WASHINGTON, DC / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine offene Erklärung von pensionierten US-Militärführern und Juristen weist Vorwürfe zurück, Israel habe in Gaza Genozid begangen. Die Unterzeichner argumentieren, die Behauptungen erfüllten nicht die rechtlichen Kriterien der Genozidkonvention von 1948. Im Zentrum stehen dabei Fragen nach Belegen für eine spezifische Vernichtungsabsicht sowie die Bewertung von zivilen Todeszahlen im Kriegskontext. Zugleich warnen die Autoren vor einer Verzerrung des Völkerrechts, die zukünftige Einsätze und die öffentliche Unterstützung für Verteidigungsoperationen beeinträchtigen könnte.

US-Militärprofis weisen Genozid-Vorwürfe gegen Israel zurück
US-Militärprofis weisen Genozid-Vorwürfe gegen Israel zurück (Foto: IT BOLTWISE)
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Eine offene Erklärung pensionierter US-Militärprofis und rechtlich ausgebildeter Unterzeichner setzt sich am dritten Jahrestag des 7. Oktober 2023 mit Vorwürfen auseinander, Israel habe in Gaza Genozid begangen. Der Text stellt nicht nur die rechtliche Einordnung infrage, sondern stellt auch das zugrunde liegende Beweisverständnis auf den Prüfstand: Nach Ansicht der Autoren erfüllen die kursierenden Genozidbehauptungen weder die Definition des Tatbestands noch die dafür nötigen Standards. Besonders betont wird dabei, dass Genozid als „grave and exceptional violation of international law“ gilt und deshalb eine sehr spezifische Täterintention erfordert.

Juristisch argumentieren die Unterzeichner im Kern über die Struktur des Genozidtatbestands. Eine Feststellung von Genozid, so die Darstellung, setzt Belege für Handlungen voraus, die darauf abzielen, eine geschützte Gruppe – also national, ethnisch, rassisch oder religiös – ganz oder teilweise zu zerstören. Daraus leiten sie ab, Israel habe weder die entsprechende Absicht gehabt noch Palästinenser als Gruppe in Gaza zerstört. Zugleich kritisieren sie die Art, wie die Vorwürfe in der öffentlichen Debatte aufgebaut werden: Die Erklärung behauptet, dass „unsupported by established facts“ die zentrale Schwäche vieler Behauptungen sei und dass die Aussagen einem „common sense scrutiny“ nicht standhielten.

Auf den zweiten Themenstrang zielt der Text besonders stark: Genozid werde in den Behauptungen häufig mit Zahlen ziviler Opfer gleichgesetzt. Die Autoren halten dagegen, Genozid sei „not a quantitative crime“ und es gebe keine konkrete Grenze, ab der eine Verletzung automatisch in die Kategorie Genozid falle. Außerdem bezweifelt die Erklärung die Verlässlichkeit der verbreiteten Zahlenangaben und verweist darauf, dass von Hamas stammende Angaben nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern unterscheiden würden. Damit verschiebt sich die Debatte von der reinen Opferzahl hin zur Frage, ob die vorgelegten Daten überhaupt als belastbare Grundlage dienen können, wenn es um eine sehr hohe rechtliche Schwelle geht.

Damit hängt ein weiterer Schwerpunkt eng zusammen: Selbst wenn es im Kampf zu zivilen Todesfällen kommt, seien diese nach Auffassung der Unterzeichner allein nicht hinreichend für den Nachweis einer „genocidal intent“. Die Erklärung verweist auf die „realities of war“ und auf die Gesetze, die den bewaffneten Konflikt rahmen. Die Autoren positionieren Israel daher als Fall, in dem zivile Verluste zwar tragisch, aber nicht automatisch rechtswidrig im Sinne einer Völkerrechtsverletzung in der Kategorie Genozid sein müssten. Diese Argumentationslinie ist zugleich eine Abgrenzung zwischen dem moralisch belastenden Ergebnis eines Kriegsereignisses und der juristischen Frage, welche Absicht sich aus Verhalten, Planung und Durchführung ableiten lässt.

Technisch-operationsbezogen versucht die Erklärung das Bild eines auf zivile Schutzpflicht ausgerichteten Vorgehens zu zeichnen. Genannt werden in diesem Zusammenhang angebliche oder beschriebene Maßnahmen wie Vorabwarnungen über Flugblätter, Telefonate, Textnachrichten, Radio- und TV-Übertragungen sowie Social-Media-Hinweise. Dazu kommen aus Sicht der Unterzeichner Evakuierungsanweisungen, geschützte Korridore und „tactical pauses“, also taktische Pausen, um Menschen aus dem Gefahrenbereich zu bringen – auch dann, wenn dadurch ein Vorteil für die gegnerischen Kräfte entstehen könne. Zusätzlich heißt es, Soldaten hätten sich selbst in Gefahr begeben, um Menschen zu schützen, die versuchten, aus dem Kampfgebiet zu fliehen. Für die Adressaten der Erklärung ist das vor allem ein Belegargument: Wer solche Schutzmechanismen in den Vordergrund stellt, so die Logik des Textes, handelt nicht in erster Linie nach Vernichtungsabsicht gegen eine geschützte Gruppe.

Auch die Versorgungslage wird als Gegenargument gegen die Genozidthese in den Mittelpunkt gestellt. Die Erklärung behauptet, Israel habe während des Krieges erhebliche Hilfsmengen bereitgestellt, darunter mehr als 3,5 Millionen Tonnen an Nahrungsmitteln, 48.000 Tonnen medizinische Güter sowie 5.000 Tonnen Babynahrung; außerdem wird ein täglicher Wasserbezug durch Entsalzung in Höhe von bis zu 15.000 Kubikmetern genannt. Weitere Punkte sind laut Text Impfungen für über eine halbe Million Kinder, medizinische Evakuierungen in das Ausland für einige Tausend Menschen sowie die wiederholte Aussetzung von Angriffen aufgrund der Anwesenheit von Zivilisten. Unabhängig davon, wie einzelne Zahlen politisch und rechtlich bewertet werden, dient diese Passage vor allem dem Ziel, Handlungen und Absichten aus dem konkreten Operationsalltag herzuleiten.

Gleichzeitig versucht der Text, eine zweite potenzielle Bruchstelle der Debatte zu schließen: Er ordnet „rhetoric“ politischer Akteure, die nicht in die unmittelbare militärische Entscheidungsfindung eingebunden seien, als ungeeignet ein, um die tatsächliche Ausführung durch das Militär zu beweisen. Die Unterzeichner nennen solche Aussagen „disgraceful“ und verurteilen sie ausdrücklich, aber sie stellen die Verbindung zwischen politischer Rhetorik und operativem Handeln in Frage. Stattdessen wird das Muster rechtlich konsistenter Abläufe beim Militär betont, während die politische Kommunikation als vom Operationsbetrieb abgekoppelt dargestellt wird. Am Ende wird daraus ein Appell: Es brauche eine sorgfältige Prüfung der Fakten zur Gaza-Kampagne und eine „faithful application of the Genocide Convention“.

Der letzte Abschnitt verlagert die Wirkungsebene von der juristischen Bewertung auf die strategische Zukunft. Die Erklärung argumentiert, dass die von ihr zurückgewiesenen Vorwürfe künftige Gegner geradezu ermutigen könnten, Zivilisten bewusst in Gefahr zu bringen und anschließend ziviles Leid propagandistisch zu nutzen, um rechtmäßige Operationen als Genozid darzustellen. Zudem sei zu befürchten, dass solche Narrative öffentliche Unterstützung erodieren und Allianzen spalten. Für US-Streitkräfte und andere Verbündete wird dabei ein konkreter Bezug hergestellt: Die „precedent“ genannte Wirkung der aktuellen Deutung soll die Bedingungen prägen, unter denen „American forces“ morgen kämpfen. Damit steht nicht nur der Inhalt der Debatte zur Disposition, sondern auch die Frage, wie in zukünftigen Konflikten rechtliche Kriterien, Informationsumgebungen und militärische Entscheidungen aufeinander treffen.

In der öffentlichen Diskussion um völkerrechtliche Tatbestände ist eine offene Erklärung wie diese vor allem deshalb relevant, weil sie den Maßstab verschiebt: Weg vom bloßen Ergebnisbild, hin zu Belegketten, Rechtsdefinitionen und der Abwägung zwischen tragischen Begleitfolgen des Krieges und einer juristisch notwendigen Vernichtungsabsicht. Für Entscheidungsträger in Regierungen, Streitkräften und zivilen Institutionen ist das mehr als Rhetorik, weil solche Positionen die Argumentationsmuster beeinflussen, die später in parlamentarischen Debatten, Medienroutinen und juristischen Auseinandersetzungen wiederkehren. Ob die vorgetragenen Tatsachen und Bewertungen rechtlich überzeugen, hängt letztlich von der Belastbarkeit der zugrunde liegenden Daten und der gerichtsfesten Ableitung einer spezifischen Absicht ab – genau diese Lücke versucht der Text für sich zu schließen.


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