BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Artem Oral Care aus Berlin ist am 28. September ohne Investor aus der „Höhle der Löwen“ gestartet. In der Woche nach der Online-Premiere meldet das Startup fast viermal so viele Bestellungen wie in der Woche zuvor, überwiegend von neuen Kundinnen und Kunden. Der Deal blieb zwar aus, doch das Team sieht in dem Timing mit RTL+ eine messbare Umsatzwelle. Gleichzeitig arbeitet die Marke weiter daran, über größere Produktionsmengen und einen niedrigeren Preis ins Drogerieregal zu kommen.

Dass ein Deal in der „Höhle der Löwen“ nicht automatisch mit „Erfolg“ gleichgesetzt wird, zeigt Artem Oral Care ziemlich praktisch: Das Berliner Startup ging am 28. September in Folge 4 der 20. Staffel ohne Investor aus dem Studio. Dennoch berichtete das Unternehmen, in der Woche, in der die Folge online ging, fast viermal so viele Bestellungen als in der Woche davor erhalten zu haben – und die allermeisten kamen von Neukundinnen und Neukunden. Für ein Produkt in einer typischen Konsumgüterpreisklasse ist genau dieser Mix aus Reichweite und Conversion entscheidend, weil die Marke nicht erst im Kopf bleibt, sondern direkt in die Kaufentscheidung rutscht.
Technisch betrachtet ähnelt der Effekt weniger einem einzelnen Werbeschub als einem klaren, zeitlich getakteten Funnel: Sobald die Episode bei RTL+ eine Woche vor der Ausstrahlung online verfügbar ist, entsteht eine erste Bestellwelle. Im weiteren Verlauf folgt am Sendeabend ein zweiter Peak, weil das Publikum zur Primetime erneut „eingesammelt“ wird. Das Startup beschreibt dieses Muster explizit als Staffeltypische Dynamik: zwei Wellen, eine kleinere nach der Online-Premiere und eine größere am Sendeabend. Für E-Commerce-Teams ist das auch ein Planungsargument für Tracking und Kapazitäten, denn die Produktseite, der Checkout und die Logistik müssen nicht nur für den einen Sendetermin funktionieren, sondern für ein mehrtägiges Aufmerksamkeitspolster.
Die Finanzierungslücke, die mit dem fehlenden Deal entsteht, wirkt parallel dazu wie ein enges Nadelöhr im operativen Geschäft: Artem hatte im Studio 300.000 Euro für 10 Prozent gefordert und im Gespräch 400.000 Euro für 20 Prozent angeboten, doch kein Investor stieg ein. Das heißt nicht, dass die Marke nicht profitieren konnte; aber es verschiebt die Hebel. Ohne Investor bleibt das Wachstum stärker an selbst aufgebauten Ressourcen hängen, etwa an dem Tempo von Vorproduktion und Lagerplanung. Genau dort wird der Unterschied zwischen „im Fernsehen gesehen“ und „im Regal dauerhaft verfügbar“ spürbar, weil Handelsketten häufig eine Mischung aus niedrigem Regalpreis, verlässlichen Liefermengen und attraktiven Konditionen verlangen.
Im zweiten Schritt geht es deshalb um den Weg ins Drogerieregal – und der wurde im Artikel als klare Kostenrechnung beschrieben. Artem hält fest, dass Oral Skincare „für möglichst viele Menschen zugänglich“ werden soll, und nennt dafür als Orientierung Preisziele unter 10 bzw. unter 15 Euro. Bis dahin braucht es nach Unternehmensangaben deutlich größere Produktionsmengen, um überhaupt zu einem Produktionspreis zu kommen, der einen solchen Verkaufspreis ermöglicht. Daneben steht eine Listung noch aus: Selbst wenn der Preis stimmt, entscheidet am Ende die Aufnahme in das Sortiment über Distribution, Sichtbarkeit und Wiederkauf. Für die Marke bedeutet das konkret: Die Bestellzahlen aus dem TV-Impuls sind ein Startsignal, aber sie ersetzen nicht die harten Stellschrauben der Handelslogik.
Erfreulich ist außerdem, dass das Feedback nach der Ausstrahlung nicht nur aus dem allgemeinen Publikum kam. Laut Team meldeten sich vor allem Zahnarztpraxen, und die Zustimmung aus der Fachwelt wird als früh wichtig beschrieben – auch weil eine Marke, die Zahnpflege neu erklären will, oft von Vertrauen in die Fachkompetenz profitiert. In diesem Punkt wirkt die Story wie ein Marktplatz zwischen Content und Expertise: Die Episode liefert Aufmerksamkeit, die Praxisstimmen liefern Relevanz. Technisch ist das für Marketing- und Produktteams relevant, weil es die Qualität der Leads beeinflusst – nicht nur „mehr Bestellungen“, sondern eher Bestellungen mit höherer Wahrscheinlichkeit für Wiederkauf und Weiterempfehlung.
Was bleibt, ist eine vielschichtige Lehre fürs Startup: „Sehr viel“ lautet die Antwort auf die Frage, was Artem aus der Sendung mitnimmt. Der Kern liegt laut Unternehmen in der Resonanz, die zeigt, dass die Marke einen Nerv trifft. Gleichzeitig wird klar unterschieden: Für andere Gründerinnen und Gründer ist die Sendung zunächst vor allem Werbung vor Millionen Menschen; ob ein Löwe einsteigt, hängt an Bewertung und Bedarf des jeweiligen Investors; ob eine Marke wächst, entscheidet sich am Ende an den Bestellungen. Damit verschiebt sich der Fokus nach dem Auftritt vom Deal-Outcome hin zu datengetriebenen Entscheidungen rund um Preis, Produktion und Distribution – und genau hier entscheidet sich, ob ein TV-Moment in nachhaltige Regalpräsenz mündet.
Auch der weitere Weg ist bereits fest im Blick: Für das kommende Jahr nennt das Team das Ziel, in der Drogerie zu landen, inklusive der dafür notwendigen Schritte. Bis dahin gilt die Kombination aus klarer Positionierung, Skalierung der Mengen und dem Ausbau der Listungsfähigkeit. Für Beobachter in der Konsumgüter- und Health-Tech-Nische bleibt Artem damit ein Beispiel dafür, wie stark die „Offen-Sichtbarkeit“ eines TV-Formats den Marktstart beschleunigen kann – selbst wenn die klassische Finanzierungshilfe aus dem Studio ausbleibt.
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