BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei neue Berichte zum Welternährungstag zeigen, dass der Kampf gegen Hunger weltweit kaum Fortschritte macht. Besonders in Afrika südlich der Sahara hat sich die Lage seit 2018 sogar verschlechtert. Der Welthunger-Index stieg von 17,6 auf 18,1 Punkte, und 2025 waren in 47 erfassten Ländern rund 266 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen. Die Lage wird dabei nicht nur von Kriegen geprägt, sondern auch durch ausbleibende Finanzierung und damit weniger Hilfe sowie weniger verlässliche Datenerhebung.

Die Meldungen zum Welternährungstag 16. Oktober wirken wie eine statistische Kippstelle: Der Hunger war global lange in vielen Landsträngen rückläufig, doch seit 2018 zeigt der Welthunger-Index laut den vorliegenden Auswertungen wieder nach oben. Im Vergleich zum Referenzjahr stieg der Index von 17,6 auf 18,1 Punkte. Damit befindet sich die Welt erstmals in der bis 2000 zurückreichenden Datenreihe wieder in einer Verschlechterung, obwohl die letzten Jahre in Teilen Asiens und Lateinamerikas durchaus Verbesserungen gebracht haben.
Besonders deutlich ist die Schieflage in Afrika südlich der Sahara. Dort liegen die höchsten Indexwerte der betrachteten Weltregionen, und von acht Ländern mit einer alarmierenden Hungersituation sind nach den Berichten sieben in dieser Region verortet. Hinzu kommt, dass akute Ernährungskrisen nicht breit gestreut sind, sondern stark in wenigen Staaten konzentriert auftreten: Eine weltweite Auswertung von Aktion gegen den Hunger macht das an 2025 fest: In 47 erfassten Ländern und Gebieten waren rund 266 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, und zwei Drittel davon lebten in nur zehn Ländern. Für die Praxis heißt das: Selbst wenn globale Durchschnittswerte stagnieren, bestimmen regionale Bündel von Konflikten, Klimaextremen und Preissteigerungen, ob Hilfen ankommen und ob Kinder sicher versorgt werden.
Rechnet man den Blick weiter nach vorn, wird die Rolle von Kriegen und Versorgungsketten besonders greifbar. Die Ursachen sind dabei mehrschichtig: Gewalt vertreibt Menschen von ihren Feldern, unterbricht Handelswege und erschwert die Verteilung von Nahrungsmitteln und medizinischer Begleitung. Gleichzeitig verschärfen Dürren, Überschwemmungen und hohe Preise die Lage zusätzlich. In einer solchen Gemengelage reicht es nicht, nur kurzfristig Nahrungsmittel bereitzustellen; es braucht stabile Logistik, funktionierende lokale Beschaffung und eine Gesundheitsversorgung, die Mangelernährung früh erkennt. Genau hier zeigt sich auch eine Lücke, die in den Berichten explizit adressiert wird: Nach Angaben von Aktion gegen den Hunger sank die Finanzierung humanitärer Ernährungshilfe in Krisengebieten zwischen 2022 und 2025 um 59 Prozent.
Der Sudan steht in den Auswertungen exemplarisch für die Eskalation durch anhaltende Konflikte. Der seit 2023 andauernde Krieg hat 2025 eine der schwersten Hungerkrisen weltweit ausgelöst: Rund 24,6 Millionen Menschen waren von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, fast die Hälfte der Bevölkerung. In den belagerten Städten Al-Fascher und Kadugli wurde 2025 eine Hungersnot festgestellt; auch im Verlauf 2026 galten laut Angaben noch 14 Gebiete als von einer Hungersnot bedroht. Für dieses Jahr wird außerdem mit rund 825.000 schwer akut mangelernährten Kindern unter fünf Jahren gerechnet, während nach UN-Schätzungen insgesamt 33,7 Millionen Menschen humanitäre Hilfe benötigen. Solche Zahlen sind nicht nur „humanitär“, sie sind auch ein Indikator für den Zustand von Versorgungssystemen: Wenn Hilfe und Screening lückenhaft werden, steigt das Risiko, dass sich akute Mangelernährung still verfestigt.
In Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo spitzt sich die Entwicklung besonders stark zu. Nigeria verzeichnete laut Welthunger-Index die stärkste Verschlechterung seit 2018: Der Indexwert stieg von 28,2 auf 34,3 Punkte, knapp unter die Schwelle zur Kategorie „alarmierend“. Aktion gegen den Hunger nennt für 2025 30,6 Millionen Menschen mit der größten erfassten akuten Ernährungskrise; für die Hungerperiode 2026 werden bis zu 34,7 Millionen Betroffene prognostiziert, dazu kommen geschätzte 6,4 Millionen akut mangelernährte Kinder unter fünf Jahren. In der Demokratischen Republik Kongo liegt der Indexwert bei 39,5 Punkten; 2025 waren laut Aktion gegen den Hunger 27,7 Millionen Menschen von hoher akuter Ernährungsunsicherheit betroffen, mehr als zehn Millionen davon in den umkämpften östlichen Provinzen. Kälte oder Wetter allein erklären das nicht: Kämpfe, Vertreibungen und Plünderungen behindern Landwirtschaft und Handel, während zusätzlich ein schwerer Ebola-Ausbruch die medizinische und organisatorische Lage belastet. Besonders relevant ist auch die Aussage zu den Hilfsschließungen: Wegen Kürzungen mussten 2025 mehr als 1.000 Ernährungszentren schließen, wodurch nach Angaben der Organisation mehr als 390.000 schwer akut mangelernährte Kinder den Zugang zur Behandlung verloren.
Auch außerhalb Afrikas zeigen die Berichte, dass akute Krisen kurzfristig wieder hochschnellen können, selbst wenn einzelne Regionen in der Summe Fortschritte verzeichnen. Außerhalb Afrikas stiegen die Betroffenenzahlen 2025 gegenüber 2024 besonders in Myanmar um 2,3 Millionen, in Afghanistan um 1,6 Millionen und im Jemen um 1,4 Millionen. Der Welthunger-Index ordnet Konflikte 2025 als Hauptursache in 19 Ländern und Gebieten mit 147,4 Millionen Betroffenen ein. Neben der humanitären Dimension ist das für die Planung entscheidend: Wo Hilfe durch Gewalt nicht zuverlässig zugänglich ist, müssen Organisationen ihre Strategien so anpassen, dass lokale Strukturen, alternative Verteilwege und abgesicherte Beschaffung funktionieren. Gleichzeitig erschwert die sinkende Finanzierung nach Angaben von Aktion gegen den Hunger auch die Datenerhebung, was wiederum bedeutet, dass das Ausmaß der Krisen nicht vollständig erfasst wird.
Für politische und operative Entscheider stellt sich damit eine harte Prioritätsfrage: Wie lässt sich unter knapper werdenden Budgets sowohl die Hilfeleistung als auch die Messbarkeit der Lage sicherstellen? Die Berichte betonen, dass Hunger nicht isoliert entsteht, sondern mit Kriegen und Konflikten zusammenhängt; zugleich wird Hunger als „lösbares Problem“ eingeordnet. In Deutschland wird dafür insbesondere gefordert, Kürzungen bei Entwicklungszusammenarbeit und humanitärer Hilfe zurückzunehmen und Ernährungssicherheit stärker als festen Bestandteil der Politik zu verankern. Technisch betrachtet rückt damit auch ein Systemthema in den Fokus: Wenn Verteilung, Screening und Monitoring gleichzeitig unter Budgetdruck geraten, entstehen blinde Flecken in der Versorgungskette. Das ist nicht nur ein Mangel an Hilfsgütern, sondern auch ein Mangel an steuerungsfähigen Daten.
Wer die Zahlen aus Sudan, Nigeria und der DR Kongo zusammenzieht, sieht ein Muster: Akute Ernährungsunsicherheit wächst dort, wo Konflikte Versorgung unterbrechen und wo finanzielle Mittel gleichzeitig sinken. In den Berichten wird außerdem klar, dass Konzentration auf wenige Länder die globale Lage schnell „kippen“ kann, selbst wenn andere Regionen stabiler wirken. Für die kommenden Monate heißt das, dass es weniger um symbolische Programme geht, sondern um belastbare Kapazitäten für schnelle Hilfe, langfristige Krisenvorsorge und ein Monitoring, das nicht nur dokumentiert, sondern rechtzeitig steuert. Künstliche Intelligenz kann dabei unterstützend sein, etwa bei der Auswertung von Risikoindikatoren oder beim Priorisieren von Messstellen; entscheidend bleibt aber, dass Finanzierungslücken nicht die Grundlage zerstören, auf der solche Analysen überhaupt aufbauen können.
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