BERLIN – Der Sozialflügel der CDU stellt den Kurs der Partei infrage und fordert den CDU-Chef Friedrich Merz zu Veränderungen auf. Die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA) argumentiert, die Union werde ihrer Rolle als Volkspartei nicht mehr gerecht, weil politisches Vorfeld vernachlässigt und gesellschaftliche Gruppen zu stark ausgeblendet würden. Zudem kritisiert die CDA eine zu homogene Zusammensetzung von Mandats- und Funktionsträgern. Parteiliche Umsteuerung soll laut Ankündigung durch eine Klausur des CDU-Präsidiums am 11. Oktober vorbereitet werden.

CDU-Sozialflügel fordert Kurswechsel: mehr Breite statt Verengung
CDU-Sozialflügel fordert Kurswechsel: mehr Breite statt Verengung (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Streit um den Kurs der CDU bekommt aus der eigenen Partei heraus spürbaren Druck: Der Sozialflügel der CDU, die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA), kritisiert den Kurs der Partei scharf und drängt auf eine Neuaufstellung. Ausgangspunkt ist die Diagnose, die CDU werde ihren Ansprüchen als Volkspartei nicht mehr gerecht. Der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke bringt das auf den Punkt, indem er betont, die Partei sei „nur noch in Teilen“ eine Volkspartei. Gerade diese Formulierung zielt weniger auf einzelne Sachfragen als auf das Selbstverständnis der Partei: Wer dauerhaft nur in eigenen Milieus argumentiere, verliere automatisch den gesellschaftlichen Resonanzraum, den eine Volkspartei für Wahlen und Regierungsfähigkeit braucht.

Inhaltlich verknüpft Radtke seine Kritik mit zwei Begriffen, die im Parteidiskurs häufig vorkommen, hier aber deutlich als Ursache-Wirkung-Kette erzählt werden: „politisches Vorfeld“ und „Verengung“. Nach den Aussagen der CDA werde das politische Vorfeld vernachlässigt, gleichzeitig werde die Partei „immer weiter verengt“. Gemeint ist offenbar, dass weniger Menschen und Gruppen in der Union vorkämen, die bislang zu einem breiten Mitte-Spektrum gehörten. Das betrifft Radtke zufolge nicht nur abstrakte Zielgruppen, sondern ganz konkret die Wahrnehmung in der Gesellschaft: Zu viele Menschen erlebten die CDU nicht mehr als „politische Heimat“. Diese Kritik ist auch deshalb so wirksam, weil sie die Partei an einem wahlentscheidenden Faktor festmacht – nicht an der schärferen Formulierung eines Programmpunkts, sondern an der Frage, ob die Union in der Lebensrealität verschiedener Milieus überhaupt sichtbar bleibt.

Die Forderung nach „breiter Neuaufstellung“ ist damit nicht bloß ein Appell zur Rhetorik, sondern eine Frage der Rekrutierung und Repräsentation. Radtke nennt als Beispiel, Beschäftigte aus Industrie, Handwerk, Pflege, Bildung und Mittelstand stärker bei Wahlkreiskandidaturen und Listen zu berücksichtigen. Politisch ist das ein direkter Eingriff in die innerparteiliche Personalpolitik: Listenaufstellungen entscheiden über die tatsächliche Sichtbarkeit in Parlamenten, während Wahlkreiskandidaturen die lokale Verwurzelung in den Regionen prägen. Hinzu kommt ein zweiter Mechanismus, den Radtke anspricht: Mandats- und Funktionsträgerinnen und -träger würden „immer homogener“. Damit beschreibt er eine Entwicklung, die sich in vielen Parteien wiederfindet, wenn Karrierewege zu ähnlich verlaufen und dadurch Perspektiven verengt werden – auch ohne dass jemand einzelne Personen dafür verantwortlich machen müsste.

Bemerkenswert ist zugleich, dass Radtke nicht nur die Gegenwart kritisiert, sondern frühere Signale in die Argumentation einbaut. Er verweist darauf, dass Merz bereits 2021 von entsprechenden Defiziten gesprochen habe. Auch die aktuelle Tonlage wird in diesem Kontext eingeordnet: Der CDA-Chef kritisiert, der Bundeskanzler habe zuletzt Aussagen gemacht, die Menschen „triggern“ würden – etwa mit dem Bild, dass Menschen zu viel krankfeiern und zu wenig Leistungsbereitschaft zeigten. Entscheidend ist dabei die Perspektive Radtkes: Er setzt auf „Abholen“ statt „Treffer durch Zuspitzung“, weil Kommunikation im politischen Wettbewerb häufig nicht nur überzeugen, sondern auch Identität und Zugehörigkeit berühren muss. Daraus folgt seine Forderung nach Veränderung in Verhalten, Ausrichtung und Kommunikation – eine Trias, die im Alltag der Parteiarbeit praktisch heißt: weniger Top-down-Claims, mehr Anschlussfähigkeit an Alltagsprobleme, und zwar so, dass sich neue Zielgruppen tatsächlich wiedererkennen.

Gleichzeitig lehnt Radtke Spekulationen über einen Wechsel im Kanzleramt oder an der CDU-Spitze ab. Solche Optionen würden „immer mal wieder“ aufflammen, hätten aber angesichts „deprimierender Wahlergebnisse“ gerade zusätzlichen Rückenwind erhalten. Aus seiner Sicht sollte man mit solchen Konstellationen nicht „willkürlich“ spielen. Diese Abgrenzung ist politisch wichtig, weil sie zeigt, dass der CDA-Impuls zwar radikal in der Sache sein kann, aber nicht automatisch auf eine Machtfrage reduziert werden will. In die Kritik an Defiziten mischt sich zudem der Blick auf konkrete Wahlresultate: Die CDU habe bei der Wahl in Sachsen-Anhalt um fast 20 Punkte auf 17,2 Prozent eingebrochen und sei in Berlin auf Platz zwei verdrängt worden. Außerdem bezeichnet Radtke das Ausscheiden aus dem Landtag von Mecklenburg-Vorpommern als „Zäsur“. Damit gewinnt die Forderung nach Kurswechsel den Charakter einer Bilanz: Man könne die Probleme nicht wegdiskutieren, wenn die Wahlergebnisse sichtbar widersprechen.

Als institutioneller Hebel wird nun die für Parteistrukturen typische Stufe der Selbstkorrektur in den Vordergrund gestellt: eine Klausurtagung des Parteipräsidiums. Radtke begrüßt eine geplante Beratung, das CDU-Präsidium will am 11. Oktober beraten. Merz hatte zuvor angekündigt, zu einem „neuen Miteinander“ kommen zu wollen. In Radtkes Erwartung steckt jedoch ein Gegenmodell zu Aktionismus: Er fordert „nüchterne Analyse der Defizite“ und warnt davor, schnell nach Lösungen zu greifen, die die Ursachen nur überdecken. Gleichzeitig zeigt sich die praktische Schwierigkeit, die Radtke betont: Die „personelle Breite“ in der Bundestagsfraktion sowie in manchen Landtagsfraktionen lasse sich nicht „von heute auf morgen“ ändern. Das verweist auf einen realistischen Zeithorizont für jede politische Erneuerung – Personalwechsel, Vorlauf für Kandidaturen und innere Abstimmungsprozesse benötigen Zeit, selbst wenn die Richtung klar ist.

Für Unternehmen, Verbände und Interessenvertreter, die traditionell mit der CDU in Kontakt stehen, steckt in der Debatte ein konkreter Realitätscheck: Wenn eine Partei behauptet, „arbeitende Mitte“ zurückgewinnen zu wollen, muss das nicht nur in Programmlinien, sondern auch in der institutionellen Anbindung sichtbar werden. Die genannten Gruppen – Industrie, Handwerk, Pflege, Bildung, Mittelstand – stehen für sehr unterschiedliche Arbeitswelten und politische Erwartungen. Entsprechend steigt die Relevanz, wie die CDU künftig Themen in ihrer Breite verankert: nicht allein über Kampagnen, sondern über wiederkehrende, belastbare Formate der Einbindung und über Kandidatenprofile, die Fach- und Erfahrungswissen spiegeln. Gleichzeitig bleibt offen, ob die innerparteiliche Neujustierung auch die Wahrnehmung in der Fläche verbessert, denn „Volkspartei“ ist am Ende eine Vertrauensfrage, die sich in vielen Wahlkreisen gleichzeitig entscheiden muss. Der nächste Prüfstein wird deshalb weniger die Rhetorik der Klausur sein als das, was anschließend bei Nominierungen, in der Kommunikation und in der Priorisierung von Anliegen messbar wird.

Unterm Strich verschiebt der CDA-Impuls den Fokus in der CDU-Debatte weg von einzelnen Positionskämpfen hin zu einer strukturellen Frage: Wie breit ist die Partei in ihren Milieubezügen wirklich, und wie konsistent setzt sie diese Breite in Personalentscheidungen um? Radtkes Mischung aus Kritik an Vernachlässigung des Vorfelds, Warnung vor Verengung und dem Verweis auf Wahlverluste liefert dafür eine klare politische Logik. Dass er zugleich Spekulationen über einen Spitzenwechsel begrenzt, spricht dafür, dass der Sozialflügel primär eine inhaltlich-personelle Kurskorrektur anstoßen will. Welche Geschwindigkeit dabei möglich ist, hängt nun maßgeblich davon ab, ob das CDU-Präsidium die Diagnose in konkrete Schritte übersetzt – und ob die CDU danach tatsächlich wieder stärker als „politische Heimat“ wahrgenommen wird.


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