LONDON (IT BOLTWISE) – Das britische Startup Open Cosmos will mit ConnectedCosmos eine Konstellation aus 192 Satelliten im niedrigen Erdorbit aufbauen und dabei auf Laser-Links zwischen den Satelliten setzen. Zielgruppe sind Regierungen und Betreiber kritischer Infrastruktur, nicht der Massenmarkt. Der nächste Start soll noch vor Jahresende erfolgen, 96 Satelliten sollen bis Ende 2028 folgen. Entscheidend bleibt, ob Startkapazitäten und Fertigungstempo mit dem ehrgeizigen Zeitplan zusammenpassen.

Mit ConnectedCosmos positioniert sich Open Cosmos bewusst nicht als zweites Starlink-Projekt, sondern als Alternative für Sicherheits- und Behördenkunden, bei denen Ausfallsicherheit und nachrichtendienstliche „Resilienz“ in der Architektur eine größere Rolle spielen als Breitbandpreise. Das Unternehmen plant eine Flotte von insgesamt 192 Satelliten im niedrigen Erdorbit (Low Earth Orbit) und will davon 96 bis Ende 2028 in den Orbit bringen. Der nächste Start ist noch vor Jahresende terminiert – damit verschiebt sich die Diskussion von der reinen Konzeptphase hin zu einer konkreten Umsetzungsfrage: Wie schnell lassen sich genug Satelliten, genug Boden-/Terminal-Kapazität und genug Missionsstarts zusammenbringen, ohne dass der Dienst frühzeitig an Engpässen scheitert.
Technisch setzt Open Cosmos dabei auf eine Laser-Kommunikation zwischen den Satelliten. Statt Daten über klassische Pfade zu routen, sollen Bilder, Videos und weitere Daten per Laser direkt von Satellit zu Satellit übertragen werden. In der Darstellung des CEOs Rafel Jordà Siquier wird die Idee so greifbar: Ein Terminal in Berlin könne mit einem Terminal in Singapur kommunizieren, ohne andere Infrastruktur nutzen zu müssen. Unterm Strich geht es damit nicht nur um Geschwindigkeit, sondern auch um die Reduktion verwundbarer Komponenten im Netzwerk – insbesondere um die Abhängigkeit von Bodenstationen sowie um die Risiken, die bei internationalen Unterseekabeln in den Pfaden solcher Kommunikationssysteme typischerweise auftreten.
Für den Zielmarkt ist auch die Abgrenzung wichtig. Open Cosmos beschreibt sich ausdrücklich als nicht auf den Konsumentenmarkt ausgerichtet. „Wir wollen nicht alle Mobiltelefone der Welt direkt verbinden“, lautet sinngemäß die Aussage des Unternehmens; der Fokus liege auf resilienter Punkt-zu-Punkt-Konnektivität für Regierungen und kritische Infrastruktur. Daraus folgt auch die Produktlogik: Die Verbindung soll nicht „Netflix“ ersetzen, sondern Informationen aus Sensorik und Operationsumgebungen transportieren – etwa Daten aus Fahrzeugen, Schiffen oder industriellen Anlagen. Genau hier liegt ein relevanter Branchenhebel, denn mit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich Satellitenkommunikation für viele Staaten als einsatzkritische Infrastruktur erwiesen. Wenn Regierungen eigene Konstellationen in Erwägung ziehen, wächst der Bedarf an Systemen, die trotz Störungen verfügbar bleiben und die Datenverfügbarkeit auch dann sichern, wenn terrestrische Netze ausfallen.
Auch die von Open Cosmos angedeutete Kombination aus Kommunikations- und Beobachtungsnutzung fügt sich in diesen Bedarf. Das Unternehmen arbeitet laut eigener Darstellung zusätzlich an Erdbeobachtung, etwa im Infrarotbereich oder hyperspektral. Ein denkbares Szenario: Ein Satellit erkennt ungewöhnlich steigende Temperaturen über einem Wald, identifiziert mithilfe von KI einen möglichen Brand und leitet die Information über die eigenen Kommunikationssatelliten an Einsatzkräfte weiter – selbst dann, wenn Mobilfunknetze nicht funktionieren. Für Unternehmen und Behörden bedeutet das nicht „nur“ zusätzliche Satelliten, sondern potenziell eine neue Kette aus Datenerfassung, intelligenter Auswertung und unmittelbarer Zustellung. Gleichzeitig muss man die technische Komplexität realistisch sehen: Laser-Links, Routing zwischen Satelliten, Terminal-Integration und die Datensicherheit müssen als Gesamtsystem funktionieren, und „resilient“ ist in diesem Kontext mehr als ein Marketingbegriff – es ist die Eigenschaft, mit Ausfällen und Störungen im Dienstbetrieb weiterarbeiten zu können.
Finanziell und industriell will Open Cosmos parallel Druck aufbauen. Das Unternehmen baut seine Satelliten in eigener europäischer Fertigung, aktuell mit einer Kapazität von einem Satelliten pro Tag; allein in diesem Jahr seien in vier europäischen Fabriken mehr als 65 Satelliten entstanden. Bereits Mitte September wurde eine Finanzierungsrunde über 300 Millionen Euro bekanntgegeben. Beschäftigt sind knapp 400 Mitarbeitende in Ländern wie Großbritannien, Spanien, Portugal und Griechenland. Damit ist die Basis vorhanden, um auf eine kurzfristige Serienproduktion zu reagieren – aber die nächste Stufe erfordert mehr Fabriken. Genau hier fällt auch der Blick auf Deutschland: Jordà Siquier nennt den Standort ausdrücklich als interessanten Kandidaten, weil dort „mögliche Übernahmen und weitere Aktivitäten“ geprüft werden. Das unterstreicht, dass es bei solchen Projekten nicht nur um Technik, sondern um industrielle Skalierung geht.
Die Anschlussfähigkeit an staatliche Programme zeigt zudem, dass Open Cosmos auch außerhalb der eigenen Konstellation bereits in Regierungs-Ökosysteme eingebunden werden soll. In Großbritannien wurde das Unternehmen als zertifizierter Anbieter für das staatliche TacSys-Projekt ausgewählt. Das Programm soll mit bis zu acht Milliarden Pfund (umgerechnet 9,4 Milliarden Euro) innovative Satellitentechnologien aus der erdnahen Umlaufbahn in Kommunikationsstrukturen des Militärs integrieren. Damit entsteht eine klare Erwartungslinie: Wenn ConnectedCosmos für kritische Anwendungen argumentiert, braucht es nicht nur technische Leistung, sondern auch institutionelles Vertrauen und die Fähigkeit, in bestehende Beschaffungs- und Einsatzumgebungen zu passen. Für die deutsche Industrie ist außerdem interessant, dass solche Projekte oft Zuliefernetzwerke, Test- und Integrationskompetenz sowie langfristige Service-Modelle nach sich ziehen.
Auf der Wettbewerbsseite wird allerdings deutlich, wie eng der Markt für Satellitenkonnektivität und -produktion werden kann. Führende Satellitenhersteller planen laut den Angaben im Marktumfeld mit der Allianz Bromo die Gründung eines großen europäischen Satellitenbauers. Daneben drängen Start-ups und auch ausländische Anbieter in Europa; genannt wird etwa Rocket Lab. Parallel laufen weitere ambitionierte Programme: Bei der europäischen Konstellation Iris² sollen etablierte Unternehmen, darunter OHB aus Bremen, 18 größere Satelliten im Medium Earth Orbit für knapp eine Milliarde Euro bauen. Für den Großteil von bis zu 264 kleineren Satelliten im niedrigen Orbit soll ein anderes belgisches Startup den Zuschlag erhalten haben. In dieser Gemengelage wird ConnectedCosmos nicht in einem „leeren Feld“ spielen, sondern gegen die Frage antreten, wer Fertigung, Startzugang und Betriebskapazitäten am zuverlässigsten zusammenbringt.
Der kritischste Hebel liegt dabei beim Zugang zu Raketenstarts. SpaceX bietet laut Medienberichten aktuell keine neuen Massenstarts für kleinere Satelliten an, und europäische Raketen-Start-ups berichten, ihr Markt sei bis Ende 2028 ausgebucht. Open Cosmos sagt dagegen selbst, es führe „fortgeschrittene Gespräche“ mit mehreren Startanbietern für weitere Missionen zwischen Ende 2026 und Mitte 2027. Genau diese Zeitspanne entscheidet über die Machbarkeit: Zwischen 192 geplanten Satelliten und der heutigen Zahl gestarteter Satelliten liegt noch ein erheblicher Weg. Für Investoren ist Open Cosmos als nicht börsennotiertes Startup daher kein direkter Investmentfall, aber das Projekt zeigt, wohin sich Aufträge und Kapital im europäischen Raumfahrtmarkt bewegen: weg von vereinzelten Missionen, hin zu daten- und sicherheitsorientierten Konstellationen, die Kommunikationsfähigkeit als strategische Infrastruktur betrachten.
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