KENNEDY SPACE CENTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Studierende der University of South Florida testen im Rahmen der Student Spaceflight Experiments Program ein chitosanbasiertes Hydrogel zur Wundheilung im freien Fall. Der Start der SpaceX CRS-35 Mission ist für den 13. Oktober vorgesehen und liefert das Experiment zur International Space Station. Im All mischen Astronauten zwei Flüssiglösungen, damit das Material in Mikrogravitation entsteht. Auf der Erde erzeugen Forschende eine identische Kontrollprobe, um Struktur, Stabilität und Wasserbindung zu vergleichen.

USF-Studierende testen Wundheil-Hydrogel auf der ISS
USF-Studierende testen Wundheil-Hydrogel auf der ISS (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn ein Körper verletzt ist, entscheidet das Zusammenspiel aus Feuchtigkeit, Barrierebildung und Gewebereparatur darüber, wie schnell sich die Wunde schließt. Genau dort setzt das Experiment der University of South Florida an: Die Studentinnen und Studenten entwickeln ein Hydrogel, das im Weltraum eine bessere Wundbehandlung unterstützen könnte. Der Hintergrund: Mit längeren Missionen verändert sich das Immunprofil von Astronauten, außerdem können sich bestimmte Bakterien in der Mikrogravitation anders verhalten. Für die Praxis an Bord zählt deshalb nicht nur Wirksamkeit, sondern auch, dass das Material leicht ist, stabil bleibt und sich zuverlässig einsetzen lässt.

Geplant ist der Test im Rahmen der Student Spaceflight Experiments Program, einem stark umkämpften nationalen Wettbewerb, der jedes Jahr 20 von Studierenden konzipierte Projekte in den Orbit bringt. USF wird dabei erstmals ausgewählt: Das Team setzte sich mit seinem Vorschlag aus mehr als 420 Einreichungen durch. Der Ablauf ist auf den Bordbetrieb der International Space Station zugeschnitten: Am 13. Oktober soll das Experiment mit der SpaceX CRS-35 Mission vom NASA Kennedy Space Center aus starten und die benötigten Proben und Komponenten zur ISS liefern. Betreut wird die Arbeitsgruppe von USF-Studierenden aus den Fächern Biologie sowie mechanischem und biomedizinischem Schwerpunkt; die leitende Rolle liegt bei Krystal Walford, die mechanische Ingenieurwissenschaften studiert.

Technisch basiert das Hydrogel auf Chitosan, einem biologisch abbaubaren Material, das aus Schalen von Krebstieren und Insekten gewonnen wird. Die Wahl ist für das Ziel der Wundversorgung naheliegend: Hydrogele sind in der Medizin verbreitet, weil sie ein feuchtes Heilklima unterstützen, Gewebereparatur fördern und als Schutzbarriere um verletztes Gewebe wirken können. Chitosan ergänzt diese Eigenschaften um Biokompatibilität und eine natürlich antimikrobielle Wirkung. Entscheidend ist aber die Frage, wie sich die Struktur des Materials unter Mikrogravitation verändert. Walford beschreibt dabei einen plausiblen Mechanismus: Während Hydrogels auf der Erde aufgrund der Schwerkraft tendenziell ungleichmäßige Porenstrukturen ausbilden können, mischen sich Flüssigkeiten im All anders. Die Hypothese lautet, dass sich so eine gleichmäßigere, stärkere Struktur erzeugen lässt als unter Laborbedingungen am Boden.

Damit das Experiment überhaupt im All funktionieren kann, mussten die Studierenden über Monate hinweg ein geeignetes Rezepturfenster finden. Sie arbeiteten im Advanced Membrane and Materials Bio and Integration Research Laboratory unter der Leitung von Professorin Sylvia Thomas und prüften verschiedene Hydrogel-Varianten darauf, wie gut sie Wasser speichern und wie schnell sie über Zeit austrocknen. Genau diese Stabilität ist im Missionskontext kritisch, weil Proben über Wochen auf dem Weg zur ISS und wieder zurück sind. Das Team folgt dafür einem getesteten Laborprinzip: Es werden unterschiedliche Formulierungen hergestellt, ihre Dehydratisierung und Wasserretention gemessen und dann jene Option ausgewählt, die die Belastungen der Transport- und Lagerphase am zuverlässigsten übersteht.

Das eigentliche On-Orbit-Protokoll ist bewusst simpel gehalten: Die finale Versuchsaufstellung besteht aus zwei flüssigen Lösungen, die die Astronauten an Bord der ISS mischen und schütteln. Erst dadurch bildet sich das Hydrogel in Mikrogravitation. Parallel dazu entsteht auf der Erde eine identische Kontrollprobe, die als Referenz dient. Nach der Rückkehr werden die Materialien verglichen, um zu beurteilen, welchen Einfluss Mikrogravitation auf die Materialstruktur, die Stabilität und die Wasserbindefähigkeit hat. Für Entwickler von Biomaterialien ist das ein relevantes Studiendesign, weil es nicht nur eine Ergebnisgröße liefert, sondern die Prozessabhängigkeit der Strukturbildung sichtbar macht.

Die organisatorische Einbettung zeigt zudem, wie eng Wissenschaft, Vermittlung und Umsetzung auf die Raumfahrtlogistik abgestimmt werden. Das Projekt wird durch die Unterstützung eines Biotech-Unternehmens und einen Spaceflight-Implementierungspartner mitgetragen. Darüber hinaus hat das USF Office of Student Engagement in Research and Innovation gemeinsam mit Hillsborough County Public Schools einen Mission-Patch-Design-Wettbewerb veranstaltet; das Siegerdesign soll zusammen mit dem Experiment fliegen. Solche Elemente ändern nicht die Kernmessung, sie erhöhen aber die Sichtbarkeit und fördern zugleich, dass Lernprozesse in der Breite an echte Missionsabläufe andocken.

Auch wenn der Fokus hier auf der zukünftigen Versorgung von Astronauten liegt, ist die erwartete Wirkung nicht auf die Raumfahrt beschränkt. Ähnliche Hydrogele werden bereits in anderen Anwendungsfeldern untersucht, etwa in der Landwirtschaft, wo sie Pflanzen dabei helfen könnten, länger Feuchtigkeit zu speichern und dadurch Wasserverbrauch zu reduzieren. Selbst wenn sich im All herausstellt, dass die Materialleistung nicht eindeutig besser ist, bleibt der Erkenntnisgewinn hoch: Das Team formuliert explizit, dass die Untersuchung das Verhalten von Biomaterialien im Raum besser verstehbar macht und damit sowohl die Biomaterialforschung als auch die Planung langdauernder Missionen unterstützt. Für Unternehmen und Forschungseinrichtungen ist das deshalb auch ein Signal, dass sich KI-gestützte Materialentwicklung und klassische Laborchemie künftig stärker mit validierten On-Orbit-Tests verzahnen könnten, statt nur Hypothesen aus irdischen Experimenten abzuleiten.

Das Student Spaceflight Experiments Program ist als gemeinsame Initiative in den USA sowie international aufgesetzt und nutzt dafür eine kommerzielle Umsetzung innerhalb der ISS-Infrastruktur. In der Finanzierung und Umsetzung werden dabei konkrete Vereinbarungen mit NASA sowie Unterstützungsleistungen über einen weiteren Partner genannt; die inhaltlichen Bewertungen und Schlussfolgerungen werden dem jeweiligen Autorenteam zugeschrieben. Für Beobachter aus dem Bereich Medizintechnik und Materialwissenschaft bedeutet das: Der nächste Schritt nach dem Start ist nicht nur „Daten sammeln“, sondern die saubere Gegenüberstellung von Mikrogravitation und Schwerkraft als erklärendem Faktor für die Materialbildung. Ob das Hydrogel die Erwartungen an Struktur und Wasserbindung erfüllt, entscheidet sich daher erst nach Rückkehr und Auswertung der Proben.


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