BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – SAPs CEO Klein sieht in KI-Produkten eine große Chance für weiteren Wachstumsschub. Im Zentrum steht das Konzept vom „autonomen Unternehmen“, das über eine einheitliche KI-Plattform in Geschäftsprozesse, Daten und die Unternehmenssteuerung eingreifen soll. Laut Klein erwarten Investoren dabei eine Beschleunigung des Umsatzwachstums. Entscheidend sei, KI-Agenten im großen Maßstab so umzusetzen, dass sie messbar Ergebnisse liefern und Kosten senken.

Der SAP-Kurs richtet sich derzeit nicht nur nach kurzfristigen Quartalszahlen, sondern nach einer deutlich breiteren KI-Storyline. Im Gespräch in Berlin stellte der SAP-Vorstandsvorsitzende Klein die These in den Mittelpunkt, dass sich für SAP „die größte Chance für einen weiteren wirklichen Schub“ eröffnet. Der Kern der Aussage: SAP wolle den bestehenden Vorteil aus Unternehmenssoftware, Industriewissen und Datenbeständen stärker in neue KI-Geschäftsprodukte überführen. Damit verschiebt sich der Fokus von klassischer Software-Modernisierung hin zu KI-gestützter Prozessausführung, wobei der Markt gerade darauf wartet, dass sich daraus eine reale Beschleunigung der Umsätze ableiten lässt.
Technisch beschreibt SAP dabei weniger ein einzelnes Modell als vielmehr eine Plattformlogik für das „autonome Unternehmen“. Auf der Kundenkonferenz Mitte Mai in den USA präsentierte SAP das Zielbild, bei dem eine einheitliche KI-Plattform die Geschäftsabläufe der Kunden optimiert. In dieser Sichtweise sind KI-Agenten nicht nur Assistenzfunktionen, sondern sollen in den Arbeitsabläufen „verankert“ werden: Sie greifen auf Daten zu, wirken auf die Unternehmenssteuerung ein und sollen Ergebnisse liefern sowie Kosten einsparen. Für Unternehmen bedeutet das konkret: Statt KI als isoliertes Tool zu betrachten, wird KI in die Prozessketten der ERP- und verwandten Systemlandschaften eingebaut – mit dem Anspruch, dadurch Produktivität dauerhaft zu steigern.
Historisch lässt sich dieses Vorgehen als konsequente Fortsetzung einer mehrjährigen Strategie lesen. Klein ist seit 1999 bei SAP und seit 2019 CEO; in den vorherigen Jahren hatte SAP bereits eine Verlagerung der Geschäfte in die Cloud angestoßen. Die aktuelle KI-Agenda baut darauf auf, weil KI-Systeme in der Praxis auf saubere Datenflüsse, Integrationsfähigkeit und skalierbare Betriebsmodelle angewiesen sind. Gerade im Kontext der Cloudsoftware gewinnt das Thema zusätzlichen Druck: Wer KI-Agenten ausrollen will, braucht eine Infrastruktur, die Inhalte, Kontexte und Berechtigungen konsistent bereitstellt. In der Unternehmenswelt ist das entscheidende Nadelöhr damit nicht nur das Modell-Training, sondern die Produktisierung von Agenten – von der Einbindung in Workflows bis zur Steuerung der Interaktion im Betrieb.
Ein besonders wichtiger Punkt in Kleins Argumentation ist die Abgrenzung zu einem rein „modellgetriebenen“ Ansatz. Er verwies darauf, dass es SAP weniger hilft, sich allein auf große Sprachmodelle bekannter KI-Anbieter zu stützen, weil das SAP dann austauschbar machen würde. Stattdessen setzt SAP auf die Kombination aus Plattformstärke und Domänenwissen, also auf ein Systemdesign, das KI-Agenten mit den konkreten Geschäftsprozessen verbindet, statt sie als allgemeine Chat- oder Textwerkzeuge zu behandeln. Für CIOs und Softwarearchitekten ist das ein Unterschied mit Folgen: Eine Agentenarchitektur, die eng mit ERP-Prozessen, Entscheidungslogiken und Datenregimen verzahnt ist, erfordert andere Anforderungen an Monitoring, Rollen und Funktionssicherheit als ein einzelnes Modell, das nur Inhalte generiert.
Auch die Marktdimension spielt dabei hinein. SAP zählt zu den wertvollsten DAX-Konzernen; 2025 stieg der Erlös dank eines starken Zuwachses bei Cloudsoftware um acht Prozent auf 36,8 Milliarden Euro. Unter dem Strich lag der Nettogewinn bei 7,5 Milliarden Euro. Vor diesem Hintergrund wirkt Kleins KI-Forderung nach einem plausiblen Pfad zu Umsatz- und Margenwirkung: Investoren erwarten eine Beschleunigung, und das Zielbild „autonomes Unternehmen“ dient als strategische Begründung, warum SAP die nächsten Schritte in der Produktfamilie nicht nur als Kostenfaktor, sondern als Wachstumstreiber positioniert.
Für den praktischen Rollout skizziert Klein zugleich eine realistische Grenze: KI-Agenten sollen in verantwortlichen Bereichen Schritt für Schritt mehr Aufgaben übernehmen, aber auch künftig nicht „zu 100 Prozent“ autonom handeln. Er betonte, dass der Mensch am Ende die Verantwortung trägt – ein Hinweis darauf, dass SAP offenbar auf einen Kontroll- und Freigabemechanismus setzt, sobald kritische Unternehmensbereiche berührt werden. Dieser Ansatz dürfte für Unternehmen anschlussfähig sein, weil er die Einführung von Agenten in der Prozessautomation entkoppelt: Teams können mit Teilautomatisierungen starten, Qualitäts- und Ergebnisparameter messen und erst danach tiefer in Entscheidungs- oder Ausführungsschritte vordringen. Entscheidend wird dann, wie gut SAP Fortschritte in seiner Plattform „im großen Maßstab“ belegt – also nicht nur Pilotresultate liefert, sondern die Produktivitätsgewinne auch unter realen Daten- und Integrationsbedingungen nachweist.
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