BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Präsident des BND, Martin Jäger, sieht Deutschland im „Schattenkrieg“ mit Russland und fordert deutlich mehr Widerstandsfähigkeit. Laut Jäger zielt der Ansatz vor allem auf Einschüchterung, zudem seien niedrigschwellige Aktivitäten im Baltikum möglich. Der Verfassungsschutzchef Sinan Selen betont, dass bereits heute angegriffen werde und nennt hybride Methoden, Desinformation sowie Sabotageversuche als Teil des Bedrohungsbilds. Parallel diskutiert der Bundestag eine Ausweitung der Befugnisse für BfV und BND, unter anderem, um Cyberangriffe operativ zu stoppen.

BND warnt vor russischem „Schattenkrieg“ – hybride Angriffe schon jetzt
BND warnt vor russischem „Schattenkrieg“ – hybride Angriffe schon jetzt (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Deutschlands Sicherheitsarchitektur bekommt mit den jüngsten Aussagen aus dem Parlamentarischen Kontrollgremium eine härtere zeitliche Taktung. Martin Jäger, Präsident des Bundesnachrichtendienstes, ordnet die Lage nicht als fernes Szenario ein, sondern als laufenden Konfliktmodus: Russland führe demnach einen „Schattenkrieg“ gegen Deutschland. Entscheidend ist dabei nicht nur die militärische Dimension, sondern die Kombination aus psychologischer Beeinflussung, verdeckten Operationen und gezielter Unterminierung. Jäger beschrieb als Kernlogik Einschüchterung („Moskau wettet auf unsere Schwäche“) und verwies zugleich darauf, dass derzeit keine Hinweise auf einen großangelegten Angriff Russlands auf Nato-Staaten vorliegen. Für Technik- und Informationssicherheitsverantwortliche ist jedoch gerade diese Trennlinie relevant: Wenn keine Großoffensive im Kalender steht, steigt häufig die Wirksamkeit kleiner, schwer nachweisbarer Aktionen – und genau dort spielt „False Flag“-ähnliche Täuschung nach den Warnungen eine Rolle.

„False Flag Operationen“ werden in den Aussagen als verdeckte Angriffe beschrieben, die so geplant sind, dass sie einem anderen Akteur zugeschrieben werden können. Das klingt nach klassischer Geheimdienstlogik, hat aber in der Praxis eine moderne technische Übersetzung: Wie Attribution im digitalen Raum funktioniert, entscheidet häufig nicht die eigentliche „Tat“, sondern die Beweiskette. Wer Desinformation, Phishing, manipulierte Kommunikationsspuren oder kompromittierte Zugänge in eine Operation einbettet, versucht genau diese Beweiskette zu verwirren. Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, ordnete zudem ein, dass sich die russische Kriegsführung gegen die Ukraine seit dem Sommer deutlich verschärft habe. Gleichzeitig versuche Russland, Rüstungslieferungen zu unterbinden, also nicht nur Informationen zu steuern, sondern auch logistische und operative Pfade zu beschädigen. Diese Kopplung aus Nachrichtendienst-Signalen, Auswirkungen auf Lieferketten und potenziell koordinierter Sabotage ist ein Muster, das in vielen hybriden Angriffsbildern immer wieder auftaucht.

Der Begriff „erste Verteidigungslinie“, den Jäger für die Nachrichtendienste verwendet, gewinnt vor dem Hintergrund der Zeithorizonte besondere Bedeutung. Selen machte klar, dass Deutschland „angegriffen“ werde, und verwies dabei auf das Jahr 2029 als Zeitfenster, in dem Russland nach bestimmten militärischen Szenarien wieder zu einem großen Angriff fähig sein könnte – zugleich aber Europa seine Verteidigungsfähigkeit spürbar verbessern wolle. Wichtig ist die nüchterne Abgrenzung: Ein Zieljahr ist kein Startknopf. Es beschreibt eher Modellannahmen und Planungslogik als eine Zusage „bis dahin passiert nichts“. Für Unternehmen heißt das, dass Resilienzmaßnahmen nicht an einem politisch definierten Zeitstempel ausgerichtet werden sollten, sondern an der Frage, wie schnell sich Angriffsstrategien anpassen, sobald Abwehrmaßnahmen sichtbar werden. In diese Logik passt auch, dass Rosenberg, Präsidentin des Militärischen Abschirmdienstes, die Bedrohungslage als konkret beschreibt: Es gebe nicht nur eine abstrakte Gefährdung, sondern „konkrete Angriffe“.

Technisch besonders relevant wird das Bedrohungsbild dort, wo Sabotage, Desinformation und Angriffsversuche als Spektrum zusammenkommen. Selen nannte Planungen für Tötungsdelikte „zum Repertoire“ und verwies auf Desinformation sowie Anschlagsversuche, etwa im Zusammenhang mit einer Drohne am Flughafen Halle/Leipzig, die Anfang August neben ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden sein soll. Für IT- und Sicherheitsverantwortliche ist dabei weniger die konkrete Einzelsituation ausschlaggebend als die ableitbare Systematik: Drohnen, Logistikstandorte, Kommunikation und Wirkungsketten lassen sich sowohl im physischen als auch im digitalen Raum orchestrieren. Wenn Sicherheitskräfte bereits Abwehrerfolge erzielt haben, heißt das zugleich, dass es funktioniert, Angriffe früh zu erkennen und schnell zu unterbrechen – und dass automatisierte Erkennung, forensische Nachverfolgbarkeit und eine enge Abstimmung zwischen technischen und nachrichtendienstlichen Stellen die entscheidenden Zeitgewinne liefern können.

Ein weiterer Fokus liegt auf politischer Beeinflussung, die laut Selen inzwischen auch auf Landtags- und Kommunalpolitik ausgedehnt wird. Die Strategie werde dabei so beschrieben, dass der politische Diskurs in Deutschland sehr genau beobachtet werde, um ihn mit Desinformation zu adressieren und „Zwietracht und Unsicherheit“ zu säen. Das ist nicht nur ein medienpolitisches Thema, sondern auch ein Resilienzproblem für digitale Kommunikationskanäle: Plattformen, Newsfeeds, Messaging-Strukturen und lokale Netzwerke können durch koordinierte Narrative oder gezielte Leaks beeinflusst werden. In der Praxis stellt sich damit die Frage, wie Organisationen und Behörden die Integrität von Informationen sichern, ohne in Zensurlogik oder übermäßige Reaktionsketten zu kippen. Dass in dieser Anhörung Sitzungen des Kontrollgremiums grundsätzlich geheim sind und nur einmal jährlich öffentlich beraten wird, zeigt außerdem, wie eng Sicherheitsaufklärung und Vertraulichkeit gekoppelt bleiben müssen – selbst wenn daraus in der politischen Öffentlichkeit weniger Detailwissen ableitbar ist.

Parallel wird im Bundestag ein Gesetzesvorhaben diskutiert, das eine Ausweitung der Befugnisse von BfV und BND vorsieht. Im Zentrum steht die Idee, dass die Dienste in besonderen Fällen künftig nicht nur aufklären, sondern auch operative Aufgaben übernehmen sollen – etwa um Cyberangriffe zu stoppen oder Rüstungsprojekte zu sabotieren. Solche Befugnisanpassungen sind sicherheitspolitisch, aber auch organisatorisch relevant: Wer operativ eingreifen darf, muss Prozesse, technische Mittel, Risikoanalysen und Kontrollmechanismen so aufstellen, dass Eingriffe nachweisbar wirksam und zugleich rechtlich sauber begründet sind. Rosenberg bezeichnete die Situation als Überschreitung „roter Linien“, Selen sprach von hybriden Angriffen als Kombination militärischer, wirtschaftlicher, geheimdienstlicher und propagandistischer Mittel zur Destabilisierung. In der Summe entsteht daraus ein Bild, in dem Cyberabwehr nicht mehr als isolierte IT-Aufgabe verstanden wird, sondern als Teil einer Gesamtstrategie für Staat, Gesellschaft und Streitkräfte. Für die kommenden Monate ist deshalb vor allem entscheidend, wie sich Kooperationen zwischen Behörden, Bundeswehr-nahem Umfeld und privaten Betreibern kritischer Infrastruktur weiter operationalisieren lassen – etwa über gemeinsame Lagebilder, klare Eskalationspfade und belastbare technische Standards für Incident-Response.

Abgerundet wird die Lagebeschreibung durch eine politische Einordnung, wie sie Friedrich Merz bei einem Treffen mit dem litauischen Ministerpräsidenten in Berlin vornahm. Merz verwies auf eine verschärfte „Politik des Expansionismus und des Revisionismus“ und betonte gegenüber der Öffentlichkeit, welche Botschaften die Regierung als notwendig ansieht: man lasse sich nicht einschüchtern oder spalten und wolle sich zur Wehr setzen. Inhaltlich knüpft das an Jägers Analyse an, dass Russland aktuell auf Schwäche setzt. Für Unternehmen und technische Dienstleister bedeutet das: Kommunikation allein ersetzt keine Maßnahmen. Gefordert sind belastbare Betriebsresilienz, unternehmensweite Bedrohungsmodelle gegen hybride Angriffsformen und die Fähigkeit, Indikatoren schnell in Maßnahmen zu übersetzen – bevor sich aus kleineren Störungen ein strategisches Problem entwickelt.


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