ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Krupp-Stiftung hält eine baldige Verselbstständigung der Stahlsparte von thyssenkrupp für realistisch. Stiftungschefin Ursula Gather verweist auf den Sanierungstarifvertrag, den Fortschritt nach dem Verkauf von HKM und eine bessere Marktabschirmung durch EU-Zölle. Auch an der Direktreduktionsanlage in Duisburg sieht sie Bewegung. Zudem betont sie, dass der Staat als Eigentümer aus ihrer Sicht nicht die bessere Option ist.

Krupp-Stiftung sieht gutes Zeitfenster für Verselbstständigung von Thyssen-Stahl
Krupp-Stiftung sieht gutes Zeitfenster für Verselbstständigung von Thyssen-Stahl (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Krupp-Stiftung stellt den nächsten Schritt in der thyssenkrupp-Umstrukturierung in den Vordergrund: Ursula Gather sieht für eine Verselbstständigung der Stahlsparte „aktuell ein gutes Zeitfenster“. Der Begriff ist mehr als ein Satz aus dem Interview; er passt zur laufenden Finanzholding-Logik, mit der die Konzernmutter die bisherigen Sparten schrittweise aus dem reinen Einheitspreisschild herauslösen will. Im Hintergrund steht dabei auch die Eigentümerrolle der Stiftung: Sie hält 21 Prozent der thyssenkrupp-Aktien und ist damit größter Anteilseigner. Damit kommt ihrem Urteil über Timing und Erfolgsaussichten besonderes Gewicht zu, weil Verselbstständigungen nicht nur organisatorisch, sondern auch an Kapitalmarktkommunikation und Risikoprofilen hängen.

Technisch und operativ knüpft Gather die Einschätzung an mehrere konkrete Hebel. Sie verweist auf den Sanierungstarifvertrag, der offenbar bereits als stabilisierender Faktor wirkt, und auf den Verkauf von HKM als „großen Schritt“ nach vorn. Dazu kommt der Blick auf die europäische Stahlbranche: EU-Zölle sollen einen besseren Schutz schaffen. Genau an solchen Markt- und Margenparametern entscheidet sich häufig, ob ein Stahlunternehmen eigenständig an der Börse überzeugen kann, weil die Volatilität der Rohstoff- und Nachfragezyklen dann stärker „im Haus“ bleibt. Für die Umsetzung ist außerdem relevant, dass die Stahlkomponente nicht auf klassische Hochofenpfade reduziert ist, sondern auch Investitionen in modernere Prozesse einschließt; Gather nennt in diesem Kontext ausdrücklich Fortschritte an der Direktreduktionsanlage in Duisburg.

Im Konzernplan ist das Timing zugleich nicht frei wählbar, sondern an bereits erfolgte Schritte gekoppelt. Denn die Marinesparte TKMS (TKMS thyssenkrupp Marine Systems) wurde bereits im vergangenen Herbst an die Börse gebracht, während die Werkstoffsparte TK Accelis nach Angaben aus dem Konzernumfeld noch in diesem Jahr folgen soll. Diese Abfolge zeigt: thyssenkrupp testet die Kapitalmarktakzeptanz für einzelne Technologieträger, statt auf einen einzigen großen Spin-off zu setzen. Die Stahlsparte wäre damit der nächste Baustein in einer Gesamtarchitektur aus Finanzholding, Börsenfähigkeit und operativer Eigenständigkeit. Die Konzernmutter will nach der Darstellung im Grundsatz Mehrheitseigentümerin bleiben, hält in der Stahlsparte aber auch eine Minderheitsbeteiligung für möglich – ein Punkt, der für die Gestaltung von Mitspracherechten, Investitionsrhythmen und Bewertungslogik entscheidend ist.

Auch die Frage, ob staatliche Beteiligung als zusätzlicher „Sicherheitsanker“ dienen könnte, wird von Gather klar beantwortet. Sie hält eine Staatsbeteiligung an der Stahlsparte für unnötig und formuliert, dass der Staat—„ob Land oder Bund“ – aus ihrer Sicht nicht der bessere Eigentümer sei. Stattdessen steht der Plan im Raum, die Verselbstständigung aus eigener Kraft zu schaffen. Diese Haltung hat eine wirtschaftspolitische Dimension: In Branchen mit hohem Investitionsbedarf und strukturellem Wandel ist die Debatte über Eigentümeroptionen regelmäßig präsent, etwa weil industrielle Transformationen sowohl Kapital als auch politische Begleitung brauchen. Gather argumentiert jedoch, dass gerade durch die bereits angestoßenen Maßnahmen im Unternehmen die Voraussetzungen geschaffen werden können, ohne die Eigentümerstruktur staatlich zu verankern.

Für die Ausgestaltung einer künftigen Beteiligung bleibt zudem offen, wie die Krupp-Stiftung selbst langfristig positioniert sein will. Auf die Frage, ob sie an der Stahlsparte beteiligt bleiben möchte, antwortete Gather sinngemäß mit einem positiven Signal für den Fall, dass die Stiftung – so wie bei TKMS und Accelis – auch an einem verselbstständigten Stahlkonzern beteiligt ist. Diese Form der Kontinuität ist für den Markt relevant, weil institutionelle Investoren und weitere Aktionäre bei Spin-offs oft danach schauen, ob ein Ankerinvestor die Geschichte „durchträgt“. Zahlen aus dem operativen Bereich unterstreichen dabei die Größenordnung: Ende Juni waren in der Stahlsparte rund 25.080 Menschen beschäftigt, knapp 860 weniger als ein Jahr zuvor. Beschäftigungsentwicklung, Kostendynamik und Produktivitätsprogramme werden damit zwangsläufig Teil der Bewertung – ebenso wie der nächste formelle Zeitpunkt im Kalender: Am 8. Dezember legt der Konzern seinen Geschäftsbericht für das Geschäftsjahr 2025/26 vor, das am 30. September endete.

Für Unternehmen und Entscheider in der Industrie ist die Meldung vor allem ein Signal zur Kapitalmarktstrategie bei Heavy Industries: Verselbstständigungen funktionieren dann, wenn die operative Sanierung, Marktabschirmung und technologische Modernisierung nicht nur behauptet, sondern in belastbaren Fortschritten sichtbar sind. In der Praxis heißt das: Ein Stahl-Spin-off muss seine Resilienz gegenüber Energie-, Rohstoff- und Nachfragezyklen erklären, während gleichzeitig die Transformationsagenda – hier mit Blick auf Direktreduktion – glaubwürdig im Businessplan verankert sein muss. Wenn thyssenkrupp den eingeschlagenen Kurs fortsetzt, wird der Markt stärker differenzieren zwischen einzelnen Technologie- und Geschäftsbereichen. Für die Zukunft ist damit weniger eine Frage der allgemeinen „Bewertungsstory“, sondern konkret, wie sauber Übergänge, Governance und Investitionspfade in der neuen Struktur umgesetzt werden.


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