LONDON (IT BOLTWISE) – XRP liegt nach 90 Tagen erstmals vorn vor Bitcoin und kommt auf einen Kurszuwachs von 37%. Gleichzeitig bleibt der Token laut den vorliegenden Angaben rund 59% unter seinem Allzeithoch von 3,65 US-Dollar. Um wieder auf dieses Niveau zu kommen, bräuchte XRP nach der Rechnung einen Anstieg um 145% und rund 136 Milliarden US-Dollar zusätzlicher Kaufkraft. Welche Rolle dabei kurzfristige Nachfrage, ETF-Zuflüsse und Renditen aus US-Staatsanleihen spielen, steht nun im Fokus.

XRP zieht an Bitcoin vorbei – doch für das Allzeithoch fehlt weiter Nachfrage
XRP zieht an Bitcoin vorbei – doch für das Allzeithoch fehlt weiter Nachfrage (Foto: IT BOLTWISE)
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Nach 90 Tagen sieht die Kurslandschaft bei den großen Kryptowährungen kurzfristig nach einem klaren Sieger aus: XRP liegt mit +37% leicht vor Bitcoin (+36%). Auf dem Papier reicht dieses Momentum aus, um Bitcoin im Zeitfenster zu überholen – in der Gesamtbilanz bleibt der Abstand zum ehemaligen Hoch aber gewaltig. Der relevante Referenzpunkt ist das Allzeithoch von 3,65 US-Dollar aus dem Juli 2025. Bei einem Kurs von rund 1,49 US-Dollar am 1. Oktober 2026 entspricht das einem Rückstand von knapp 59% – und damit einem deutlich anderen Reifegrad der Erholung als etwa bei Bitcoin, das nur etwa 33% unter seinem eigenen Rekord handelt.

Technisch betrachtet ist damit weniger die Geschwindigkeit der Bewegung entscheidend als die „Tiefe“ der vorherigen Rücksetzer. Während der Markt bei einzelnen Assets unterschiedlich stark gefallen ist, kehren Käufer offenbar in ungleichen Tempi zurück: XRP und Solana weisen laut den Angaben die größten Drawdowns vom jeweiligen Peak auf. XRP hat zudem einen auffälligen Sprung erlebt, der einen großen Teil des 90-Tage-Gewinns geprägt hat: Von etwa 1,00 US-Dollar Mitte August ging es bis zum Intraday-Hoch knapp unter 1,70 US-Dollar am 22. August – innerhalb von rund einer Woche also um nahezu 70%. Danach folgte eine partielle Korrektur, bei der XRP im letzten Monat noch einmal etwa 8% zulegen konnte.

Im Vergleich zur „Top-Performing“-Gruppe ist das Bild differenziert. Ethereum kommt im selben 90-Tage-Zeitraum auf +57%, Solana auf +48%, wodurch XRP in dieser Betrachtung nur auf Platz drei landet. Diese Rangfolge ist deshalb wichtig, weil sie die Erwartungshaltung an die nächste Nachfragewelle verändert: Wer im Markt Aufmerksamkeit gewinnt, muss anschließend auch Liquidität in Form neuer Käufe nachliefern. Bei XRP ist der Mechanismus besonders anspruchsvoll, weil der Token zwar eine maximale Gesamtmenge von 100 Milliarden besitzt, aber nicht die gesamte Menge sofort handelbar ist. Es sind den Angaben zufolge etwa 63 Milliarden XRP im Umlauf; zusätzlich existieren noch rund 37 Milliarden Token außerhalb des Umlaufs.

Das zentrale Rechenproblem für das Allzeithoch lässt sich direkt aus der Marktkapitalisierung ableiten. XRP wird aktuell mit einer Marktkapitalisierung von rund 94 Milliarden US-Dollar beziffert. Um den Peak von 3,65 US-Dollar wieder zu erreichen, müsste sich die Marktkapitalisierung auf etwa 230 Milliarden US-Dollar erhöhen. Das bedeutet: Es wären ungefähr 136 Milliarden US-Dollar zusätzlicher Kaufkraft nötig. Genau hier zeigt sich, warum einzelne Nachfragequellen wie ETF-Zuflüsse oder einzelne Unternehmenspositionen zwar relevant, aber rechnerisch nicht ausreichend sind. Evernorth hält nach den vorliegenden Angaben 473 Millionen XRP in seinen Büchern, insgesamt rund 705 Millionen US-Dollar – das geplante Börsenlisting auf Nasdaq ist dabei noch nicht erfolgt. US-XRP-ETFs bündeln derweil etwa 1,18 Milliarden XRP mit einem Wert von ungefähr 1,77 Milliarden US-Dollar; in einer kurzen Spanne Ende September sollen allein 75 Millionen US-Dollar in diese Produkte geflossen sein.

Zusammen betrachtet ergibt sich daraus eine Obergrenze für den Beitrag dieser „organisierten“ Nachfrageseite: Evernorth plus ETFs halten rund 1,65 Milliarden XRP, also etwa 2,6% des zirkulierenden Angebots. In Wertgrößen gesprochen sind das etwa 2,5 Milliarden US-Dollar – und damit weniger als 2% der rund 136 Milliarden US-Dollar, die für den Sprung zurück zum Allzeithoch benötigt würden. Der Engpass liegt damit nicht im Fehlen von Käufern als solcher, sondern in der Skalierung: Um die restliche Lücke zu schließen, müssen zusätzliche Marktteilnehmer über längere Zeit hinweg kontinuierlich kaufen. In der Praxis heißt das auch: Solange der Preis nicht dauerhaft über den bisherigen Widerstandsmarken stabilisiert, bleibt ein großer Teil des Marktmechanismus eher spekulativ und weniger strukturell.

Ein weiterer Bremsfaktor ist die Opportunitätskostenfrage. XRP zahlt keine Zinsen, während US-Anleihen als relativ „sicherer Hafen“ attraktiver bleiben. Laut den Angaben lag die 10-jährige US-Staatsrendite (Treasury Yield) am 25. September bei 5,17% und nähert sich damit ihrem Hoch aus dem Jahr 2007. Das verschiebt die Risikoprämie: Wer XRP hält, verzichtet auf die laufende Rendite, die sich bei Treasuries erzielen lässt. Dazu kommt, dass makroökonomische Erwartungen häufig kurzfristige Liquidität aus volatilen Assets abziehen, gerade wenn die Zinslandschaft wieder angepasst wird; in dem Zusammenhang wird auch auf die Federal-Reserve-Ratsentscheidung vom 16. September sowie auf weitere Termine am 27. und 28. Oktober verwiesen.

Ob XRP sein Allzeithoch von 3,65 US-Dollar noch im Jahr 2026 testet, wird in den vorliegenden Szenarien als unwahrscheinlich eingeordnet. Der Grund ist die Kombination aus benötigter Kursdynamik (+145% bezogen auf den genannten aktuellen Stand) und der Größenordnung neuer Käufe (rund 136 Milliarden US-Dollar). Bei Evernorth und den ETFs zusammen entfallen weniger als 2,6% des zirkulierenden Angebots auf diese relativ klar umrissene Nachfragebasis, während die Renditealternativen durch Treasuries einen strukturellen Gegenpol setzen. Für den nächsten Impuls werden zudem technische Marken genannt: Ein täglicher Schluss über 1,70 US-Dollar könnte als positives Signal gelten, während ein Abrutschen unter 1,40 US-Dollar die Wahrscheinlichkeit erhöhen würde, dass XRP zurück Richtung 1,00 US-Dollar läuft. Für Unternehmen und Investoren heißt das letztlich: Der „Hebel“ liegt weniger in einzelnen Schlagzeilen wie dem Überholen von Bitcoin – sondern in der Fähigkeit, über Monate hinweg zusätzliche Nachfrage zu mobilisieren, während die Zinsseite als Konkurrenzmodus weiterhin aktiv bleibt.


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