PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Frankreichs Luftwaffe will 2028 bemannte Kampfjets mit KI-gesteuerten Drohnen in einem kooperativen Testflugverbund erproben. Das Programm Hypairion soll eine offene, modulare Systemarchitektur schaffen und kritische KI-Funktionen stärker unter staatlicher Kontrolle halten. Zuständig ist dabei unter anderem eine Verteidigungs-KI-Behörde mit Schwerpunkt auf Command-and-Control und Missionsautonomie. Parallel werden Mirage-2000-Maschinen am Standort Mont-de-Marsan zu KI-Testplattformen umgerüstet, um Use Cases wie Flugweg-Optimierung und autonome Entscheidungsunterstützung schrittweise zu validieren.

Frankreich setzt bei Künstlicher Intelligenz nicht nur auf neue Fähigkeiten, sondern auf die Kontrolle über deren „Betriebssystem“. Im Projekt Hypairion planen Luftwaffe, die französische Rüstungsdirektion (DGA) und eine staatliche Agentur für Verteidigungs-KI, bereits 2028 einen ersten groß angelegten Test zu fliegen: bemannte Kampfjets sollen dabei mit unbemannten Kampfdrohnen kollaborieren. Die technische Linie ist dabei bewusst politisch-technisch aufgeladen: Statt zentrale Steuer- und KI-Komponenten von Zulieferern „einsperren“ zu lassen, will der Staat die Architektur offen und modular halten und die souveräne KI-Fähigkeit so auslegen, dass sie im Kern nicht proprietär von einzelnen Anbietern abhängig bleibt.
Als Kernidee nennt ein Offizier der Luftwaffe die offene, modularisierte und „im Besitz der Regierung“ liegende Architektur. Konkret richtet sich der Ansatz gegen proprietäre Systeme, die typischerweise Sensorik und Wirkungskette abschotten. Diese Strategie ist aus Wettbewerbssicht besonders relevant, weil sich in Europa und den USA der Markt für „loyal wingmen“ in den letzten Jahren stark auf kooperative Plattformen verlagert hat. Unternehmen arbeiten dabei an Konzepten, in denen Drohnen Daten liefern, Positionen halten oder Aufgaben übernehmen. Hypairion soll demgegenüber einen Teil der kritischen Technologie bewusst im staatlichen Zugriff behalten, damit Frankreich KI-Funktionen nach Bedarf anpassen und nicht langfristig an Schnittstellen gebunden bleibt, die ein Hersteller allein definiert.
Technisch fällt unter die staatliche KI-Fähigkeit vor allem der Ausbau von Command-and-Control und Missionsautonomie. In der Beschreibung der zuständigen KI-Organisation wird Missionsautonomie als KI verstanden, die Piloten bei Mission Planning, Entscheidungen im Flug sowie bei der Auswertung nach dem Einsatz unterstützt. Das ist weniger „voll autonome“ Kriegsführung, sondern eine Stufenlogik: KI soll die kognitive Last reduzieren, aber die Verantwortungsbereiche bleiben menschlich. Die Aussagen legen dabei nahe, dass man Autonomie zunächst als Entscheidungs- und Planungsassistenz operationalisiert, etwa durch Vorschläge für Flugwege oder taktische Momente, in denen bestimmte Waffen zum Einsatz kommen.
Damit die Assistenz nicht nur als Demo funktioniert, stattet die Luftwaffe zwei Mirage-2000-Maschinen am Luftwaffenstützpunkt Mont-de-Marsan als KI-Testbeds aus. Ergänzt wird dabei ein neuer Rechner, mit dem sich „verschiedene Arten von Use Cases“ beginnend noch in diesem Jahr prüfen lassen sollen. Für den Projektfortschritt sieht das Programm keine harte „sofort einsatzfähige“ erste Stufe vor. Stattdessen steht die inkrementelle Validierung im Vordergrund: Energieverbrauch, System-Interfacing und die Frage, wie gut KI-Module in bestehende Flugzeug- und Missionssysteme eingesteuert werden können. Der Zeitplan für konkrete kollaborative Experimente bleibt dabei auf 2028 ausgerichtet; die geplante Drohne wird als Testplattform eingeordnet und ist nicht automatisch identisch mit dem späteren Wingman-Konzept für den Rafale.
Im Hintergrund läuft parallel die Weiterentwicklung des Rafale-Standards. Für die erste Version des Rafale F5 nennt die DGA einen Zielhorizont bis 2033; bis dahin will man auf kollaborative Plattformen innerhalb des aktuellen F4-Standards setzen. Für die Integration von KI soll der Nutzen vor allem in der Unterstützung der Besatzungen liegen: Die Rede ist von der „außergewöhnlich hohen“ kognitiven Last, die zukünftige Operationen bewältigen müssen. Als anschauliches Beispiel wird ein Laser-Designations-Pod mit KI-Fähigkeiten genannt, der Ziele vorselektieren soll, indem er ein Gebiet abtastet und der Besatzung eine Liste potenzieller Treffer liefert. Zusätzlich wird betont, dass ein Umbau während der Flugmission denkbar bleiben soll: Softwareaktualisierungen nach dem ersten Einsatz sollen eine Anpassung an gegnerische Gegenmaßnahmen ermöglichen.
Hypairion wird dabei als Architekturprojekt verstanden, das Sicherheit und Missionsfähigkeit trennen will. Die Metapher der „fliegenden Computer“ zielt auf die Erwartung, dass Hardware- und Softwareteile so aufgebaut sein müssen, dass sich Bedienung und Funktionen ändern lassen, ohne die Sicherheitsbasis zu kompromittieren. Gleichzeitig adressiert der Ansatz Systemoffenheit als strategisches Ziel: Die Streitkräfte sollen KI an eigene Bedürfnisse anpassen können und dafür einen offenen Systemzugang behalten. Ein weiterer Punkt betrifft die Skalierung über die Einsatzdoktrin hinaus: Das Projekt umfasst eine Roadmap für Usage Concepts, die Weiterentwicklung der Doktrin, den Ausbau der Belegschaft sowie die konkrete Ausrüstung. Am Ende steht eine erste großflächige Erprobung kollaborativer Kampfdrohnen, die 2028 neben Kampfjets fliegen sollen, einschließlich der Frage, wie ein zukünftiges Staffelschema in den Jahren 2035 oder 2040 aussehen kann, wenn Computer- und KI-Kompetenz im Einsatzalltag deutlich stärker präsent sein wird.
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