LONDON (IT BOLTWISE) – Die Erwartungen an Unternehmensgewinne in Europa haben sich laut einer Prognose von J.P. Morgan Asset Management deutlich verbessert. Für 2026 rechnet das Analystenteam nach einer Phase robuster Entwicklung mit einem Gewinnwachstum von bis zu 15 Prozent. Seit Jahresbeginn wurden die Schätzungen bereits mehrfach nach oben angepasst, mit besonders starkem Rückenwind aus dem Energiesektor. Auch Investitionsgüter, Versorger, Halbleiter und Banken profitieren zugleich; für Anleger rückt damit der Blick stärker auf die Umsetzung von Unternehmenszielen.

Europa: Aussicht auf Gewinnwachstum treibt Aktien – besonders Telekom und KI
Europa: Aussicht auf Gewinnwachstum treibt Aktien – besonders Telekom und KI (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Gewinnscharte in Europas Bilanzen wirkt wieder ausgleichend: In der aktuellen Erwartungslage verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob sich das Wirtschaftsumfeld stabilisiert, hin zur Mechanik, wie schnell Unternehmensziele in höhere Ergebniszahlen übersetzen. J.P. Morgan Asset Management nimmt nach einer Phase robuster Entwicklung für 2026 ein Gewinnwachstum von bis zu 15 Prozent in den Blick. Entscheidend ist dabei weniger ein einzelner Treiber als die Breite der Korrekturen: Seit Jahresbeginn wurden die Prognosen bereits nach oben angepasst, und ein wesentlicher Teil dieser Aufwärtsbewegungen entfällt auf den Energiesektor. Gleichzeitig nennen die Analysten auch Investitionsgüter, Versorger, Halbleiter und Banken als Bereiche mit höheren Schätzungen, was die Wahrscheinlichkeit stützt, dass das verbesserte Ergebnisbild nicht nur sektorspezifisch bleibt.

Die Logik hinter der Neubewertung lässt sich nach Einschätzung von Michael Barakos, Portfolio-Manager für europäische Aktien bei J.P. Morgan Asset Managements International Equity Group, vor allem über politische Weichenstellungen erklären. Er ordnet die aktuelle Phase als Fortschreibung einer fiskalischen Expansion ein, die die Binnennachfrage voraussichtlich stützen soll. Dazu kommt, dass europäische Fiskalregeln und das regulatorische Umfeld nach seiner Darstellung neu ausgerichtet wurden. Der Leitplanken-Fokus verschiebt sich damit Richtung Wettbewerbsfähigkeit; ein Beispiel dafür sieht Barakos im Telekommunikationsmarkt nordischer Länder, in dem Konsolidierung zur Margenverbesserung beitragen könnte. Ergänzend nennt er fiskalische Impulse, den Ausbau der KI-Infrastruktur sowie solide Finanzierungsbedingungen als mittelfristige Gegenkräfte, die früheren Gegenwind überdecken.

Spannend wird es an der Schnittstelle zwischen Erwartung und tatsächlicher Wertschöpfung: Europa positioniert sich in dieser Erzählung dort besonders gut, wo Künstliche Intelligenz nicht nur als Schlagwort auftritt, sondern in konkrete Anwendungen mündet. Barakos verweist auf Bereiche wie Energie- und Netzausrüstung oder Fabrikautomation, also auf Branchen, in denen Datenverarbeitung, Steuerungslogik und Prozessoptimierung bereits heute messbare Effekte ermöglichen können. Gleichzeitig bleibt die Argumentation bewusst zweigeteilt: Sollte KI die Erwartungen nicht erfüllen, wäre Europa weniger stark betroffen, weil die Benchmarks eine geringere Konzentration reiner KI-Unternehmen aufweisen. Gelingt jedoch eine transformativere Wirkung, dürfte Europa ebenfalls profitieren. In diesem Szenario spielt auch die erwartete höhere Staatstätigkeit hinein: Europa erscheint damit als eine der wenigen großen Aktienregionen mit einer Wachstumsstory, die nicht primär von KI als alleinstehendem Wachstumshebel abhängt, sondern breiter auf Infrastruktur- und Industrieeffekte setzt.

Besonders konkret wird der Marktimpuls im Telekommunikationssektor. Nach einem Jahrzehnt der Underperformance sieht Barakos einen Wendepunkt, weil das Wachstum der Dienstleistungsumsätze wieder positiv ausfällt. Das ist nicht nur ein Stimmungsindikator: Europäische Telekommunikationsunternehmen verbinden in seiner Beschreibung defensive Eigenschaften mit verbesserten Fundamentaldaten. Hintergrund sind mehrere Jahre, in denen Umsatzdruck, hohe Investitionen in Glasfaser- und 5G-Netze und zeitweise intensiver Wettbewerb die Ergebnisqualität belasteten. Nun wirken zwei Mechanismen zusammen: Zum einen begünstigen Inflation und Veränderungen in der Marktstruktur Preissteigerungen, zum anderen verschieben Betreiber die Prioritäten von „Volumen“ hin zu „Wert“. Sie fokussieren demnach stärker Rentabilität statt Netto-Neukundenzuwächsen. Der Investment Case basiert folglich auf einer Kombination aus Preisdisziplin, einem absehbareren Rückgang der Investitionsausgaben und schrittweisen Kostensenkungen, die den freien Cashflow stabilisieren sollen.

Der Vergleich mit den USA liefert dabei eine anschauliche Einordnung, die in der Praxis häufig als Begründung für Preisanpassungen herangezogen wird: Laut Barakos erzielen Anbieter in der EU im Durchschnitt 16 Euro Umsatz pro Nutzer, während US-Anbieter auf 44 Euro kommen. Diese Spanne macht „Mehr für mehr“ plausibel, sofern Preissetzung, Qualität und Netzperformance konsistent geliefert werden. In Deutschland sind die Wettbewerbstrends dabei laut seiner Darstellung heterogen; dennoch sprechen steigende Festnetzpreise und eine verbesserte operative Umsetzung bei der Deutschen Telekom für eine Aufhellung der Aussichten. Entscheidend wird, wie schnell Ausgaben normalisiert werden, ohne die Wettbewerbsdynamik zu beschädigen. Die Investitionsausgaben des Sektors, die 2021 bei 18,8 Prozent des Umsatzes ihren Höchststand erreichten, sollen bis 2028 auf 16,2 Prozent sinken. Für den freien Cashflow erwartet J.P. Morgan Asset Management von 2025 bis 2028 ein durchschnittliches jährliches Wachstum von 7,5 Prozent.

Damit das Modell nicht nur theoretisch aufgeht, spielt die Zeitachse beim Netzausbau eine zentrale Rolle. Ab 2026/27 soll der Glasfaserausbau bis ins Haus weitgehend abgeschlossen sein, wodurch etablierte Anbieter wie Orange, KPN und BT weniger in den Ausbau investieren müssten. Dazu passt, dass Barakos zusätzliche Spielräume durch KI-gestützte Kostensenkungen sieht, etwa im Kundenservice und im Netzbetrieb. In der Bewertung ist allerdings nicht jede Erzählung automatisch eingepreist: Der Sektor hat laut Quelle zuletzt zwar weiterhin gerallyt, aber die Dynamik nach der Outperformance der vergangenen zwei Jahre verloren, weil Anleger Gewinne realisierten. Die Bewertungen erscheinen Barakos zufolge inzwischen ausgewogener; nach einigen Kennzahlen wird der Sektor zwar mit einem Abschlag zum Gesamtmarkt gehandelt, doch das EV/EBITDA liegt über dem historischen Durchschnitt. Daraus leitet er ab, dass Renditen eher aus der erfolgreichen Umsetzung von Unternehmenszielen folgen dürften als allein aus steigenden Bewertungsmultiplikatoren.

Über den Telekommunikationsblick hinaus bleibt die Frage, warum Europa im Verhältnis zu den USA mit Bewertungsabschlägen gehandelt wird und ob sich diese Lücke schließen kann. Auf gesamteuropäischer Ebene werden Europa-Aktien in den meisten Sektoren mit einem Bewertungsabschlag gegenüber US-Aktien bewertet. Barakos betont dabei, dass die Bewertungen in Europa auch absolut betrachtet nicht überzogen seien. Als Beispiel nennt er den europäischen Bankensektor, der in den letzten fünf Jahren die US-Aktien der „Magnificent Seven“ übertroffen habe. Viele Kreditinstitute würden zudem weiterhin zu moderaten Bewertungskennzahlen gehandelt. Für eine Reduzierung des Abschlags zwischen Europa und den USA seien daher vor allem anhaltende fundamentale Verbesserungen entscheidend. Für Unternehmen bedeutet das praktisch: Wer Budgetdisziplin mit echter operativer Hebelwirkung koppelt – etwa über Prozessautomatisierung, Netzoptimierung oder datengestützte Steuerung – dürfte in einem Umfeld mit verbesserten Gewinnprognosen stärker sichtbar werden als reine Wachstumsgeschichten ohne nachvollziehbare Ergebnislogik.


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