HANOI / LONDON (IT BOLTWISE) – In Singapur gilt der Wettbewerbssieg als Startpunkt, nicht als Ziel. Laut Edward Lim von NUS Enterprise braucht ein Innovationsökosystem vor allem Talent, passende Partner und Kapital, das Risiken früh senkt. Beim Nationalen Innovationstag 2026 am 4. Oktober erläuterte er, wie NUS seit 2002 Studenten ins Silicon Valley und andere Tech-Cluster entsendet und damit Gründerfähigkeiten aufbaut. Entscheidend sei außerdem, öffentliche Gelder als Anschub zu strukturieren, damit später privates Kapital folgen kann.

Wenn ein Startup einen Wettbewerb gewinnt, ist die öffentliche Aufmerksamkeit oft am größten. Die eigentliche Entwicklungsfrage kommt danach: Wie schafft man aus einer einzelnen Idee ein Unternehmen, das Produkte in reale Märkte bringt, Kunden findet und dabei dauerhaft Mitarbeiter rekrutiert? Genau diese Lücke beschreibt Edward Lim als entscheidenden Punkt für ein leistungsfähiges Innovationsökosystem. Hintergrund seiner Argumentation ist die Ausgangslage Singapurs: Dem Stadtstaat fehlen natürliche Ressourcen und ein großer Binnenmarkt, daher mussten Innovationsprogramme von Anfang an eine globale Ausrichtung erhalten.
Technisch und organisatorisch läuft das in Singapur unter dem Gedanken der „Triple Helix“: Regierung, Universitäten und Unternehmen greifen nicht nacheinander, sondern greifen ineinander. Die Regierung setzt dabei Rahmenbedingungen, finanziert Vorhaben und gibt die Richtung vor, Universitäten liefern Wissen, Talente und Technologie, während Unternehmen als Abnehmer, Anwender und Tester wirken. Damit wird Innovation nicht nur als Laborleistung verstanden, sondern als durchgängiger Prozess von Erfindung bis Kommerzialisierung. Lim stellte im Kontext der nationalen Debatte außerdem heraus, dass man Fortschritt messbar machen müsse – etwa über entwickelte Produkte, beherrschte Technologien, genutztes geistiges Eigentum, gestiegene Unternehmenskapazität und die Expansion in neue Märkte.
Bei der Praxis betont Lim drei Erfolgsfaktoren, wobei Talent an erster Stelle steht. Die National University of Singapore (NUS) entsendet seit 2002 Studierende in Startup-Ökosysteme im Ausland, genannt werden unter anderem das Silicon Valley, um praktische Erfahrung zu sammeln und zu lernen, wie Technologieunternehmen gegründet und skaliert werden. Für Singapur ist das mehr als ein Austauschprogramm: Es sorgt für Netzwerke und das wiederkehrende Know-how rund um Produktentwicklung, Unternehmensaufbau und Marktvalidierung. Lim verknüpfte das ausdrücklich mit der Entstehung von Unicorns in Singapur; als Beispiel nannte er Carousell, das demnach aus der Vernetzung von Talenten mit externen Netzwerken hervorgegangen ist. Parallel dazu bleibt die Perspektive beidseitig: NUS entsendet weiterhin Studierende auch nach Vietnam und heißt zugleich vietnamesische Studierende im singapurischen Wirtschaftsumfeld willkommen.
Der zweite Hebel sind Partnerschaften mit klarer Rollenverteilung. Lim argumentiert, dass jede Einheit im Ökosystem bewusst unterschiedliche Aufgaben übernimmt: Regierung schafft Finanzierung und Regeln, Universitäten bauen wissenschaftliche Grundlage und Kompetenzprofile auf, und Unternehmen bringen Produkte in den Testbetrieb und in die Anwendung. Ein konkretes Beispiel lieferte er mit Forte Biotech, einem Startup, das laut Darstellung von zwei ehemaligen NUS-Studenten gegründet wurde, darunter ein Vietnamese. Das Unternehmen entwickelte sich demzufolge auf Basis von von NUS lizenziertem geistigem Eigentum und brachte anschließend eine Schnelltestlösung für Krankheiten in der Aquakultur nach Vietnam, um Risiken frühzeitig zu erkennen. An diesem Fall wird sichtbar, was „Marktverknüpfung“ operativ bedeutet: Forschungsergebnisse werden nicht als akademisches Endprodukt behandelt, sondern als Ausgangspunkt für ein Angebot, das sich in einem spezifischen Branchenproblem bewähren muss.
Damit ist auch der dritte Erfolgsfaktor verbunden: Kapital. Lim stellt dabei eine wichtige Präzisierung heraus – öffentliches Kapital soll privates Kapital nicht ersetzen, sondern als Anschubfinanzierung dienen. Der Sinn liegt darin, das Risiko in der Frühphase zu reduzieren, damit später mehr Marktressourcen mobilisiert werden. Singapur habe dafür über Jahrzehnte Substanz aufgebaut: Seit 1991 seien mehr als 125 Milliarden Singapur-Dollar in Forschung und Innovation investiert worden, weitere 27 Milliarden Singapur-Dollar seien für die nächsten fünf Jahre vorgesehen. Entscheidend ist dabei nicht nur die Gesamtsumme, sondern die Verteilung über den gesamten Technologieentwicklungsprozess hinweg – von der Erfindung bis zur Kommerzialisierung, weil sich Risiken typischerweise in jeder Phase verändern. Lim verwies zudem auf ein Verhältnis: Für jeden Dollar, der in öffentliche Forschung fließt, stünden fast zwei Dollar an Unternehmensförderung gegenüber.
Wie sich das auf internationale Kooperationen übertragen lässt, diskutiert Lim im Anschluss auch für Vietnam. Sein Vorschlag knüpft an bestehende Programme an, bei denen NUS Enterprise vietnamesische Startups mit dem Markt in Singapur verbinden will. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit Universitäten dazu beitragen, dass Startups mit erprobter Technologie die Probleme großer Unternehmen näher adressieren können. Lim fordert dafür, jedes Programm solle gezielt eine „Lücke“ auf dem Weg von der Idee zum Markt schließen – statt sich primär auf zusätzliche Startup-Wettbewerbe oder reine Eventformate zu verlassen. Auf dem Forum wurden dazu weitere Ansätze genannt: Technologien müssten nach der Pilotphase kontinuierlich mit Investitionen und Märkten verknüpft werden, und Regionen könnten als „Testgelände“ dienen, um Anwendungen zu erproben und passende Kunden zu finden. Als anschauliche Analogie zog Lim die Halbleiterindustrie heran: Ein fertiges Chipdesign mit „Tape-out“ sei zunächst nur ein technischer Meilenstein; sein echter Wert entstehe erst daraus, was anschließend passiert, um das Design in ein marktfähiges Produkt zu verwandeln. Für Ökosysteme heißt das: Die nächste Phase muss schon startklar sein, bevor die aktuelle Phase formal abgeschlossen wirkt.
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