FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Das deutsch-französische Raumfahrt-Startup The Exploration Company (TEC) holt Susanne Wiegand in sein Board. Die Ex-Vorstandschefin des Augsburger Panzergetriebeherstellers Renk soll vor allem industrielle Skalierung, Governance und internationales Wachstum mit Fokus auf die Raumkapsel- und Triebwerksentwicklung begleiten. TEC arbeitet parallel an der Raumkapsel „Nyx“ und an einem wiederverwendbaren Raketentriebwerk namens „Storm“, während weitere Projekte zur schweren Nutzlast langfristig im Raum stehen. Mit einer Finanzierung von zuletzt 450 Mill. Dollar und einem Gesamtvolumen von 680 Mill. Dollar will das Unternehmen Tempo in Richtung Demo-Flug zur ISS halten.

Mit der Berufung von Susanne Wiegand ins Board setzt The Exploration Company (TEC) ein klares Signal: Das Startup will seine nächsten Wachstumsstufen nicht allein über Technikteams und Entwicklungspläne absichern, sondern auch über Führungskompetenz aus Industrie- und Governance-Kontexten. Wiegand wechselt dabei aus einer Rolle, die im Rüstungskontext wie auch im industriellen Großserienumfeld geprägt war. Vor allem die Kombination aus früherer Vorstandsverantwortung bei Renk, Aufsichtsgremien in weiteren Industrieunternehmen sowie ihre Erfahrung aus Stationen bei Rheinmetall und Thyssen Krupp Marine Systems soll die Lücke zwischen Prototypenphase und skalierbarer Fertigung schließen.
Technisch steht bei TEC ohnehin der Aufbau eines Systems im Vordergrund, das mehr verlangt als reine Flugsoftware: Eine Raumkapsel-Entwicklung wie „Nyx“ braucht belastbare Test- und Abnahmestrategien, saubere Lieferketten und eine Engineering-Organisation, die wiederholt unter Zeitdruck zuverlässige Revisionen liefert. Dazu kommen für ein wiederverwendbares Raketentriebwerk namens „Storm“ weitere Hürden rund um Materialverhalten, thermische Beanspruchung und die Frage, wie sich Wiederverwendbarkeit wirtschaftlich so gestalten lässt, dass sie nicht nur im Labor funktioniert, sondern in der Betriebsroutine. Genau an diesen Stellen wird Board-Expertise besonders relevant, weil Governance und industrielle Skalierung typischerweise jene Themen sind, die in der Entwicklungsphase „durchwinken“, später aber über Ausschussquoten, Lieferzeiten und Haftungsrisiken entscheiden.
Wiegands Profil ist dabei nicht zufällig passend gewählt. Laut den Angaben aus dem Umfeld der Personalie bringt sie unter anderem Erfahrung aus dem Advisory Board eines Drohnen-Startups mit und war von Mai 2021 bis Ende Januar 2025 Vorstandsvorsitzende beim Augsburger Panzergetriebehersteller Renk. Dass Wiegand Renk nach einem Börsengang im Februar 2024 im Laufe des Folgejahres wieder verließ, deutet auf eine Führungsphase hin, die bereits die „Zweiteiligkeit“ solcher Vorhaben fordert: Erst werden technische und organisatorische Meilensteine aufgebaut, dann müssen Kapitalmarkt-Erwartungen in belastbare Betriebskennzahlen übersetzt werden. Auch ihre Station als Divisionschefin bei Rheinmetall sowie die frühere Rolle bei Thyssen Krupp Marine Systems passen in das Bild einer Managerin, die Strukturen in sicherheitskritischen und komplexen Wertschöpfungsketten kennt.
Marktseitig wird die Einordnung noch deutlicher, wenn man die Projekt-Pipeline und die Kapitalbasis von TEC zusammenzieht. Das 2021 gegründete Unternehmen, das unter anderem an der Raumkapsel „Nyx“ arbeitet, plant den ersten Demo-Flug zur Internationalen Raumstation ISS für das Jahr 2028. Parallel entwickelt TEC ein wiederverwendbares Raketentriebwerk („Storm“) und will langfristig zusätzlich eine eigene Schwerlastrakete auf den Weg bringen. Solche Meilensteine kosten nicht nur Entwicklungskapazität, sondern auch Risikomanagement: Zwischen Demo-Flug, Integrationstests und wiederholbaren Betriebsprozessen entsteht ein System aus Verträgen, Lieferantentests, Zulassungsunterlagen und Qualitätsmessungen. Genau dafür wirkt eine Governance-Erweiterung aus dem Industrieumfeld wie ein bewusstes Investment in die „Betriebsfähigkeit“ des späteren Raumfahrtgeschäfts.
Auch die Finanzierungslogik stützt diese Lesart. TEC hatte Anfang September 450 Mill. Dollar in einer Finanzierungsrunde eingesammelt; ein Großteil der Mittel soll dabei vom US-Investor Bessemer Venture Partners gekommen sein, zusätzlich vom Londoner VC-Investor Atomico sowie vom Scaleup Europe Fund. Insgesamt beziffert das Startup das Finanzierungsvolumen damit auf 680 Mill. Dollar. Für die Organisation bedeutet das: Die nächsten Budgets werden nicht nur die Forschung finanzieren, sondern vor allem die Umstellung auf Produktions- und Betriebsstrukturen, etwa für wiederholte Triebwerkstests oder die zeitliche Abstimmung zwischen Kapsel, Träger und Bodeninfrastruktur. In der Wachstumsphase wird die Frage „Wie schnell können wir verlässlich liefern?“ zur Strategie, nicht zur Nebenbedingung.
Im Kontext europäischer Raumfahrt-Initiativen zeigt sich zugleich ein klarer Trend: Viele Teams bewegen sich zunehmend von Einzelprojekten hin zu „Full-Stack“-Ansätzen, bei denen sowohl Start- als auch Nutzlastlogistik und Missionsbetrieb als zusammenhängendes Produkt gedacht werden. Dass TEC in den Raumkapsel- und Triebwerksstrang investiert und zusätzlich eine Schwerlastrakete als Langfristziel nennt, passt in diese Entwicklung. Für die Branche eröffnet das auch eine Wettbewerbsdynamik: Wer die Demo-Phase erfolgreich durchläuft, kann nicht nur technologisch, sondern auch vertraglich an Boden gewinnen, weil der Nachweis der Betriebsrealität oft schwerer wiegt als einzelne Engineering-Zahlen. Wiegand im Board wirkt hier wie ein Verstärker für genau die Themen, die Investoren und potenzielle Kunden im späteren Betrieb besonders prüfen.
Für Unternehmen, die in solche Ökosysteme einsteigen möchten, ist die Personalentscheidung damit mehr als ein PR-Moment. Sie berührt Schnittstellen, an denen sich technische Exzellenz in Verträge übersetzt: Industrialisierungspartnerschaften, Qualitäts- und Compliance-Prozesse im Lieferantenmanagement sowie die Fähigkeit, internationale Teams unter einheitliche Governance-Regeln zu bringen. TEC schafft damit eine Grundlage, um das Zeitfenster bis zum ISS-Demo-Flug 2028 nicht nur als Entwicklungsziel zu sehen, sondern als organisatorische Leistung. Ob sich diese Board-Erweiterung in messbaren Fortschritten zeigt, wird sich dann vor allem an der Ausführung der Integrations- und Testprogramme entscheiden: Welche Teile werden wiederholbar, welche Lieferanten liefern stabil, und wie schnell lassen sich Ergebnisse aus dem Testbetrieb in die nächste Iteration überführen.
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