BUTEMBO / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Osten der Demokratischen Republik Kongo veranlasst die Angst vor Ebola viele Mütter, wichtige Vorsorge zu meiden und Geburten zu Hause durchzuführen. Für die Provinz Ituri melden UN-Zahlen nahezu 70 % mehr mütterliche Todesfälle zwischen Mai und Juli. Gleichzeitig fallen Routineimpfungen stark: UNICEF nennt einen Rückgang um mehr als die Hälfte in Ebola-Hotspots. Hilfsorganisationen und Gesundheitskräfte warnen, dass die indirekten Folgen der Epidemie das Gesundheitssystem noch länger belasten könnten.

In Butembo und der umliegenden Region kippt die Versorgung nicht primär an mangelnden Behandlungsmöglichkeiten, sondern an der Sorge, selbst durch medizinische Hilfe erst mit Ebola in Kontakt zu kommen. Gesundheits- und Hilfskräfte schildern, dass Mütter vor allem deswegen auf präventive Termine verzichten und Geburten häufiger zu Hause abwickeln, weil sie fälschlich glauben, Medikamente oder medizinische Einrichtungen würden das Virus übertragen. Für die betroffenen Familien wird dadurch aus einer konkreten Infektionsgefahr eine allumfassende Entscheidungsangst – mit direkten Konsequenzen, sobald Komplikationen auftreten und rechtzeitige Hilfe fehlt.
Die statistische Spur führt dabei nach Ituri. Laut UN-Angaben stiegen die mütterlichen Todesfälle in Ituri zwischen Mai und Juli um nahezu 70 % im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Solche relativen Verschiebungen sind für Einsatzteams besonders belastend, weil sie nicht nur die Mortalität während des Ausbruchs widerspiegeln, sondern auch den Kollateralschaden des Versorgungsausfalls. Gleichzeitig melden Helfer eine zusätzliche Druckkomponente: steile internationale Kürzungen haben Engpässe bei einzelnen lebenswichtigen Medikamenten ausgelöst. In der Praxis bedeutet das, dass selbst dann, wenn eine Familie den Weg ins Zentrum schafft, Behandlungsketten lückenhaft werden können.
Im städtischen Kontext wird das Problem am sichtbarsten, wenn Kliniken mit leeren Betten statt erwarteter Auslastung kämpfen. Die Krankenschwestern am Masiki-Gesundheitszentrum berichten, dass seit der Ausrufung des Ausbruchs im Mai Geburten in der Entbindungsstation deutlich zurückgegangen seien. „They think the medicines we give them contain the Ebola virus“, sagte die leitende Krankenschwester Liliane Adronga und machte damit deutlich, wie stark sich Irrtümer über die Übertragungswege mit realer Angst überlagern. Auch die UNFPA verweist auf einen massiven Einbruch: Für den Zeitraum Mai bis Juli seit Beginn des Ausbruchs meldet sie einen Rückgang von mehr als 30 % bei Krankenhausentbindungen sowie einen Rückgang von 50 % bei der Behandlung von geburtshilflichen Komplikationen.
Während Schwangerschaft und Geburt bereits jetzt stärker betroffen sind, zeigt sich der zweite Brennpunkt in der Kinderheilkunde. Die Ebola-Ausbreitung erfasst laut Angaben sieben Provinzen; mehr als 8.000 Menschen seien infiziert und über 4.000 gestorben. Gleichzeitig wird Routine-Datenerfassung und Versorgung immer schwieriger, und Hilfsorganisationen berichten für die ersten drei Monate des Ausbruchs einen markanten Rückgang bei Routineimpfungen und pädiatrischen Besuchen. UNICEF warnte im August, dass Routineimpfungen in Ebola-Hotspots in Ituri zwischen April und Juni um mehr als die Hälfte gefallen seien; in Mongbwalu gingen Erstimpfungen gegen Masern um 69 % zurück. „We should be concerned not only about the direct impact of Ebola, but also its indirect effects on health, nutrition, child protection and insecurity“, sagte Raoul Kamadjeu von UNICEF. In einer Umgebung, in der Masern ohnehin immer wieder auftreten, kann diese Lücke die nächsten Ausbrüche vorwegnehmen.
Die Ursache liegt dabei nicht nur in Furcht, sondern auch in einem Informationsraum, der von Halbwissen und Aberglauben überlagert wird. Masika Furaha, eine Mutter aus Butembo, beschreibt den Mechanismus: „We didn’t want to bring our children to health facilities for fear of being referred to an Ebola treatment center. Because once you end up there, you can die.“ Am Ende habe sie zwar ihr jüngstes Kind noch impfen lassen, nachdem sie beobachtet hatte, dass geimpfte Kinder gesund blieben. Der Kinderarzt Dr. Mupenzi Mumbere ordnet solche Erlebnisse als Verstärker für elterliches Misstrauen ein: „That’s when I realised how great the misunderstanding was.“ In der schlimmsten Ausprägung, so seine Darstellung, kämen Kinder in so schlechtem Zustand in die Einrichtungen, dass die medizinischen Optionen nur noch begrenzt seien: „In the worst cases, children arrive in such poor condition that there is little left to do but watch them die.“ Parallel berichten Einsatzkräfte, dass viele Familien zunächst Selbstmedikation versuchen oder traditionelle Heiler aufsuchen, bevor sie sich doch noch Krankenhäusern zuwenden.
Für Entscheider in Gesundheitsbehörden und humanitären Organisationen ist damit klar: Ebola-Bekämpfung endet nicht mit Fallzahlen und Quarantänen, sondern verlangt eine stabile Routine für das, was nicht verschoben werden darf. Wenn medizinische Einrichtungen in der öffentlichen Wahrnehmung zum Risiko werden, müssen Kommunikation, Sicherheitskonzepte und die tatsächliche Verfügbarkeit von Leistungen schneller zusammengeführt werden. Die gemeldeten Rückgänge bei Impfungen und Entbindungen liefern dafür eine messbare Leitplanke, die über den Verlauf des Ausbruchs hinaus relevant bleibt. Gleichzeitig zeigt die Lage in Kongo, wie stark bereits vorhandene Verwundbarkeiten – etwa wiederkehrende Masernausbrüche – durch Versorgungsabbrüche beschleunigt werden können.
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