LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bank of America hat ihre Prognose für den Brent-Ölpreis im zweiten Halbjahr 2026 deutlich angehoben. Ausschlag geben sollen anhaltende geopolitische Spannungen, die den Basistrend im Blick auf Versorgungsunterbrechungen verändern. Im Extremfall sieht die Bank einen Preissprung über 150 US-Dollar je Barrel, wenn die Lieferausfälle rund um die Straße von Hormus länger andauern. Gleichzeitig deuten Signale aus Saudi-Arabien auf eine gewisse Widerstandskraft über alternative Routen hin, die den Markt aber nur begrenzt entspannen dürfte.

Die nächste Brent-Runde dürfte weniger vom kurzfristigen Wetter an den Rohstoffbörsen abhängen als vielmehr von der Frage, wie stabil sich die Lieferketten rund um die Straße von Hormus in den kommenden Monaten wiederherstellen lassen. Genau hier setzt die Bank of America an: In einer aktualisierten Einschätzung für das zweite Halbjahr 2026 erhöhte sie ihre Brent-Prognose auf 95 US-Dollar je Barrel, nachdem zuvor noch 83 US-Dollar erwartet worden waren. Damit verschiebt sich das Szenario weg von einer schnellen Beruhigung und hin zu einer länger anhaltenden Knappheitsphase am Persischen Golf, sofern die bekannten Engstellen weiter wirksam bleiben.
Der Kernpunkt liegt in einer geänderten Grundannahme. Während alternative Transportrouten und teilweise auch eskortierte Tanker Ausfälle durch die Straße von Hormus abfedern können, gilt nach der neuen Darstellung der Bank: Eine rasche Normalisierung der Lieferströme erscheint unwahrscheinlich. Auslöser für diese Einschätzung sind laut Berichtslage fortdauernde geopolitische Spannungen bis Jahresende, die den Markt nicht nur kurzfristig verunsichern, sondern die physische Versorgung strukturell unter Druck halten. Hintergrund ist, dass Teheran den Schiffsverkehr durch die Meerenge nach dem gemeinsamen Vorgehen der USA und Israels gegen den Iran Ende Februar spürbar eingeschränkt haben soll – und damit ein zentraler Flaschenhals des globalen Handelsgeschäfts erneut in den Fokus rückt.
Für die Preisbildung ist dabei entscheidend, wie groß der Versorgungsabzug im Maximum ausfallen kann und wie viel davon bereits wieder kompensiert wird. Die Bank of America schätzt, dass die Ausfälle in der Spitze bei rund 14 Millionen Barrel pro Tag liegen könnten. Zwar seien die Mengen zuletzt rechnerisch im Schnitt noch 4 bis 8 Millionen Barrel täglich unter dem Vorkriegsniveau geblieben, doch genau diese Größenordnung macht den Unterschied zwischen „längerer Dämpfung“ und „akuter Verknappung“ aus. Saudi-Arabien wiederum soll über die Meerenge gestützt durch Satellitendaten seine Rohöllieferungen teilweise wieder hochfahren können: Der Sechstagesdurchschnitt Ende September lag demnach bei etwa 2,9 Millionen Barrel pro Tag, deutlich über einem zuvor gemeldeten August-Niveau von rund 700.000 Barrel pro Tag.
Auch die Geografie des Umwegs zeigt, warum das Risiko nicht einfach verschwindet. Wenn die Straße von Hormus stark eingeschränkt ist, wird der Transport verstärkt auf alternative Exportwege verlagert, etwa über die East-West-Pipeline vom Osten des Landes zum Terminal Yanbu am Roten Meer. Von dort gelangt Rohöl dann auf die Weltmärkte; ein entscheidendes Hindernis ist dabei die Passage Bab el-Mandeb. Genau dort soll sich der Konflikt ausgeweitet haben: Im Jemen konkurrieren Kräfte, die mit dem Iran in Verbindung gebracht werden, mit Gruppierungen, die Saudi-Arabien nahe stehen, um Einflusszonen, die den Zugang zur Meerenge betreffen. Zusätzlich sollen Angriffe eine wichtige Pipeline gestört haben, die Rohöl quer durch das Königreich von der Ost- zur Westküste transportiert – damit steigt der Druck, selbst Ausweichrouten mit höherem Aufwand und geringerer Planbarkeit zu nutzen.
Währenddessen bleibt der Markt auch politisch „auf Kante“. Hoffnungen auf eine Entspannung wurden zeitweise an Gespräche geknüpft, die am Rand der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York aufgekommen sein sollen: Dem Bericht zufolge bot der Iran an, die Straße von Hormus innerhalb von sieben Tagen wieder zu öffnen, falls die USA im Gegenzug ihren militärischen Druck verringern und Blockade beziehungsweise Sanktionen lockern. Konkrete Fortschritte seien jedoch weiterhin nicht verlässlich bekannt gewesen. Parallel dazu spielt auch die weitere Entwicklung rund um den Ukraine-Krieg indirekt hinein, weil sich auf der Beziehungsebene zwischen den USA und Russland wieder Bewegung zeigen soll und Energieinitiativen für die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstand im Raum stehen. Für die kurzfristige Brent-Entwicklung bleibt nach Einschätzung der Bank aber vor allem die Dauer der Störungen rund um Hormus sowie die Stabilität der dadurch ausgelösten Lieferketten maßgeblich.
Wie weit die Preisspirale drehen kann, hängt laut Bank of America nicht nur von der aktuellen Knappheit ab, sondern auch vom Zustand der strategischen und kommerziellen Reserven. Für das kommende Jahr erwartet sie im Basisszenario einen durchschnittlichen Brentpreis von rund 80 US-Dollar je Barrel; die Erwartung wurde ebenfalls angehoben, zuvor waren es 75 US-Dollar gewesen. Das Umfeld werde durch anhaltende Lagerabbauten gestützt, während gleichzeitig ein wachsendes Extremrisiko entstehe: Strategische und kommerzielle Reserven würden „dünner“, und der physische Markt signalisiere mit ausgeprägter Backwardation bereits akute Knappheit. In einer solchen Marktstruktur notieren kurzfristige Lieferkontrakte typischerweise deutlich über späteren Terminen. Wenn die Störungen bis ins Frühjahr 2027 anhalten oder sich Schäden an der Infrastruktur verschärfen, könnte der Brentkontrakt mit der nächsten Fälligkeit nach Einschätzung der Bank weit über 150 US-Dollar je Barrel steigen.
Für Unternehmen, die sich über Energiepreise, Beschaffung oder Kostenplanung absichern müssen, ist genau dieser Unterschied zwischen Basisszenario und Extremszenario entscheidend. Die Bank stellt das Modell von mehr als 150 US-Dollar ausdrücklich als Extremfall dar, nicht als wahrscheinlichstes Verlaufsmuster. Dennoch zeigt die Mechanik, wie schnell aus einer regionalen Engstelle eine globale Preisdynamik werden kann: Sobald alternative Routen nicht mehr im gleichen Tempo kompensieren und die Reserven weniger Puffer bieten, steigen Risikoaufschläge in den vorderen Laufzeiten. Wer im nächsten Jahr Entscheidungen zu Budgets, Preisgleitklauseln oder Hedging-Strategien trifft, sollte daher weniger auf „Entwarnungstermine“ setzen, sondern die Belastbarkeit der Transportwege über den gesamten Korridor hinweg in Szenarien einrechnen.
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