ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Schneemangel im Winter und eine außergewöhnlich warme Phase im Sommer haben den Alpengletschern in diesem Jahr sichtbar zugesetzt. In der Schweiz sind laut dem Schweizerischen Gletschermessnetz Glamos rund 5,5 Prozent des Eisvolumens geschmolzen. Gleichzeitig lag die Nullgradgrenze an 76 Tagen über 4.000 Metern, so häufig wie nie zuvor. Für die Wasserverfügbarkeit bedeutet das kurzfristig Schmelzreserven, mittelfristig aber sinkende Pufferwirkung.

Der diesjährige Hitzesommer trifft die Alpengletscher nicht als einzelnes Extremereignis, sondern als Kombination aus zwei aufeinanderfolgenden Belastungen: zu wenig Schnee im Winter und dann zu viel Wärme im Sommer. Laut dem Schweizerischen Gletschermessnetz Glamos sind in der Schweiz in diesem Jahr rund 5,5 Prozent des Eisvolumens geschmolzen. Glamos bezeichnet das Jahr ausdrücklich als verheerend für die Gletscher. Die Zahlen wirken auf den ersten Blick wie ein lokaler Befund, sind aber auch deshalb relevant, weil sie in eine Messreihe eingebettet sind, die seit über 140 Jahren läuft und damit eher Trends als Zufallseffekte abbildet.
Technisch betrachtet entscheidet sich an den Alpen nicht nur, ob Eis schmilzt, sondern wie lange und in welchem Höhenband die Energieeinträge dominieren. Glamos berichtet, dass die mittlere Eisdicke einzelner Schweizer Gletscher um 2,5 bis vier Meter abgenommen hat. Nur im Rekordjahr 2022 sei der Verlust größer gewesen. Besonders alarmierend ist dabei die Lage der Nullgradgrenze: Sie lag an 76 Tagen über 4.000 Metern, so häufig wie nie zuvor. Zusätzlich verschwand die schützende Schneedecke auf den Gletschern teilweise schon im Juni; im September lag selbst auf 3.500 Metern kein Schnee mehr. Genau diese Kombination reduziert die Zeit, in der Schnee als „Isolierschicht“ wirkt, und erhöht den Anteil der Tage, an denen die Oberfläche direkt oberhalb kritischer Temperaturen Energie aufnimmt.
Aus hydrologischer Perspektive verschiebt sich damit auch das Timing der Wasserverfügbarkeit. Glamos beziffert den Wasserverlust von Juli bis September auf rund 2.200 Milliarden Liter. Das ist mehr als das Vierfache dessen, was die Schweizer Haushalte im Jahr für Trinkwasser benötigen. Für den Sommer ändert sich der Charakter vieler Einzugsgebiete dadurch kurzfristig: Schmelzwasser federt Wasserknappheit ab. Gleichzeitig nimmt dieser dämpfende Effekt mit der schrumpfenden Eisfläche jedoch bereits spürbar ab, weil langfristige Speicher immer kleiner werden. Auch die Dynamik der Gletscherflächen macht deutlich, dass „Schmelze“ nicht nur Volumen bedeutet, sondern auch Strukturverlust: Kleine Gletscher sind bereits verschwunden, etwa der Bella-Tola-Gletscher im Wallis und der Plattalvagletscher (auch Griessfirn genannt) in Glarus. Dass die Gletscher Allalin, Clariden, Großer Aletsch und Rhone in diesem Jahr eine Schmelze wie nie zuvor seit Messbeginn erlebt hätten, unterstreicht, dass es nicht bei einer gleichmäßigen Abnahme bleibt, sondern einzelne Systeme in besonders verwundbare Zustände geraten.
Über die Schweiz hinaus zeigt sich das Muster auch im gesamten Alpenraum, allerdings mit unterschiedlichen lokalen Mechanismen. In Österreich dokumentieren derzeit Freiwillige des Alpenvereins die Folgen nach dem abgelaufenen Sommer. Konfrontiert seien sie mit „massivem Längen- und Massenschwund“, sagt der Alpenvereins-Experte Andreas Kellerer-Pirklbauer. Bei der Pasterze am Fuße des Großglockners zeichnet sich laut den Angaben ein möglicher Rekord-Eisverlust ab. Bemerkenswert ist dabei die Beschreibung des internen Schmelzprozesses: Die Pasterze mache nicht nur der direkten Sonnenstrahlung zu schaffen, sondern werde auch durch Schmelzwasser von innen ausgehöhlt. Kellerer-Pirklbauer vergleicht das Bild mit den Worten: „Wie ein Schweizer Käse durch eine Maus“. Genau solche innengetriebenen Effekte sind für die Geschwindigkeit des Zerfalls entscheidend, weil sie die Stabilität des Eiskörpers schneller untergraben als reine Oberflächenschmelze.
Neben den unmittelbaren Schmelzphasen steht in Österreich auch die langfristige Flächenentwicklung im Vordergrund. Innerhalb von zwei Jahrzehnten sei das Eis in den Bergen um 31 Prozent auf 285 Quadratkilometer zusammengeschrumpft, wie aus dem jüngsten Gletscherinventar hervorgeht; die Daten beziehen sich auf das Jahr 2023. Damit wird ein Kernargument der Debatte praktisch greifbar: Selbst wenn Schmelzwasser im Sommer eine Reserve darstellt, läuft die „Auffüllung“ über neue Schnee- und Eismassen gegen den Trend. Deutschland erlebt diese Konsequenz zeitversetzt und in anderer Größenordnung, aber mit ähnlicher Richtung. Laut einer Vermessung durch den Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und den Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften gingen insgesamt rund eine Million Kubikmeter Eis verloren. Die Umweltforschungsstation Schneefernerhaus an der Zugspitze nennt zudem für das laufende Jahr einen erheblichen Verlust; Blaueisgletscher und Watzmanngletscher gelten inzwischen nur noch als Restflächen, die ihren Status als Gletscher bald verlieren könnten. Perspektivisch könnte es bis Ende des Jahrzehnts in Deutschland keinen Gletscher mehr geben, konkret werden dabei der Nördliche Schneeferner und der Höllentalferner als besonders kritisch beschrieben.
Gleichzeitig zeigt der Blick auf die Zugspitze, dass die Folgen nicht auf „nur“ Gletscherflächen beschränkt bleiben. Vor wenigen Tagen sorgte dort ein Felssturz für Aufsehen; ein Zusammenhang mit den hohen Temperaturen dieses Sommers wird vermutet. Die Abbruchstelle lag in 2.800 Metern Höhe, in einem Bereich, in dem der Boden in der Tiefe teils gefroren war. Nach den vorliegenden Angaben handelte es sich nicht um einen Gletscher, sondern um Permafrost, der das Gestein wie Kleber zusammenhält und mit steigenden Temperaturen auftaut. Für die Forschung ist das doppelt relevant: Tauender Permafrost erhöht das Risiko für Vermessungsteams, und dazu können weitere Faktoren treten, etwa vermehrte Spalten im schmelzenden Eis. Kellerer-Pirklbauer bringt diese Gefahrenlage auf den Punkt: „Es wird durchaus gefährlicher“. Hier wird sichtbar, wie eng Klimawirkungen, Geländesicherheit und Messpraxis miteinander verknüpft sind.
Für die Branche der Wissenschaft, aber auch für Entscheider in Kommunen und Wassermanagement ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Monitoring reicht nicht mehr, um nur vergangene Verluste zu dokumentieren; es wird zunehmend zur Grundlage, um kurzfristige Wasserpuffer und mittelfristige Risiken zeitlich auseinanderzuziehen. Die in den Messnetzen sichtbar werdenden Muster – erhöhte Nullgradgrenze, früh wegschmelzende Schneedecke, beschleunigter Eisverlust und die nachfolgende Veränderung von Speicherkapazitäten – bieten auch Ansatzpunkte für KI-gestützte Auswertungen (KI) auf Basis der vorhandenen Messreihen. Entscheidend ist dabei, dass Modelle nicht nur „Schmelzen“ prognostizieren, sondern auch die Systemfolgen auf Abflussregime und Extremereignisse abbilden. Denn wenn die Eisfläche schrumpft, sinkt die dämpfende Wirkung des Schmelzwassers genau dann, wenn sie in trockenen Sommern besonders gebraucht würde.
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