LONDON (IT BOLTWISE) – Wabi, ein Startup für KI-gestütztes App-Bauen per Prompt, richtet sich stärker auf Agenten-Erlebnisse aus. Mit Wabi 2.0 soll der Nutzer weniger in einem endlosen Chat scrollen, sondern Aufgaben über eine messengerartige Oberfläche steuern. Gleichzeitig bleibt Wabi arbeitsfähig, weil die App bei Bedarf die passende Benutzeroberfläche für die jeweilige Aufgabe erzeugt. Im Kern spiegelt die Änderung den Trend wider, wie Chatbot-Plattformen künftig „Apps in Gespräche“ einbetten sollen.

Wabi startet mit einer auffälligen Weichenstellung: Aus einem Prompt-basierten App-Maker wird ein KI-Messenger, der allerdings weiterhin Apps erzeugen kann. Das Unternehmen begründet den Pivot vor allem mit der wachsenden Nachfrage nach KI-Agenten, also Systemen, die nicht nur Antworten ausgeben, sondern Tätigkeiten anstoßen und entlang von Nutzerintentionen strukturierte Schritte durchführen. Während die ursprüngliche Idee stärker auf das „Vibe-Coding“ und die schnelle Erstellung von Anwendungen aus Eingaben setzte, soll Wabi 2.0 den Zugriff so verändern, dass Gespräche weniger als Ablage funktionieren, sondern stärker wie eine aktive Arbeitsoberfläche.
Die Richtung ist dabei nicht völlig neu, denn Agenten-Workflows lassen sich bereits seit Monaten in unterschiedlichen Ausprägungen beobachten. Neu ist jedoch die explizite Zielsetzung, Chat und Produktivaufgaben enger zu verzahnen. Wabi 2.0 positioniert sich weniger als Konkurrenz zu reinen „Chat-Only“-Assistenten und mehr als Alternative zu Agenten, die zugleich reden und aus Nutzeranfragen heraus konkrete UI-Elemente oder Teilfunktionen mitbringen. Wenn der Nutzer eine Aufgabe beschreibt, soll das System „on demand“ die Oberfläche erzeugen, die zur Aufgabe passt – etwa einen Kalender, ein Formular oder ein Tracker-Widget, statt die Anfrage in einer Texthistorie zu begraben.
Das Interface-Prinzip wird im Wabi-Konzept besonders greifbar: Je länger ein Nutzer mit einem agentenähnlichen Chat arbeitet, desto stärker drohen Historie und laufende Tätigkeiten in einem endlosen Scroll zu verschwinden. Genau dort setzt die neue Interaktionslogik an. Die Gründerin Eugenia Kuyda, die zuvor mit dem KI-Unterhaltungsprodukt Replika bekannt wurde, beschreibt den Ansatz als personalen Agenten, der Aufgaben übernimmt und die jeweils benötigte Oberfläche baut. Der Effekt wäre aus Nutzersicht weniger „eine Unterhaltung“, sondern eher „eine Arbeitsumgebung“, in der der Agent Teile der Bedienung übernimmt und dabei dennoch in einem durchgängigen Gesprächs-/Messenger-Kontext bleibt.
Technisch lässt sich der Ansatz als Verschiebung vom reinen Text-Output hin zu dynamisch erzeugten Frontend-Komponenten verstehen. Wabi braucht dafür eine Abbildung zwischen Intention („Ich möchte meinen Trainingsfortschritt dokumentieren“) und einer UI-Spezifikation, die sich schnell erstellen und bedienen lässt. In der Praxis heißt das: Der Agent muss nicht nur den nächsten sinnvollen Schritt ableiten, sondern auch die Datenstruktur, Eingabefelder und Ansichten so zusammensetzen, dass sie zur Anfrage passen. Kuyda nennt als Beispiele unter anderem Kalorien-Tracker, Gewichtstagebuch und Trainings-/Gewichtslog – also Fälle, bei denen Eingaben wiederkehren, Status sichtbar werden und Nutzer nicht bei Null anfangen wollen.
Auch in den von Wabi 2.0 skizzierten Use Cases aus dem Familien- und Alltagsszenario wird deutlich, warum „Messenger statt Chat-Historie“ als Produktprinzip taugt. Ein Kalender für Kinderaktivitäten, eine App fürs Sprachenlernen oder eine Übersicht zu lokalen, kinderfreundlichen Terminen sind typischerweise keine einmaligen Antworten, sondern wiederkehrende Abläufe. Genau hier entsteht Mehrwert, wenn eine Agenten-Instanz beim Start einer Aufgabe nicht nur Informationen liefert, sondern eine dauerhaft nutzbare Benutzeroberfläche bereitstellt. Aus Unternehmersicht ist das zudem ein Hebel: Sobald sich UI und Aufgabe koppeln lassen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Nutzer weniger zwischen Tools hin- und herwechseln und stattdessen eine zusammenhängende „Agent + App“-Erfahrung erwarten.
Der Zeitpunkt passt in ein breiteres Plattform-Bild: Während Entwickler in Richtung Agenten-Interaktion experimentieren, arbeiten große Chatbot-Ökosysteme daran, dass „Apps“ in einem allgemeinen Chat-Front-End erscheinen. Im Bericht über Wabi 2.0 wird dabei auf eine Entwicklung verwiesen, bei der ChatGPT-Plugins aktualisiert werden sollen, sodass Apps interaktive Erlebnisse direkt innerhalb von ChatGPT bereitstellen können und ihr Name stärker sichtbar in der Seitenleiste platziert wird. Für Wabi bedeutet das zweierlei: Erstens wird die eigene Mission wahrscheinlicher, weil die Infrastruktur auf Plattformseite App-ähnliche Interaktionen unterstützt. Zweitens verschärft sich der Wettbewerb, weil App-Funktionen dann nicht nur in unabhängigen Tools entstehen, sondern auch im UI von etablierten Chatbots „andockbar“ werden.
Für den Markt ist Wabi 2.0 damit weniger ein reines Feature-Update als eine Neuordnung der Nutzerreise. Wer bisher vor allem promptsierte „App-Konstruktion“ erwartet hat, wird nun stärker ein Agenten-Erlebnis erhalten, in dem die App-Umbrella-Funktion als Teil eines zusammenhängenden Workflows wirkt. Gleichzeitig bleibt ein wichtiger Punkt offen: Wabi 2.0 ist zunächst nur per Invite-Code verfügbar, der über die begleitende Community-Kanal-Strategie verteilt wird. Das deutet auf einen kontrollierten Rollout und frühes Feedback hin – und damit auf die nächste entscheidende Frage für KI-Agenten: Wie zuverlässig generieren sie in Echtzeit eine brauchbare UI, wie stabil bleibt sie bei fortlaufenden Aufgaben, und wie gut lässt sie sich in echte Nutzergewohnheiten überführen, ohne dass der Agent selbst zur neuen „Scroll-Quelle“ wird.
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