WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Oesterreichische Nationalbank stellt ein Unternehmensdynamik-Dashboard vor, das Insolvenzen erstmals auf eine eindeutig definierte Unternehmensgrundgesamtheit bezieht. Dadurch wird sichtbar, wie stark die Insolvenzquote von der Entwicklung des gesamten Unternehmensbestands abhängt. Seit 2019 ist der Unternehmensbestand von rund 225.500 auf rund 283.000 gestiegen; Anfang 2026 sind es bereits rund 291.000 Unternehmen. Für 2026 liegt die Insolvenzquote nach aktuellem Datenstand bei 1,08 % und damit unter dem Vorjahresniveau.

In der öffentlichen Debatte werden Insolvenzen oft als harte Momentaufnahme verstanden – als Zahl für sich. Das neue Unternehmensdynamik-Dashboard der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) dreht den Blick bewusst: Es ordnet Insolvenzen in eine klar definierte Unternehmensgrundgesamtheit ein und macht damit Quoten über die Zeit berechenbar. Genau an diesem Punkt liegt der praktische Nutzen für Analysen. Denn eine steigende Fallzahl kann mit einer wachsenden Zahl von Unternehmen gleichzeitig auftreten, ohne dass das relative Ausfallrisiko ebenso stark zunimmt. Für Entscheidungsträger in Unternehmen, Banken und Forschung ist diese Perspektive besonders relevant, weil sie die wirtschaftliche Erneuerung in den Daten sichtbar macht.
Die OeNB zeigt, wie stark die Dynamik zwischen 2019 und 2025 ausfällt: Der Unternehmensbestand steigt von rund 225.500 (2019) auf rund 283.000 (2025) – das entspricht einem Zuwachs von etwa 25 %. Anfang 2026 umfasst der Bestand bereits rund 291.000 Unternehmen. Erst diese Basis erklärt, warum die Insolvenzquote nach den pandemiebedingten Sonderjahren wieder anzieht, aber weiterhin in einer Größenordnung nahe 1 % bleibt. Für das Jahr 2019 werden 2.123 Insolvenzen registriert, das ergibt eine Quote von 0,94 %. 2025 liegen die Werte bei 3.335 Insolvenzen und 1,18 %. Für 2026 wurden bislang 2.155 Insolvenzen erfasst; annualisiert resultiert daraus derzeit eine Quote von rund 1,08 %. Wichtig ist dabei die Richtung: 2026 liegt bislang unter dem Vorjahreswert, obwohl die absoluten Insolvenzzahlen nicht automatisch „fallen“ müssen.
Damit verschiebt sich auch die Interpretation dessen, was Markteintritt und Marktaustritt wirtschaftlich bedeuten. Die OeNB stellt nicht nur Insolvenzen in den Mittelpunkt, sondern die gesamte Unternehmensdynamik: Seit 2019 werden jährlich rund 16.000 bis 19.000 Markteintritte verzeichnet. Gleichzeitig verlassen im selben Zeitraum jährlich zwischen 8.000 und 12.000 Unternehmen den Markt. Aus dieser Gegenbewegung ergibt sich ein wiederkehrendes Muster, das für die Bewertung von Risiken in Portfolios und Geschäftsmodellen zählt: Insolvenzen sind nicht gleichbedeutend mit dem Ende eines Ökosystems. „Eine steigende Zahl von Insolvenzen ist nicht dasselbe wie eine steigende Insolvenzquote. In Österreich treten jedes Jahr rund fünffach so viele Unternehmen neu in den Markt ein, wie insolvent werden – eine Wirtschaft lebt gerade auch von dieser laufenden Erneuerung“, erläutert Wolf Reuter, Chefökonom der OeNB. Für Stakeholder ist die Kernaussage dabei weniger der konkrete Faktor als die Logik dahinter: Erneuerung und Schließungen laufen parallel.
Technisch betrachtet unterscheidet sich das Dashboard deutlich von üblichen Insolvenzstatistiken, die vor allem absolute Fallzahlen berichten. Diese helfen zwar beim Nachvollziehen registrierter Verfahren, bilden aber nicht ab, wie viele bestehende Unternehmen dem gegenüberstehen und wie sich deren Anzahl im Zeitverlauf verändert. Genau dafür verwendet das OeNB-Dashboard eine über die Zeit einheitlich definierte Unternehmensgrundgesamtheit. Zusätzlich verändert sich auch die Abgrenzung. Häufig werden in Statistiken einzelne Unternehmen mitgezählt; im Europäischen System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen (ESVG 2010) werden Einzelunternehmen grundsätzlich dem Haushaltssektor zugerechnet, weil sie keine eigene Rechtspersönlichkeit besitzen und sich wirtschaftliche Aktivitäten sowie Vermögens- und Schuldpositionen nicht sauber von den Eigentümerhaushalten trennen lassen. Das OeNB-Dashboard umfasst hingegen in Österreich ansässige, rechtlich selbständige Unternehmen der finanziellen und nichtfinanziellen Unternehmenssektoren und schließt den Haushaltssektor ausdrücklich aus. So beantwortet die Insolvenzquote eine andere Frage als die reine Zahl registrierter Verfahren: Welcher Anteil einer definierten Unternehmenspopulation wurde innerhalb eines Zeitraums insolvent?
Die Datengrundlage stammt aus der Integrated Firm-Level Database (IFLD) der OeNB. In dieser integrierten Firmendatenbasis fließen administrative und statistische Informationen zusammen – etwa Firmendemografie, Jahresabschlüsse, Bankkredite, Eigentumsstrukturen und Insolvenzen. Der entscheidende Punkt ist weniger „mehr Daten“, sondern die Verknüpfung innerhalb klar definierter Unternehmenspopulationen. Das macht Analysen möglich, die über ein isoliertes Ereignis hinausgehen: Insolvenzen lassen sich in den Kontext von Größenstrukturen und Finanzierungsumfeldern stellen. Der gleichzeitige OeNB-Report zur IFLD dokumentiert außerdem erste Ergebnisse, unter anderem dass rund 36 % der nichtfinanziellen Unternehmen im Jahr 2021 einen Kredit bei einem österreichischen Kreditinstitut haben und die Kreditvergabe stark konzentriert ist. Für die KI-gestützte Weiterverarbeitung solcher Daten – etwa bei der Entwicklung von Vorhersagemodellen für Insolvenzrisiko oder bei der Musteranalyse von Unternehmenswandel – ist das auch organisatorisch wichtig: Eine stabile, konsistente Grundgesamtheit reduziert Verzerrungen, die entstehen, wenn sich Zählweisen im Zeitverlauf ändern.
Für die Praxis ist das Dashboard vor allem dort anschlussfähig, wo Quoten statt Bauchgefühl gefragt sind. Die Auswertungen sind nach Branchen und Regionen möglich; bei Insolvenzen reicht die Granularität sogar bis auf Ebene der politischen Bezirke. Damit können Unternehmen, Finanzinstitute und Forschungseinrichtungen ihre Analysen besser auf lokalen Wettbewerb und strukturelle Unterschiede ausrichten, statt nur österreichweit aggregierte Werte zu betrachten. Gleichzeitig bleibt eine offene technische Entwicklungsperspektive: Die OeNB beschreibt, dass die IFLD noch am Anfang steht und mit dem Ausbau zu einem mehrjährigen Panel sowie der Integration weiterer Datenquellen zu einer zentralen Dateninfrastruktur für Analysen von Geldpolitik und Transmission, Finanzstabilität, Strukturwandel, Produktivität und Unternehmensdynamik werden soll. Für Interessierte ist das Unternehmensdynamik-Dashboard unter https: //connect.oenb.at/oenb_apps/Unternehmensdynamik_Dashboard/ abrufbar. Fragen speziell zum Dashboard können an [email protected] gerichtet werden.
Aus Marktsicht bedeutet das: Wenn die Insolvenzquote nahe bei 1 % liegt und 2026 bislang unter 2025 startet, verschiebt sich die Debatte von „Wie viele Insolvenzen gab es?“ hin zu „Wie verändert sich das Risiko relativ zur Gesamtpopulation?“ Genau diese Relativierung erleichtert die Planung – etwa bei Kreditvergabestrategien, Lieferantenbewertungen oder internen Frühwarnsystemen. Entscheidend wird außerdem, wie schnell die integrierte Dateninfrastruktur in eine breitere Modell- und Analysepraxis übergeht. Je besser die Datenbasis die Unternehmensrealität abbildet, desto präziser können spätere KI-gestützte Ansätze Risiken nicht nur erkennen, sondern auch erklären, warum sie in bestimmten Regionen oder Branchen gleichzeitig auftreten. Damit wird aus einer Statistik eine Infrastrukturkomponente für strategische Entscheidungen.
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