SCHWEDT / LONDON (IT BOLTWISE) – In Schwedt haben zehn Startups ihre Konzepte für eine Kreislaufwirtschaft im Industriekontext vorgestellt. Die Jury kürte Revoltech, Ligaro und Spark e-Fuels zu den Siegern und stellt dafür Fördermittel von bis zu 300.000 Euro je Projekt in Aussicht. Im Fokus standen Recyclingpapier und Restfasern, ein biobasierter Klebstoff für die Holzindustrie sowie nachhaltiger Flugkraftstoff, der bis 2030 in den Tonnen-Maßstab zielen soll. Damit rücken Pilotanlagen und die Erprobung direkt an der Schnittstelle zu Industrieprozessen deutlich stärker in den Mittelpunkt.

Die Entscheidungen fielen in Schwedt nicht im leeren Pitch-Saal, sondern in einer ehemaligen Produktionshalle auf dem Gelände einer Papierfabrik. Genau das dürfte vielen der zehn teilnehmenden Teams geholfen haben, ihre Ideen weniger als Zukunftsmusik und mehr als umsetzbare Technologiepfade zu beschreiben. Veranstaltet wurde der Wettbewerb im Schwedter Startup Labor, getragen von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde, der Leipa Group und der PCK-Raffinerie. Der Anspruch: nachhaltige Wertschöpfung in der Industrie anstoßen und den Übergang zur Kreislaufwirtschaft praktisch beschleunigen, also nicht nur Materialien neu denken, sondern sie auch in echten Herstellungsumgebungen erproben.
Technisch betrachtet ging es den Teams um eine ganz konkrete Ablösung fossiler Rohstoffe und um die Verwertung von Abfällen in der Fertigungskette. Die Präsentationszeit war knapp: zehn Minuten, in denen die Lösung so begründet werden musste, dass eine industrielle Pilotierung realistisch wirkt. Dafür war auch die Juryzusammensetzung typisch für solche Formate gedacht – Wissenschaftler und Ingenieure hörten die Projekte nicht nur auf die Story, sondern auch auf die Umsetzbarkeit. Dass viele Ansätze an Schnittstellen ansetzen, erklärt sich aus den Ausgangsbedingungen: Wo Reststoffe in großen Mengen anfallen, entscheidet sich die Wirtschaftlichkeit häufig daran, ob Prozesse wie Trocknung, Beschichtung, Verklebung oder Umformung stabil funktionieren.
Ein Beispiel ist Papair aus Hannover, das aus recycelten Papierfasern eine Luftpolsterfolie entwickelt. Co-Gründer Steven Widdel stellte dabei den Anwendungsbezug her: Für Versandunternehmen kann Luftpolsterpapier ein Standardprodukt werden, ohne auf die klassische Kunststoff-Luftpolsterlogik zu setzen. In Schwedt suchte Papair zudem bewusst die Nähe zur Leipa-Papierfabrik, um Recyclingpapier als Input zu nutzen und daraus beschichtetes Papier ganz ohne Kunst- und Klebstoffe zu machen – ein Punkt, der in Recycling- und Packaging-Diskussionen oft den Unterschied zwischen „machbar im Labor“ und „funktioniert im Betrieb“ ausmacht. Revoltech aus Darmstadt verfolgt parallel einen anderen Materialwechsel: Das Startup will einen Lederersatz aus Hanffasern etablieren, der ohne Plastik auskommt, vegan und biologisch abbaubar sein soll. Dabei wurde sichtbar, wie eng Prozesse und Anlagenlaufzeit miteinander hängen: Für einen Pilotansatz soll eine Papiermaschine genutzt werden, die seit zwei Jahren stillsteht – der Hebel ist also nicht nur das Material, sondern auch die Wiederinbetriebnahme mit einem neuen Produktziel.
Dass Reststoffe wirklich zu mehreren Produktlinien führen können, zeigte das Beneficial Design Institute aus Berlin. Im Kern sieht das Institut Leipa als zentralen Partner und will außerdem mit der Uckermärkischen Dienstleistungsgesellschaft zusammenarbeiten. Ziel ist es, Textilabfälle und alte Papierfasern in biologisch abbaubare Plastik-Alternativen umzuwandeln; ein Bio-Hof in der Region verwendet das Material bereits, unter anderem für Verpackungen der Ucker-Linse. Innovationsmanagerin Isabella Rhein unterstrich damit eine typische Erfolgslogik in der Kreislaufwirtschaft: Erst wenn ein Material auch außerhalb der Technikdemonstration in realen Anwendungen landet, entsteht der Nachweis über Handhabung, Entsorgungsweg und Akzeptanz.
Noch stärker in Richtung Verfahrens- und Produktchemie geht Ligaro. Das Startup will in Schwedt ein Labortechnikum aufbauen, um einen biobasierten Klebstoff für die Holzindustrie herzustellen. Als Ausgangsstoff nennt das Projekt industrielle Reste von Verbio Schwedt. Ligaro-Gründerin Florentine Adam deutete an, dass bereits im nächsten Jahr die ersten 200 Kilogramm Klebstoff produziert werden könnten – und zwar wasserfest, ohne Erdöl und als recycelbares Material. Entscheidend ist hier die Frage, welche Rezeptur- und Prozessparameter den Sprung vom Laborscreening in den technischen Betrieb ermöglichen, etwa bei Lagerstabilität und Haftungsprofil. Genau dafür bieten Pilotlabore an Industriestandorten meist die schnellere Lernkurve als Reinraum-Tests abseits der Liefer- und Prozessrealität.
Schließlich gehört auch Spark e-Fuels zu den Gewinnern. Die Jury entschied sich für Revoltech, Ligaro und Spark e-Fuels als Sieger des Wettbewerbs. Spark e-Fuels betreibt bereits eine Pilotanlage in Berlin Adlershof und entwickelt nachhaltigen Flugkraftstoff; als Partner in der Uckermark wurde Enertrag genannt. Der Plan zielt bis 2030 darauf, den Schritt zu kommerziellen Anlagen im Tonnen-Maßstab zu schaffen. Damit verbindet das Projekt einen für viele Unternehmen entscheidenden Zeithorizont: Startups müssen nicht nur die Technologie zeigen, sondern auch das Skalierungsargument liefern – und der Wettbewerb in Schwedt setzt hier auf die direkte Kopplung an industrielle Infrastruktur.
Für die Umsetzung gilt ein weiterer Mechanismus: Die Sieger erhalten bis zu 300.000 Euro, um ihre Projekte vor Ort in enger Verbindung mit der Industrie realisieren zu können. Gleichzeitig macht das Format deutlich, wie stark solche Programme derzeit im Markt wirken können. Sie reduzieren das Risiko für beide Seiten: Startups bekommen finanzielle und organisatorische Unterstützung für die Erprobung außerhalb eigener Laborräume, während Industriepartner früh prüfen können, ob Materialien und Verfahren ihre Versprechen auch bei variierenden Inputqualitäten und realen Prozessbedingungen halten. Damit wird die Innovationskette greifbarer – vom Reststoff zur Anlage, von der Pilotierung zur nächsten Produktionsstufe.
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