LONDON (IT BOLTWISE) – Die Angst vor einem Börsencrash im Oktober lässt sich historisch für den S&P 500 nur schwer belegen. Seit Einführung des Index 1957 beendete er laut dem US-Marktkolumnisten Mark Hulbert 93 % der Jahre höher als sein jeweiliges Oktober-Tief. Dazu passen Auswertungen, die auch bei einzelnen Crash-Szenarien sehr niedrige monatliche Wahrscheinlichkeiten nahelegen. Im Herbst treffen Anleger zudem auf steigende US-Anleiherenditen, einen fragilen Rendite-/Volatilitätsmix und Belastungen durch Ölpreis sowie Emissionsvolumen.

Für viele Privatanleger wirkt der Oktober wie ein fester Prüfstein: Viele Märkte haben im Gedächtnis, dass sich in den letzten Jahren gerade in diesem Monat Diskussionen über Rezessionsängste, geopolitische Risiken und „Sell in May“ bisweilen in die Gegenrichtung drehen. Der aktuelle Gedanke dahinter klingt plausibel, ist aber statistisch offenbar weniger belastbar als das Bauchgefühl. Laut dem US-Marktkolumnisten Mark Hulbert lässt sich für den S&P 500 seit dem Jahr 1957 kein erhöhtes Crash-Risiko speziell im Oktober ableiten. Genau dieses Muster rückt die Debatte von einer Jahreszeit-Einordnung hin zu messbaren historischen Relationen.
Hulbert argumentiert mit einer konkreten Grundregel aus dem Indexverlauf: In 93 % der Jahre schloss der S&P 500 zum Jahresende höher als das jeweilige Oktober-Tief. Entscheidend ist dabei nicht nur die Trefferquote, sondern auch die Größenordnung der anschließenden Erholung. Der durchschnittliche Anstieg vom Oktober-Tief bis zum Jahresende habe bei 7,4 % gelegen, also fast doppelt so hoch wie in den übrigen elf Monaten. Das wirkt wie ein Gegenbeispiel zu „Oktober gleich Crash“, denn die Daten deuten eher darauf hin, dass Tiefs in diesem Zeitraum häufig nicht das Finale bleiben.
Auch probabilistische Modelle liefern in der Quelle eine ähnliche Richtung. Eine Studie von Harvard-Ökonom Xavier Gabaix beziffert demnach die Wahrscheinlichkeit eines Tageseinbruchs im Ausmaß des Crashs von 1987 auf 0,06 % – und zwar als Monatswahrscheinlichkeit. Für Rückgänge wie im Jahr 1929 nennt die Arbeit 0,30 % pro Monat; die Logik dahinter: Je nach „Crash-Level“ ist das Ereignis zwar selten, aber die Relevanz liegt in der Abgrenzung zwischen „selten“ und „besonders im Oktober“. Daneben wird eine weitere Untersuchung von Robin Greenwood, Andrei Shleifer und Yang You angeführt, die ebenfalls keine signifikante Abweichung vom historischen Durchschnitt gefunden haben soll. Für Anleger bedeutet das: Wenn die Verteilung der Extremereignisse über das Jahr ähnlich bleibt, verlieren monatsspezifische Schlagworte an Erklärungskraft.
Während die Saisonalität statistisch also nicht zwingend zur Crash-Erzählung passt, verschieben andere Faktoren den kurzfristigen Takt. In der Quelle wird sichtbar, dass sich Strategien und Ziele für den S&P 500 im September teils widersprochen haben: Ed Yardeni senkte sein Jahresendziel von 8.400 auf 7.900 Punkte, Ohsung Kwon kürzte es in derselben Woche von 7.950 auf 7.700. Andere Einschätzungen gingen dagegen nach oben, etwa Michael Purves mit einem Ziel von 8.500 Punkten als derzeit höchster Marke im Markt. Das ist weniger ein „Beweis“ für eine konkrete Kursrichtung als ein Hinweis darauf, dass die Erwartungsbildung stärker von Bewertungslogik und Makrodaten abhängt als von Kalenderregeln.
Technisch betrachtet spielt in diesem Umfeld auch die Volatilität eine Rolle, weil sie häufig als Frühindikator dafür dient, wie riskant Marktteilnehmer das unmittelbare Gewinn-/Zinsumfeld einschätzen. Der Volatilitätsindex VIX sei Mitte September unter 15 gefallen – und das gerade dann, wenn die Schwankungsbreite saisonal tendenziell eher zunimmt. Ein TV-Kommentator bezeichnete diese Konstellation sinngemäß als „unheimliche Sorglosigkeit“. Gleichzeitig klettern die Renditen von US-Staatsanleihen, während die US-Staatsverschuldung laut Quelle auf rund 40 Billionen US-Dollar steigt. Genau diese Kombination ist für Aktienmärkte brisant: Höhere Renditen wirken oft als Bewertungsbremse, weil Diskontierungsraten steigen und Risikoaufschläge neu verhandelt werden.
Auch der konkrete Verlauf der vergangenen Septembers wird als Kontext herangezogen. Laut Angaben einer Investment-Gruppe habe der S&P 500 in den zehn abgeschlossenen September-Monaten zwischen 2016 und 2025 im Schnitt rund 1,2 % verloren. In Zwischenwahljahren – genannt wird 2026 als Beispiel – verschlechtert sich diese Bilanz auf durchschnittlich -1,3 %. Das zeigt: Auch ohne Oktober-Fokus können die Daten im Herbst belasten. Für die Frage „Bestätigt sich die Oktober-Statistik in diesem Jahr?“ bleibt deshalb die richtige Erwartungshaltung entscheidend: Nicht jeder Monat folgt dem gleichen Muster, aber die Wahrscheinlichkeit eines speziellen Oktober-Crashs wirkt in den genannten Auswertungen nicht überdurchschnittlich.
Für die nächsten Wochen liegt der Fokus in der Quelle auf konkreten Belastungsfaktoren: ein anziehender Ölpreis infolge der Eskalation zwischen den USA und dem Iran sowie ein hohes Emissionsvolumen bei Unternehmensanleihen, das allein für den September auf etwa 215 bis 250 Milliarden US-Dollar geschätzt wird. Dazu kommt die Frage, wie schnell sich die niedrige Volatilität in neue Preisbildung übersetzt, sobald echte „Oktober-Tage“ anstehen. Auch wenn die historische Statistik gegen die Crash-Erzählung spricht, ist damit keine Garantie verbunden: Vielmehr verschiebt sich die Begründung weg vom Kalender hin zu Zins- und Liquiditätsbedingungen, Ergebnisrisiken und Energiepreisen – genau dort, wo Unternehmen und Investoren ihre kurzfristigen Entscheidungen tatsächlich laufend nachsteuern.
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