BADEN-BADEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der DOSB hat entschieden, dass sich München für die Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben darf. Die Stadt setzte sich mit 91 zu 50 Stimmen gegen Köln/Rhein-Ruhr durch und erreicht in der vorangegangenen DOSB-Evaluierung 87,03 Punkte. Verknüpft ist die Kandidatur mit einem Olympiadorf für bis zu 16.000 Menschen in Daglfing sowie mehreren ÖPNV-Großprojekten. Gleichzeitig wachsen die Diskussionen über Kosten, Planungsbeschleunigung und die Frage, welche Risiken ein Scheitern bei der IOC-Vergabe 2029 mit sich bringt.

Die Entscheidung des Deutschen Olympischen Sportbunds fällt im klassischen Spannungsfeld aus Sportkalender und Infrastrukturplanung: In Baden-Baden hat die Mitgliederversammlung München den Weg in die internationale Olympia-Bewerbung für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 freigemacht. Mit 91 zu 50 Stimmen setzte sich die bayerische Landeshauptstadt gegen die gemeinsame Initiative aus Köln und der Region Rhein-Ruhr durch. In der Abstimmungslogik spiegeln sich die Strukturen des DOSB wider: 141 Stimmen waren insgesamt wahlberechtigt, davon 126 Stimmen aus den 42 olympischen Spitzenverbänden, hinzu kamen zehn Stimmen aus dem DOSB-Präsidium und persönliche Mitglieder mit je einer Stimme. Dass mehrere der persönlichen Mitglieder ihre Teilnahme abgesagt hatten, ändert nichts an der klaren Mehrheit zugunsten Münchens.
Schon vor der finalen Bewerbung zeigte die DOSB-Evaluierung die Richtung: München erzielte 87,03 Punkte und lag damit vor Köln/Rhein-Ruhr mit 85,02. Berlin brachte es zuvor auf 74,64 Punkte, zog die Bewerbung jedoch nach der dortigen Abgeordnetenhauswahl zurück. In die Öffentlichkeit geriet die Abstimmung zudem durch die Verkündung des Wahlergebnisses an der Seite von DOSB-Präsident Thomas Weikert durch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Für die nächsten Jahre ist diese Abfolge entscheidend, weil sie zeigt, dass der DOSB nicht nur sportbezogene Faktoren bewertet, sondern offenbar auch die Plausibilität der Umsetzungsstrategie, also wie gut ein Konzept in Zeit, Raum und Ressourcen zusammenpasst.
Technisch und städtebaulich konkretisiert sich die Kandidatur über ein neues Olympiadorf im Münchner Nordosten bei Daglfing. Geplant ist Wohnraum für bis zu 16.000 Athleten und Betreuer, gekoppelt an das Ziel, die Wettkampfstandorte zu bündeln: 90 Prozent der Sportstätten sollen in einem Radius von unter 30 Kilometern um das Dorf liegen. Für die Realisierung bedeutet das vor allem eines: Der Erfolg hängt nicht allein am Areal, sondern an der Erreichbarkeit. Deshalb nennt München umfangreiche Projekte im öffentlichen Personennahverkehr, darunter die Verlängerung der U4 zum Olympiadorf, der Neubau der U9 mit fünf neuen Stationen inklusive einer an der Theresienwiese, sowie der S-Bahn-Nordring. Hinzu kommen der viergleisige Ausbau der S-Bahn-Strecke zwischen Daglfing und Johanneskirchen und eine eigene Trasse für den olympischen Verkehr auf der Schiene.
Damit verknüpft ist die Frage, wie stark die Kandidatur an bestehender Infrastruktur ansetzt und wo noch Sanierungsarbeit steckt. Der Olympiapark von 1972 soll erneut als Herzstück dienen, parallel zur Weiternutzung früherer Wettkampfstätten wie der Ruderregattaanlage in Oberschleißheim und der Reitanlage in Riem. Gleichzeitig nennt der Plan Sanierungsbedarf an mehreren Einrichtungen: Dazu zählen unter anderem die Reitanlage Riem, die Ruderregattastrecke Oberschleißheim, das Gründwalder Stadion, die Olympiaschwimmhalle und das Dantebad; außerdem soll das Dach des Olympiastadions saniert werden. Auch die Sportgeografie wird dabei ausformuliert: Bis auf Fußballspiele in Stuttgart und Segelwettbewerbe in Kiel sollen die weiteren Wettkämpfe innerhalb Bayerns stattfinden. Für Unternehmen, die Bau, Verkehrsplanung oder Technikintegration in solchen Großprojekten begleiten, ist genau diese Mischung aus Bestandsnutzung und Nachrüstung ein zentrales Risiko- und Chancenprofil.
Finanziell kalkuliert Münchens Oberbürgermeister Dominik Krause im Falle eines Zuschlags durch das Internationale Olympische Komitee (IOC) mit Gesamtkosten von 10 Milliarden Euro. Nach seinen Angaben entfallen jeweils 5 Milliarden Euro auf Event-Kosten und Infrastrukturmaßnahmen. Umsetzungs- und Verteilungsthemen werden damit zwangsläufig zum politischen Kern: Laut Bericht signalisieren Bund und Land Unterstützung, Markus Söder betont das Mittragen der finanziellen Lasten, Bundesfinanzminister Lars Klingbeil verweist auf eine Zusage der Bundesregierung und darauf, Deutschland wolle und könne sich Olympische Spiele leisten. Auf der anderen Seite stehen kommunalpolitische und zivilgesellschaftliche Einwände: Genannt werden etwa die Kritik, Mittel fehlten für Soziales, Kultur und Wohnungsförderung, zudem die Warnung vor steigenden Lebenshaltungskosten und neuen Schulden. In der Frage, wie mit einem möglichen Scheitern bei der IOC-Entscheidung umzugehen ist, entsteht damit ein zweites Risiko, das nicht durch einen infrastrukturellen Baustellenplan allein gelöst wird.
Der zeitliche Fahrplan ordnet die Kandidatur in den internationalen Wettbewerb ein: Ein lokales Bürgervotum vom 26. Oktober 2025 ging voraus, bei dem 66,42 Prozent der Teilnehmenden für die Pläne votierten. Die erste Vorauswahl für die Sommerspiele 2036 soll im März 2027 abgeschlossen sein; die strategischen Verhandlungen mit dem IOC laufen bis Ende 2028, bevor das IOC im Sommer 2029 über die Vergabe entscheidet. Als internationale Konkurrenten werden unter anderem Ahmedabad, Doha, Istanbul, Budapest, Santiago de Chile und Madrid genannt; zusätzlich gebe es Signale aus London. Auch das Thema Doppelvergabe für 2036 und 2040 wird international diskutiert. Für den Münchner Nordosten bedeutet das: Eigentümer und Investoren sollten jetzt nicht nur auf die Chancen aus dem Projektportfolio schauen, sondern auch auf die Risikoseite einer möglichen Nichtberücksichtigung, insbesondere dort, wo Planungs- und Finanzierungspfade bereits vor einer finalen IOC-Entscheidung anschieben.
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