LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – In den USA steigt die Zahl hochgradig antibiotikaresistenter Shigella-Infektionen seit 2011 deutlich an. Eine Analyse des US CDC zeigt, dass der Anteil extensiv medikamentenresistenter (XDR) Varianten von 0 % auf 8,5 % kletterte. In UKHSA-Daten aus 2025 liegt die Resistenzrate besonders bei den häufigen Stämmen Shigella sonnei und Shigella flexneri sehr hoch. Fachleute warnen, dass medizinische Standardtherapien bei sexuell übertragenen Verläufen künftig weniger greifen könnten.

Was früher vor allem mit kontaminiertem Essen, Trinkwasser und Reisesituationen assoziiert wurde, zeigt in aktuellen Datensätzen ein neues Muster: Shigella, ein bakterieller Auslöser von Durchfall und Erbrechen bis hin zur Ruhr-ähnlichen Dysenterie, verbreitet sich zunehmend auch über sexuellen Kontakt. In den Vereinigten Staaten erwerben nach Angaben des US CDC etwa 450.000 Menschen jährlich Shigellose. Der entscheidende Wandel liegt jedoch weniger in der Zahl der Infektionen insgesamt, sondern in der Zusammensetzung der Stämme: Seit der Jahrtausendwende tauchen Shigella-Varianten in Gemeinschaften auf, die über sexuelle Übertragung häufiger exponiert sind, insbesondere bei schwulen, bisexuellen und anderen Männern, die Sex mit Männern haben. Damit rückt eine klassische Infektion aus dem Bereich „Reisedurchfall“ stärker in den Kontext der STI-Versorgung.
Der Resistenztrend ist dabei besonders alarmierend, weil er sich nicht nur auf einzelne Antibiotika beschränkt, sondern in Richtung „Extensively Drug-Resistant“ (XDR) geht. Eine neu ausgewertete Datenlage des US CDC, die nahezu 17.000 Shigella-Isolate umfasst, zeigt zwischen 2011 und 2023 einen klaren Anstieg von XDR-Varianten: 2011 machten Isolate mit Resistenz gegen fünf häufig eingesetzte Antibiotika laut Analyse 0 % der Proben aus, bis 2023 stieg der Anteil auf 8,5 %. Auffällig ist zudem, dass die Mehrzahl dieser hochgradig resistenten Varianten Erwachsene betraf; viele von ihnen hatten in den Monaten zuvor offenbar keine internationalen Reisen unternommen. Damit wird die Erklärung „Import durch Reise“ statistisch weniger plausibel, während die Rolle lokaler, sexuell vermittelter Übertragung wahrscheinlicher wirkt.
Ein Blick in die klinische Praxis unterstreicht, wie schnell sich dieser Wandel im Alltag niederschlägt. Ein Molekularbiologe am UCLA-Umfeld beschreibt, dass Klinikteams mittlerweile ungefähr einen Fall von XDR-Shigella pro Monat sehen, während es 2022 im Vergleich dazu nur einen Fall über das gesamte Jahr gab. „It’s almost like an explosion of this pathogen in the community“, sagte Shangxin Yang. Für die Diagnostik bedeutet das: Wenn Shigellose nicht als potenzielle STI eingeordnet wird, werden Anamnese und Teststrategie häufig nicht darauf ausgerichtet. Das Problem verschärft sich, weil sowohl Betroffene als auch Behandler die sexuelle Übertragbarkeit möglicherweise unterschätzen und Sexualanamnosen nicht systematisch dokumentiert werden. Laut den US-CDC-Daten wird außerdem ein relevanter Teil der XDR-Fälle stationär behandelt: Mehr als ein Drittel der Betroffenen landete im Krankenhaus, und fast die Hälfte der Fälle mit bekanntem HIV-Status betraf Personen mit HIV. In der Formulierung von Epidemiologin Naeemah Logan: „Together, it’s a very concerning pattern of XDR Shigella strains that are being seen among vulnerable populations.“
Der Trend ist nicht auf die USA begrenzt. Auch im Vereinigten Königreich melden Überwachungsdaten eine ähnliche Dynamik: Eine Genetikerin an der University of Cambridge, Co-Autorin einer Studie in The Lancet Infectious Diseases, identifiziert einen vergleichbaren Anstieg. „Many men who have sex with men are unaware of the serious and increasing risk posed by sexually transmitted Shigella“, heißt es in einer Mitteilung im Juli, in der zudem auf die Entwicklung verwiesen wird, dass die Erkrankung innerhalb weniger Jahre von relativ gut behandelbar zu nahe an „schlecht behandelbar“ geraten sei. Gleichzeitig hat die britische Health-Behörde UKHSA im März darauf hingewiesen, dass sich zwar viele Shigella-Fälle ohne spezifische Behandlung spontan lösen, schwere Verläufe jedoch therapiebedürftig sind und die verfügbaren Optionen sich verengen. Besonders konkrete Zahlen liefern UKHSA-Analysen aus 2025: 86 % der getesteten Shigella-sonnei- und 94 % der Shigella-flexneri-Proben zeigten Resistenz gegenüber Antibiotika. Da dies genau jene Stämme sind, die über sexualen Kontakt in England besonders häufig übertragen werden, wird das Bild einer „therapeutischen Erosion“ greifbar.
Technisch betrachtet stellt sich die Frage, warum sexuell übertragene Verläufe möglicherweise andere Therapieansätze verlangen als durch Reise oder kontaminiertes Wasser verursachte Infektionen. Baker verweist hier auf ein Konzept, das als „bystander resistance“ (Widerstandsaufbau durch „Mitfahrer“) beschrieben wird: Eine Antibiotikagabe, die eigentlich gegen einen anderen Krankheitserreger gerichtet ist, kann dennoch Selektionsdruck auf Shigella-Stämme ausüben, die parallel im selben Umfeld zirkulieren. Das kann dazu führen, dass die „falsche“ Dosis oder das „falsche“ Medikament für den tatsächlich vorhandenen Erreger nicht zuverlässig abtötet, während Resistenzen trotzdem aufsteigen. „This disease has gone from being relatively treatable with off-the-shelf drugs to being close to untreatable over the course of the last decade or so“, so Baker in der zitierten Darstellung. Für Kliniken ist damit die Konsequenz nicht nur „mehr Resistenz“, sondern vor allem: Bei Verdacht auf sexuell übertragbare Shigellose braucht es häufig eine andere, stärker differenzierte Behandlungsstrategie als bei klassischen Reiseszenarien.
Die Debatte um Resistenzmechanismen wird zusätzlich durch Überlegungen zu STI-Behandlungsketten gestützt. Eine Forscherin am Gulbenkian Institute for Molecular Medicine in Lissabon weist auf einen Zusammenhang hin: Als UK-weit nationale Behandlungsleitlinien die Empfehlung zur Anwendung von Azithromycin gegen Gonorrhö-Infektionen zurückgenommen haben, habe sich demnach die Entwicklung von Azithromycin-Resistenz in Shigella verlangsamt. In ihren Worten: „the emergence of azithromycin resistance in Shigella slowed down.“ Damit ist nicht automatisch „Kausalität“ bewiesen, aber es entsteht ein plausibles Resistenz-Szenario: Wenn Antibiotika, die gegen andere STIs eingesetzt werden, in Populationen mit paralleler Erregerzirkulation wirken, kann genau das langfristig auch Shigella selektiv verändern. Für die Praxis heißt das, dass Resistenztests und gezielte Therapiewahl bei STI-ähnlichen Darminfektionen zunehmend an Bedeutung gewinnen.
Was bedeutet das für Prävention und Versorgung? Konkrete Empfehlungen aus der Public-Health-Perspektive sind relativ pragmatisch: Als eine effektive Vermeidung von sexuell vermittelter Shigellose gilt, in den zwei Wochen nach Durchfall bei der betroffenen Person keinen Sex zu haben. Zusätzlich raten Fachleute zu Barrieren bei Oral- und Analverkehr, ebenso zu Hygiene vor und nach sexuellen Kontakten. Auf der klinischen Seite wird der Ball stärker zurück in die Anamnese verlagert: „Clinicians should be asking patients with dysentery about sexual transmission and giving advice accordingly“, wird in einer Stellungnahme eines Beraters für Sexualgesundheit an einem University-Hospitals-Umfeld formuliert. Gleichzeitig ergänzt Daniel Richardson, dass sexuell übertragene Shigellose mehr antimikrobielle Resistenz aufweisen kann als andere Formen und dass Patienten gegebenenfalls auch auf weitere sexuell übertragbare Infektionen geprüft werden müssen. Entscheidend ist: Wenn Übertragungspfade falsch eingeordnet werden, werden nicht nur Betroffene später behandelt, sondern es kann auch passieren, dass Resistenzmuster im Surveillance-System „zu spät“ sichtbar werden. Gerade mit den in den USA und im Vereinigten Königreich beschriebenen Sprüngen bei XDR- bzw. hoch resistenten Stämmen wird klar, dass Shigella in der STI-Landschaft künftig eher wie ein „therapeutisches Risiko“ behandelt werden muss als wie ein rein selbstlimitierendes Magen-Darm-Thema.
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