BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Berliner Volksbühne hat ihre Saison mit einer lautstarken Kunstaktion eröffnet und dabei ihr temporäres 25-Meter-Schwimmbecken endgültig hinter sich gelassen. Die österreichische Künstlerin Florentina Holzinger seilt sich mit Performerinnen vom Theater ab und schrubbt die Fassade, während Wasserfontänen in den Himmel schießen. Als Intendant Matthias Lilienthal das Freibad als Protest gegen den Verfall städtischer Infrastruktur beschreibt, wird auch klar, dass die Aktion ein Zeitfenster über die Theater-Sanierung hinweg überbrücken sollte. Im Hintergrund stehen zudem frühere Kontroversen um eine geplante Veranstaltung des Vereins Each One Teach One (EOTO).

Die Berliner Volksbühne nutzt den ungewöhnlichsten Teil ihres Spielstättenalltags gleich als Auftakt: Statt einen klassischen Neujahrs- oder Saisonbühnenapplaus zu planen, wurde am Theater eine temporäre Badegelegenheit eingerichtet und am Ende wieder abgeräumt. Das sommerliche „Volksbad“ mit einem 25-Meter-Becken diente nicht nur dem Freizeitwert, sondern wurde von Intendant Matthias Lilienthal auch als sichtbares Gegenmodell zu einem spürbaren Infrastrukturverfall in der Stadt gerahmt. Während man im regulären Betrieb normalerweise mit Bauplanungen, Sicherheitsfreigaben und Revisionsphasen rechnet, rückte hier Wasser als öffentliches Ereignis direkt an die Fassade des Hauses.
Den Abschluss dieser Phase setzte das Haus dann mit einer performanceartigen Reinigung in Szene. Florentina Holzinger, die unter anderem für Inszenierungen wie „Sancta“ bekannt ist, ließ sich gemeinsam mit Performerinnen vom Theater abseilen und schrubbte anschließend die Fassade. Das Setting wirkte wie ein physischer Kommentar zur Idee von „Sauberkeit“ und „Erneuerung“: Aus dem Auftritt heraus entstanden regelrechte Wasserfontänen, die hoch in die Luft schossen und die Aktion gleichzeitig spektaulär und handfest machten. Damit wurde nicht nur ein Pool beendet, sondern auch ein Bild dafür erzeugt, wie viel Aufwand und Risiko in der Gestaltung von öffentlichen Räumen steckt, wenn Kunst, Körper und Infrastruktur aufeinandertreffen.
Finanziell zeigt sich dabei eine typische Spannung zwischen Stadtöffentlichkeit und Budgetlogik. Laut einem Medienbericht, der sich auf Angaben zur Volksbühne stützt, stiegen die Kosten für das Projekt von rund 300.000 Euro auf etwa 410.000 Euro. Gleichzeitig verweist die gleiche Darstellung auf eine Größenordnung von insgesamt etwa 20.000 Besucherinnen und Besuchern, die das „Volksbad“ genutzt haben sollen. Die Programmidee umfasste zudem Kurse im Kraulen und Synchronschwimmen – ein Detail, das die Aktion vom bloßen Spektakel abgrenzt und eher als niedrigschwellige Aneignung von Sportangeboten positioniert. Für die technische Seite bedeutet das: Ein öffentlich zugängliches Becken in unmittelbarer Nähe zu einer Spielstätte ist nicht nur organisatorisch, sondern auch betrieblich anspruchsvoll, weil Betrieb, Reinigung, Sicherheitslogik und Zeitfenster für die Hauptbaustelle zusammenpassen müssen.
Dass das Thema „Öffentlichkeit“ in Berlin nicht konfliktfrei ist, wurde im Umfeld des Volksbads besonders deutlich. Gegen Ende des Sommers war das Projekt wegen einer geplanten Veranstaltung für Menschen der schwarzen Community in den Fokus geraten. Nach teils rassistischen Diskussionen und Drohungen sagte das Theater die geplante Aktion des Vereins „Each One Teach One“ (EOTO) ab. Lilienthal äußerte sich dazu in einem Interview und sagte sinngemäß, dass es „diese Geschichte mit EOTO“ für ihn bis heute „totaler Scheiß“ gewesen sei, und berichtete zugleich, der Shitstorm habe Mitarbeitende und ihn zu „Freiwild“ auf der Straße gemacht, sodass er sich „nicht mehr“ vor das Haus getraut habe. Die Debatte habe ihm vor Augen geführt, welche politische Macht „rechte Streamer“ in Berlin entfalten könnten; am Ende stand als persönliches Statement auch „Dafür schäme ich mich.“ Solche Passagen machen klar, dass es bei Kulturprojekten nicht nur um ästhetische Entscheidungen geht, sondern auch um die Schutz- und Handlungslage von Menschen im öffentlichen Raum.
Gleichzeitig hatte das „Volksbad“ auch eine strategische Funktion im Kalender des Theaters. Mit der Freibadaktion überbrückte die Volksbühne die Zeit, bis die Obermaschinerie im Haus saniert werden konnte – also jenes technische Herzstück, das beispielsweise für Vorhänge, Bühnentechnik, Hebe- und Bewegungsabläufe in Produktionen entscheidend ist. Wenn ein Haus diese Komponente aufwendiger erneuern muss, entsteht in der Regel ein Spagat: Einerseits dürfen Produktionen nicht riskant in der laufenden Saison geplant werden, andererseits will man das Publikum nicht in eine kulturelle Pause „verlieren“. Dass zum Auftakt der ersten Spielzeit abends zusätzlich ein Gast- oder Performanceformat wie „House of Hopes“ des Kollektivs Rimini Protokoll vorgesehen war, zeigt den Versuch, den Bühnenraum trotz Sanierungskorridor inhaltlich zu besetzen.
Für die Branche bleibt vor allem die Kombination aus Kunstakt, öffentlicher Infrastruktur und politischem Konflikt lehrreich. Die Aktion macht sichtbar, wie sehr Theaterhäuser heutzutage nicht nur Produzenten von Inszenierungen sind, sondern auch Betreiber komplexer Schnittstellen zwischen Stadt, Publikum und Technik. Zugleich stellt sich für ähnliche Einrichtungen die Frage, wie man temporäre Großprojekte plant, wenn öffentliche Debatten eskalieren und Sicherheits- sowie Schutzbedarfe steigen. Das Beispiel der Volksbühne deutet an, dass „Entscheidungsspielräume“ nicht nur in künstlerischen Konzepten liegen, sondern ebenso in der Fähigkeit, Technik-Zeitpläne, Finanzierungslogik und gesellschaftliche Risiken in einer einzigen, nachvollziehbaren Linie zusammenzubringen.
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