BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die AOK verzeichnet seit 2016 deutlich mehr Arbeitsunfähigkeitstage durch psychische Erkrankungen: In zehn Jahren stieg die Zahl der Fehltage bei AOK-Versicherten um knapp 42 Prozent. 2025 kamen auf 100 Mitglieder 403 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen; zugleich gehen die Fehlzeiten insgesamt leicht zurück. Im Schnitt dauern Ausfälle psychisch bedingt mit 28,5 Tagen deutlich länger als bei Atemwegserkrankungen (5,7 Tage). Als Treiber nennt der Report besonders Belastungen in Dialogmarketing, Pflege und Kinderbetreuung sowie die Rolle von Arbeitspensum und Verantwortung.

Psychische Erkrankungen schlagen sich in den Daten der AOK mittlerweile sichtbar in der Arbeitswelt nieder: Innerhalb von zehn Jahren stieg die durch psychische Erkrankungen verursachte Arbeitsunfähigkeit bei AOK-Versicherten um knapp 42 Prozent. Gleichzeitig zeigt der aktuelle Blick auf die Gesamtsituation eine andere Richtung – die Fehlzeiten über alle Erkrankungen hinweg sind zuletzt leicht zurückgegangen. Für Personal- und Gesundheitsverantwortliche ist genau diese Kombination wichtig: Der Rückgang insgesamt verdeckt, dass sich die Zusammensetzung der Ausfälle verändert hat und psychisch bedingte Fälle im Durchschnitt deutlich länger dauern.
Der Kontext kommt aus dem Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Laut WIdO kamen 2025 auf 100 Mitglieder 403 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, nach 284 im Jahr 2016. Die Grundlage bilden Daten von 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten. Entscheidend ist dabei auch die Relationen in den Fall-Längen: Psychisch bedingte Ausfälle dauern 2025 im Schnitt 28,5 Tage je Fall, während Atemwegserkrankungen im Mittel nur 5,7 Tage auslösen. Atemwegserkrankungen führen zwar häufiger zu Krankmeldungen, doch der „Hebel“ für die Arbeitsausfallzeit liegt bei psychischen Erkrankungen stärker in der Dauer je Ereignis.
Besonders häufig treten psychisch bedingte Krankmeldungen in Bereichen auf, in denen Beschäftigte mit hohen emotionalen Anforderungen arbeiten. Der Report nennt Dialogmarketing – etwa Callcenter – als Spitzenbereich. Danach folgen laut Auswertung Tätigkeiten in der Haus- und Familienpflege sowie in der Altenpflege, außerdem liegen Berufe in der Kinderbetreuung weit vorn. Als Einordnung liefert Steffi Riedel-Heller, Leipziger Sozialmedizinerin, einen Bündelblick auf psychosoziale Belastungen: „In diesen Berufen wirken mehrere psychosoziale Belastungsfaktoren, die sich negativ auf die psychische Gesundheit auswirken“, so Riedel-Heller. Genannt werden in diesem Zusammenhang unter anderem hohe emotionale Anforderungen, Verantwortung für andere Menschen und ein hohes Arbeitspensum.
Dass die Zahlen nicht nur „Erkrankungen“ widerspiegeln, sondern auch Mess- und Erfassungswege, macht die digitale Infrastruktur im Hintergrund greifbar. Helmut Schröder, WIdO-Geschäftsführer, hält es für möglich, dass sich gemeldete Fehlzeiten aufgrund einer vollständigeren Erfassung verändert haben: Die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung habe zu einer „vollständigeren Erfassung der Krankmeldungen“ beigetragen. Daneben nennt Schröder mehrere Ursachen, die das Niveau unabhängig davon erhöhen können – etwa mehr Atemwegserkrankungen seit der Corona-Pandemie sowie steigende Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen. Am Markt der HR- und Workforce-Analytics bedeutet das: Wer Ausfälle nur als Trendlinie betrachtet, ohne die Datenentstehung (Dokumentations- und Meldewege) mitzudenken, trifft leicht falsche Rückschlüsse für Planung, Staffing und Prävention.
Auch die finanzielle Perspektive zeigt eine Verschiebung: Laut AOK sind die Ausgaben für Krankengeld zwischen 2021 und 2025 bei psychischen Erkrankungen um 54 Prozent gestiegen. AOK-Vorstandschefin Carola Reimann betont dabei, dass der Anstieg nicht nur auf mehr Belastung hindeutet, sondern auch mit einer höheren Erwerbsquote und gestiegenen Löhnen zusammenhängt. Gleichzeitig nennt sie einen zentralen zweiten Faktor – und hier wird die operative Relevanz deutlich: „Aber auch die Fallzahlen und insbesondere die Dauer je Fall steigen. Hierbei sind die psychischen Erkrankungen ein wichtiger Faktor“, sagt Reimann. Für Unternehmen heißt das: Strategien, die nur auf die Reduktion von Fallzahlen zielen, greifen möglicherweise zu kurz, wenn die durchschnittliche Falldauer weiterhin zunimmt.
Was diese Entwicklung nicht zwingend bedeutet, stellt Riedel-Heller ebenfalls klar. Steigende psychisch bedingte Fehlzeiten seien nicht automatisch gleichbedeutend damit, dass psychische Erkrankungen in der Bevölkerung im gleichen Umfang zugenommen hätten. „Psychische Erkrankungen werden heute besser erkannt, offener angesprochen und häufiger behandelt. Gleichzeitig gibt es Hinweise auf reale Zunahmen psychischer Belastungen und einzelner Störungen, insbesondere bei jüngeren Menschen“, so Riedel-Heller. Arbeit könne dabei nicht nur belasten, sondern auch Halt geben: „Gute Arbeit bietet Sicherheit, Zugehörigkeit, Struktur und Selbstwirksamkeit“, sagt sie. Genau daran knüpft der Report als Handlungslogik an – wenn psychisch bedingte Fehlzeiten sinken sollen, spielen Arbeitsbedingungen und frühe Unterstützung eine Rolle.
Praktisch führt das für die Technologie- und Datenwelt zu einer klaren Priorität: Aus Fehlzeitdaten werden nicht von allein bessere Entscheidungen. Unternehmen können die digitale Erfassung (wie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung) als Grundlage nehmen, um Muster zu erkennen – etwa in Schichtplänen, Belastungsprofilen nach Funktion oder nach Phasen organisatorischer Umstellung. In vielen Organisationen wächst zudem der Druck, Analysen schneller und zielgenauer zu machen; KI-gestützte Auswertungen können dabei helfen, Auffälligkeiten früh zu signalisieren, etwa wenn sich die durchschnittliche Falldauer in bestimmten Teams strukturell verlängert. Gleichzeitig sollten solche Modelle immer mit Blick auf Messbedingungen und Kontext genutzt werden, denn die AOK-Daten zeigen, wie stark Erfassung und gesamtwirtschaftliche Lage die Interpretation beeinflussen können. Der nächste Schritt ist damit weniger „Reaktion“ als „Design“: Präventionsangebote, interne Unterstützungswege und Arbeitsgestaltung sollten sich an den identifizierten besonders betroffenen Tätigkeitsfeldern orientieren.
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