SYDNEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Science Corporation hat ihren vision-reaktivierenden Chip PRIMA in die erste Patientin bzw. den ersten Patienten mit Stargardt-Krankheit eingesetzt. Das Unternehmen berichtet, dass der Betroffene im Rahmen der Rehabilitation zunächst einen Buchstaben und später ein Wort erkennen konnte. Für die Anwendung kombiniert PRIMA eine implantierte Mikroelektronik mit kameraerfassten Brillengläsern, die die Sichtsignale an den Chip übertragen. Technisch positioniert sich Science Corporation damit als BCI-Anbieter, der weiter über reine Computersteuerung hinaus in die medizinische Versorgung will.

Mit der Implantation von PRIMA bei der ersten Person mit Stargardt-Retinopathie verschiebt Science Corporation den Fokus von Forschung und Prototyping hin zu einem klinisch beobachtbaren Signal: zentraler Sehrest wird nicht nur theoretisch „ersetzt“, sondern während der Rehabilitation sichtbar getestet. Stargardt gilt als vererbte Augenerkrankung, bei der vor allem die äußere Netzhaut nach und nach ausfällt. Betroffen ist damit der Teil des visuellen Systems, der Licht in Reize umwandelt und weiter an den Sehweg zum Gehirn leitet. Laut den Angaben aus der Meldung betrifft die Krankheit weltweit rund 150.000 Menschen, und typische Verläufe enden mit einem zunehmenden zentralen blinden Fleck.
PRIMA selbst wird als implantierbares System beschrieben, das an der Stelle ansetzt, an der die Photorezeptoren degeneriert sind. In der ersten Patientengeschichte nennt das Unternehmen eine eher kompakte Implantatfläche: Das Chip-Element soll etwa 2 Millimeter mal 2 Millimeter messen und in den hinteren Augenbereich eingesetzt werden. Hodak verwendet dafür eine anschauliche Metapher: Es sei „wie durch einen Strohhalm“ zu sehen, weil das System in der Anfangsphase keinen großen Sichtwinkel abdeckt. Gleichzeitig betont er die Bildwirkung als hochkontrastreich und scharf genug, um zunächst jeweils nur wenige Zeichen gleichzeitig zu erkennen. In der Rehabilitation habe der Patient beim ersten Termin einen Buchstaben gesehen, beim zweiten bereits ein Wort.
Die technische Logik dahinter wirkt wie eine künstliche Kopplung zwischen visuellen Eingangsdaten und dem optischen Signalpfad des Gehirns. Patienten erhalten demnach zunächst eine rund einstündige Prozedur, bei der der Chip im hinteren Augenabschnitt platziert wird. Anschließend tragen sie eine Brille mit Kameraausstattung, die eine Live-Ansicht erfasst und an das Implantat weitergibt. Damit „funktioniert“ das Implantat der Darstellung zufolge wie künstliche Photorezeptoren: Es übersetzt den visuellen Input nicht in eine klassische Bildprojektion, sondern in elektrische Aktivität, die der Sehweg an das Gehirn weiterleitet. Im Kern steht damit die Idee, dass die Retina Teil des zentralen Nervensystems ist und das Sehen für das Gehirn letztlich über elektrische Signale abläuft.
Für den Markteintritt nennt Science Corporation zwei Ebenen: Zum einen ist PRIMA offenbar bereits kommerziell in Europa verfügbar, konkret für Patientinnen und Patienten, die durch geografische Atrophie im Sinne einer fortgeschrittenen altersbedingten Makuladegeneration das Augenlicht verloren haben. Zum anderen versucht das Unternehmen, die gleiche Grundannahme auf weitere Erkrankungen zu übertragen – ausdrücklich auch auf Stargardt, das derzeit als nicht heilbar gilt. Genau diese Übertragbarkeit entscheidet in der Praxis über die Skalierung: Ein System, das nur bei einer sehr spezifischen Restfunktion der Netzhaut funktioniert, bleibt eng. Ein Ansatz, der dagegen bei unterschiedlichen Ursachen derselben „unterbrochenen Signalumwandlung“ greift, kann schneller in mehrere Indikationen hineinwachsen.
Strategisch ordnet sich PRIMA zudem in die breitere BCI-Vision ein. Hodak, der zuvor Mitgründer und Präsident von Neuralink war, stellt die Arbeit mit PRIMA als Bestandteil einer neuartigen Brain-Computer-Interface-Linie dar: nicht nur als Möglichkeit, Computer zu steuern, sondern als Medizintechnologie, die unterschiedliche Körper- und Nervenschnittstellen adressieren kann. In der Argumentation werden Cochlea-Implantate, Retinaprotthesen und motorische Prothesen als unterschiedliche BCI-Ausprägungen eingeordnet. Gleichzeitig grenzt sich Science Corporation technologisch offenbar von Neuralink ab, indem die eigene BCI-Sensorik nicht direkt in das Hirngewebe eingebracht werden soll, sondern im Schädelbereich auf dem Gehirn aufliegt. Für die Therapie bedeutet das vor allem: weniger invasive Pfade könnten je nach Indikation leichter zu planen sein, auch wenn die reale technische Leistung am Ende an der Signalqualität hängt.
Für die klinische Weiterentwicklung nennt das Unternehmen bereits konkrete Richtungen, ohne sie mit vollständigen Indikationen öffentlich zu machen. Bei der BCI-Technologie verweist Science Corporation darauf, dass kurzfristig eine erste klinische Indikation adressiert werden soll, die bisher nicht öffentlich genannt wurde, sowie dass man auch Schlaganfallfolgen prüft. Die Beschreibung zielt dabei auf die Idee ab, tiefer gelegene Verbindungen in zwei Bereichen zu nutzen, um neue kortikale Verschaltungen anzuregen – ein Ansatz, der mit „konventionellen Elektroden“ in dieser Form nicht möglich sei. Daneben bleibt die langfristige Mission deutlich weiter gesteckt: Gehirnfunktionen sollen als Grundlage verstanden werden, um „engineered brains“ zu ermöglichen, also künftig auch über einzelne Therapien hinauszugehen. Für den Markt steht dabei im Raum, dass BCI nicht nur für besondere Ausnahmefälle gedacht sei, sondern perspektivisch für einen größeren Teil der Bevölkerung relevant werden könnte.
Bemerkenswert ist an der PRIMA-Ankündigung auch, wie das Unternehmen die technischen nächsten Schritte formuliert. Die aktuelle Bildfläche ist demnach begrenzt; um den Sichtwinkel zu vergrößern, müsse das Implantat größer werden. Gleichzeitig nennt Hodak eine harte Randbedingung: Dafür müsse man die Krümmung des Auges besser berücksichtigen. Außerdem sei geplant, die Elektroden kleiner zu machen, um näher an native Detailauflösungen heranzukommen. Entscheidend wird dann weniger die erste Rehabilitation selbst sein, sondern die Kombination aus Skalierung des Sichtfelds, Stabilität über längere Trage- und Nutzungszeiträume sowie der Nachweis, dass sich Bildschärfe und Nutzbarkeit nicht gegenseitig ausbremsen. Genau an dieser Stelle entscheidet sich auch, ob PRIMA als „Retina-Startpunkt“ in eine breitere BCI-Plattform überführt werden kann.
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