen 17 Startups das Studio mit neun Zusagen – doch ob daraus echte Verträge werden, entscheidet sich erst später. Besonders auffällig: Mehrere Teams berichten auch ohne Deal von einem massiven Kundenschub. Konkrete Beispiele reichen von mehreren hundert Paketen pro Tag bis zu Hunderttausenden Seitenaufrufen innerhalb kurzer Zeit. Gleichzeitig zeigen andere Fälle, wie stark Wartelisten, Partnerschaften und Prozess-Digitalisierung vom TV-Publikum profitieren können.

Die 20. Staffel der „Höhle der Löwen“ ist gestartet – und mit ihr die bekannte Mischung aus Pitch-Druck, schnellen Bewertungen und der Frage, was nach dem Handschlag tatsächlich übrig bleibt. In den ersten drei Folgen standen 17 Startups auf dem Studio-Tisch, am Ende gab es neun Deals direkt in der Sendung und acht gingen ohne Zusage nach Hause. Für das reine TV-Ergebnis heißt das zwar: Die Quote sieht erstmal nach klassischem Siegerbild aus. Entscheidend ist aber der zweite Schritt, weil Zusagen aus der Luft gegriffene Wunschkalkulationen sein können – oder weil Due Diligence, Vertragsdetails und Kapitaleinsatz erst klären müssen, ob aus dem Deal ein echter Aufbaupfad wird.
Dass „ohne Deal“ trotzdem nicht „ohne Wirkung“ bedeutet, zeigen die Rückmeldungen mehrerer Teams besonders deutlich. Ein Beispiel ist Wunderdressing: Obwohl es in Folge 2 keinen Deal gab, beschreibt das Unternehmen den unmittelbaren Effekt nach der Ausstrahlung als spürbaren Nachfrage-Boost. Laut Angabe werden inzwischen mehrere hundert Pakete pro Tag verschickt, zusätzlich kommen Anfragen von Händlern, Wiederverkaufspartnern und weiteren Vertriebskanälen hinzu. Solche Muster sind in der Start-up-Ökonomie nicht ungewöhnlich, aber sie wirken hier besonders konzentriert, weil das Format an einem Abend ein Millionenpublikum bündelt und damit Reichweite in eine einzige Aktivierungswelle übersetzt. Genau an dieser Stelle wird aus Marketing eine operative Herausforderung: Wachstum muss in Qualität, Lieferfähigkeit und Kundenkontakt übersetzt werden, sonst kippt der kurzfristige Erfolg in Rückstände.
Auch plümoBaum aus Folge 2 illustriert, wie stark Bekanntheit in konkrete KPIs übergehen kann, selbst wenn keine Finanzierung in der Sendung zustande kommt. Das Wuppertaler Startup berichtet über rund 100.000 Besucher in kurzer Zeit sowie mehr als 250.000 Seitenaufrufe auf der Website nach der Ausstrahlung. Inhaltlich knüpft das Team daran an, indem es eine eigene Kategorie rund um Schlafhygiene etablieren will – mit einem Fokus auf Faktoren wie Feuchtigkeit, Gerüche und das Mikroklima in Bettwaren. Technisch und organisatorisch heißt das im Kern: Aus Traffic wird Nachfrage, aus Nachfrage wird Produkt- und Support-Arbeit, und aus dieser Arbeit wird schließlich wieder Datenmaterial für spätere Optimierung. Dazu passt auch der in der Berichterstattung sichtbare Hinweis auf ein „KI-erzeugtes“ Symbolbild: Selbst wenn die Kreation solcher Assets nicht der Geschäftslogik entspricht, zeigt sie doch, wie selbstverständlich KI-gestützte Gestaltung inzwischen Teil der Außenwirkung wird – oft als Geschwindigkeitstool für Kampagnen.
Auf der Seite der Deals zeigt sich gleichzeitig, dass TV-Erfolg nicht nur mit Publikum, sondern auch mit konkreter Umsetzung verknüpft ist. Piesel Piepser aus Folge 1 etwa bekam 100.000 Euro für 10 Prozent; im Unternehmen findet zudem ein Generationswechsel statt, bei dem Digitalisierung und Automatisierung interner Abläufe als nächste Baustelle genannt werden. Der Auftrag für ein junges Team besteht dann häufig darin, die im Pitch angekündigten Roadmaps als Prozess- und IT-Arbeit zu operationalisieren: Wie werden Bestellungen, Bestände und Informationsflüsse stabil? Wie lassen sich Vertriebspartner effizient einbinden, ohne dass der Kundenservice überlastet? Ähnliches gilt für die nächste Stufe der Skalierung, die in der Kommunikation teils bereits angedeutet wird: Ausbau über Apotheken und Sanitätshäuser sowie neue Informationsmaterialien, die sich eher wie „Onboarding“ für Vertriebskanäle lesen als wie klassische Werbebroschüren.
Eine andere Dynamik zeigt sich bei clearBee aus Folge 3. Der Fensterputz-Drohne wurde im Studio zwar wenig Raum für den Deal gegeben, doch einzelne Szenen gingen danach viral. Für das Team wurde daraus offenbar ein Türöffner: Nach Angaben meldete sich bereits eine professionelle Firma für Drohnenreinigung, und zusammen wird an einem Prototyp gearbeitet. Auch das ist eine typische Folgephase nach dem Format: Netzwerke außerhalb der Investoren-Runden können schneller einspringen als Kapital, insbesondere wenn es um Engineering-Partnerschaften und reale Testumgebungen geht. Zugleich liegt in der öffentlichen Diskussion ein kommunikativer Teil, denn der Gründer nimmt die Dramaturgie der Sendung für sich ein Stück weit auseinander, indem er erklärt, dass vor Ort niemand schlecht behandelt worden sei, die Zuspitzung aber erst im Schnitt entstanden sei. Für Startups heißt das: Selbst wenn das Produkt funktioniert, muss die Außendarstellung den Betrieb so widerspiegeln, dass Folgeaufträge Vertrauen aufbauen.
Bei Penice wird die „Zeit nach der Sendung“ schließlich besonders als Warteschleife sichtbar. Das Unternehmen erhielt in Folge 3 zwar keinen Deal, verlangte aber 70.000 Euro für 25,1 Prozent – während gleichzeitig das Marktinteresse messbar steigt: Auf der Warteliste sollen 900 Menschen stehen, dazu kommen rund 60.000 Besucher auf der Website seit der Ausstrahlung, in der Spitze 25.000 bis 30.000 gleichzeitig. Ergänzend wird für den Vermarktungszeitpunkt eine Markteinführung voraussichtlich im November genannt, mit 50 Millilitern für 19,90 Euro. Solche Daten sind für die weitere Unternehmenssteuerung Gold wert, weil sie die potenzielle Conversion aus Interesse in Kaufabsicht spiegeln. Und sie machen auch deutlich, warum ein Deal nicht der einzige Beschleuniger ist: Wenn Nachfrage bereits vor dem Produktstart anzieht, kann ein gutes Team mit klarer Produktion und Lieferplanung oft schneller skalieren, als es reine Finanzierung allein würde.
Am Ende bleibt neben den Rückmeldungen ein breiteres Bild: Von den Startups der übrigen Liste gibt es noch nicht in jedem Fall veröffentlichbare Updates. Einige Teams haben bereits angekündigt, weitere Informationen nachzureichen, etwa für später eingeplante Rückmeldungen oder laufende Gespräche. Für die Einschätzung durch potenzielle Nachfolger, Partner oder spätere Bewerber ist außerdem wichtig, dass die Sendungstermine weiterlaufen: Am 28. September steht Folge 4 an, in der unter anderem weitere Startups vorgestellt werden. Entscheidend ist dabei weniger, wer „gewinnt“, sondern wie schnell aus TV-Reichweite nachhaltiger Umsatz wird und wie konsequent Zusagen oder Wartelisten in echte Lieferketten, Prozesse und Angebote übersetzt werden.
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