LONDON (IT BOLTWISE) – Die EVITA-Phase-2-Studie mit täglich 1.000 mg Vitamin C über zwölf Monate erreicht das wichtigste Therapieziel bei Vorstufen von Blutkrebs nicht. In der doppelblinden Untersuchung mit 109 Erwachsenen bleibt die Hemmung des Wachstums abnormer Blutzellen aus. Auch der Übergang in eine akute myeloische Leukämie zeigt sich nicht signifikant. Exploratorische Signale deuten zwar auf Veränderungen bei Entzündungs- und Zytokinwerten hin, gleichzeitig treten Magen-Darm-Beschwerden häufiger auf.

Hochdosiertes Vitamin C steht in der Onkologie seit Jahren im Spannungsfeld zwischen biochemischer Plausibilität und klinischer Wirksamkeit. Die EVITA-Studie, deren Phase-2-Ergebnisse am 21. September 2026 im Fachjournal CANCER veröffentlicht wurden, setzt genau dort an: 1.000 mg Ascorbinsäure täglich über zwölf Monate sollten bei Personen mit Vorstufen von Blutkrebs ein festgelegtes biologisches Ziel erreichen. Untersucht wurden Erwachsene mit klonaler Zytopenie unbestimmter Signifikanz (CCUS) oder myelodysplastischem Syndrom (MDS), also Konstellationen, bei denen der Tumorcharakter eher im Hintergrund steht, die Risiken für eine spätere Erkrankung aber erhöht sind.
Technisch betrachtet ist die Studiendesign-Logik klar: Die EVITA-Studie wurde doppelblind durchgeführt und verglich Vitamin C direkt mit Placebo, ohne dass während der Studienphase eine reguläre Krebstherapie verabreicht wurde. Insgesamt nahmen 109 Probanden teil, jeweils um die Hälfte in den Studienarmen. Ein zusätzlicher klinischer Bezugspunkt: Auch wenn mehr als die Hälfte der Teilnehmenden zu Beginn einen Vitamin-C-Mangel aufwies, konnte die Supplementierung den Spiegel normalisieren. Genau deshalb ist die fehlende Zielerreichung besonders aufschlussreich: Selbst wenn ein Mangel ausgeglichen wird, bedeutet das nicht automatisch, dass die krankheitsrelevante Wachstumsdynamik im Blutknochenmark gebremst wird.
Das vorab definierte Hauptziel war die Hemmung des Wachstums abnormer Blutzellen. Im Vergleich zu Placebo wurde dieses Ziel nicht erreicht. Ebenso blieb ein seltenerer Übergang in eine akute myeloische Leukämie (AML) aus. Damit verschiebt sich der Fokus der Interpretation: Von einer unmittelbaren Behandlungsperspektive hin zu einer möglichen Substitutions- oder Modulatorrolle – zum Beispiel für immunologische oder entzündliche Parameter. Denn nach einem medianen Beobachtungszeitraum von 33,6 Monaten traten zwar insgesamt 35 Todesfälle auf (elf in der Vitamin-C-Gruppe mit 55 Personen, 24 in der Placebogruppe mit 54 Personen), doch die eigentliche Studiersprache wird hier von exploratorischen Signalen dominiert.
In dieser exploratorischen Analyse zeigten sich Veränderungen bei Entzündungssignalen und Zytokinspiegeln in eine günstige Richtung. Gleichzeitig wurden schwere unerwünschte Ereignisse bei 18 von 55 Personen (33 %) unter Vitamin C gegenüber 30 von 53 Personen (57 %) unter Placebo seltener berichtet. Solche relativen Unterschiede klingen zunächst beruhigend, allerdings bleibt die statistische Einordnung in Phase-2-Studien häufig eingeschränkt, wenn es um Neben- und Unterauswertungen geht. Dazu passt ein klarer praktischer Befund: Magen-Darm-Probleme traten unter Vitamin C häufiger auf. Außerdem wird in der Einordnung betont, dass diese Daten keine Empfehlung für Vitamin C als Krebstherapie darstellen, sondern die Grundlage für eine größere Phase-3-Studie schaffen könnten.
Der zweite wichtige Strang der Berichterstattung betrifft die Form der Anwendung. Hochdosiertes intravenöses Vitamin C ist laut den Angaben im Kontext der Studie nicht als Krebsmedikament durch die US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen; zudem werden spezifische Risiken adressiert, darunter Nierenversagen bei bestehenden Nierenschäden. Das ist für die Praxis relevant, weil die Pharmakokinetik bei i.v.-Gaben deutlich andere Peaks und Belastungen erzeugen kann als bei oraler Zufuhr. Wer mit solchen Ansätzen arbeitet, muss daher nicht nur Wirksamkeitsfragen prüfen, sondern auch konsequent patientenindividuelle Kontraindikationen und Laborparameter im Blick behalten.
Daneben zeigt die Quelle auch experimentell untersuchte Varianten, etwa lokale Anwendungen in einem anderen Setting: Bei 17 Patienten wurde eine 30-prozentige Ascorbinsäurelösung im Träger DMSO über zwölf Wochen zweimal täglich auf 27 biopsiebestätigte Plattenepithelkarzinome in situ aufgetragen. Bei 56 % der Läsionen trat eine vollständige histologische Abheilung auf, und die durchschnittliche Tumorfläche ging um 71 % von 1,06 auf 0,30 Quadratzentimeter zurück. Als möglicher Wirkmechanismus wird eine hohe lokale Konzentration diskutiert, die im Tumorgewebe prooxidativ wirkt und oxidativen Stress erzeugt. Für Entscheider folgt daraus: Selbst wenn ein biologischer Mechanismus plausibel ist, muss die klinische Evidenz je Indikation, Applikationsweg und Dosierung separat aufgebaut werden.
Für den Alltag bleibt die Leitlinie vor allem eine Nutzen-Risiko-Abwägung bei Nahrungsergänzungsmitteln. Die Europäische Union nennt einen Referenzwert (NRV) von 80 mg Vitamin C pro Tag für eine normale Funktion des Immunsystems; bei Brausetabletten wird in der Quelle zudem auf Zusatzstoffe hingewiesen. Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale NRW aus dem Jahr 2025 nennt für Brausepräparate einen Durchschnittswert von 0,67 g Salz pro Tagesdosis, was insbesondere vor dem Hintergrund einer ohnehin häufig zu salzreichen Ernährung problematisch sein kann. Ergänzend kann eine übermäßige Zufuhr isolierter Nährstoffe Magen-Darm-Trakt und Interaktionen mit bestehenden Medikamenten belasten – ein Punkt, der in der EVITA-Einordnung indirekt mit den häufigeren Magen-Darm-Ereignissen unter Vitamin C zusammenläuft.
Die eigentliche Branchenbotschaft der EVITA-Studie ist damit zweigeteilt: Vitamin C kann einen Mangel ausgleichen und immunologische Marker beeinflussen, aber es liefert in Phase 2 keinen Beleg dafür, dass es das definierte Fortschreiten von Blutkrebs-Vorstufen zuverlässig stoppt. Gleichzeitig rechtfertigen die exploratorischen Signale eine weitere, größere Testreihe – allerdings nicht als Freifahrtschein. Für Unternehmen und klinische Forschung heißt das, die nächsten Schritte mit klaren Endpunkten zu planen: Wirksamkeit gegen klinische Progression, robuste Sicherheitsdaten und eine saubere Trennung zwischen oraler Substitution, lokalem experimentellem Einsatz und i.v.-Strategien mit potenziell anderen Risikoquoten.
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