BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Weg vom Topgehalt in die finanzielle Schieflage kann im Profifußball schneller sein, als viele denken. Christian Lell stellte 2024 für sein Unternehmen einen Insolvenzantrag und verkaufte es 2025, bevor er heute im Reality-TV Geld verdient. Finanzberater erklären, warum die aktive Karriere oft nur etwa zehn bis zwölf Jahre trägt und weshalb Ausgabenspiralen schon bei jungen Talenten entstehen. Zusätzlich kommen Risiken wie Verletzungen und private Umbrüche als Einnahme- und Planungsfaktoren hinzu.

Der Profifußball verspricht Planbarkeit, doch tatsächlich ist die Zeit mit Topeinkommen begrenzt. Christian Lell wirft dafür ein grelles Schlaglicht: Der ehemalige Spieler von FC Bayern München startete nach seiner aktiven Laufbahn zunächst offenbar mit Immobilien- und Unternehmensplänen durch, beantragte im August 2024 jedoch die Insolvenz für sein Unternehmen. 2025 verkaufte er es anschließend – und statt regelmäßigem Gehalt aus dem Sport verdient er laut seinem heutigen Auftreten Geld bei Promi Big Brother. Genau an dieser Stelle wird sichtbar, wie schnell sich Vermögensbiografien verändern können, wenn die Einnahmequelle endet oder sich der Lebensstil bereits auf die alte Einkommenshöhe eingependelt hat.
Finanzberater und Branchenakteure ordnen das nicht als Einzelschicksal ein, sondern als Folge mehrerer struktureller Faktoren. Christian Schmeckmann, Finanzberater und Mitbegründer des Versorgungswerks der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV), beschreibt den Zeitraum als entscheidende Phase: Wenn sich Spieler nicht verletzen und „alles gut läuft“, dann hätten sie „zehn, zwölf Jahre“ vor sich. Gleichzeitig betont er, dass auf dem Topniveau die Karriere heute oft schon mit rund 32 Jahren endet; es gebe „kaum noch 35-Jährige in der ersten Liga, weil das Spiel zu schnell geworden ist.“ Diese Mischung aus kurzer Hochphase und hoher Leistungsintensität erhöht den Druck, während der aktiven Jahre nicht nur zu verdienen, sondern auch Vorsorge, Ausgabensteuerung und Alternativen aufzubauen.
Besonders kritisch wird es dann, wenn das Konsumniveau in der aktiven Phase nicht nur dem Lebensgefühl entspricht, sondern zu einer dauerhaften Verpflichtung wird. Danny Kukulies, Vermögensberater und Mitinitiator beim Angebot „Halbzeit Finanzen“, nennt als typisches Muster, wie schnell sich junge Talente an Statussymbole gewöhnen: „Gucci hier, Prada da, Louis Vuitton, alle laufen rum, als gäbe es kein Morgen mehr.“ Christian Schmeckmann formuliert es ähnlich nüchtern: „Verdiene ich viel, gebe ich auch viel aus.“ Solche Ausgaben lassen sich nach dem Karriereende nicht automatisch zurückdrehen, weil Verträge, Kredite und wiederkehrende Kosten an den bisherigen Lebensstandard gekoppelt bleiben. Das Problem ist dabei weniger der einzelne Kauf als die fehlende Gegenlogik: Wer in der Hochphase nicht aktiv Rücklagen und langfristige Strukturen aufbaut, wird bei Einkommensabfall zwangsläufig sparen müssen – und zwar häufig abrupt.
Neben dem „sanften“ Ende durch Altersgrenzen kann das Karriereende auch plötzlich eintreten – und dann wird Planung besonders schwierig. Schmeckmann weist darauf hin, dass Verletzungen die wichtigste Einnahmequelle schnell beenden können. Um diese Lücke zumindest teilweise abzusichern, verweist er auf Spielunfähigkeitversicherungen, die finanzielle Folgen abfedern sollen. Gleichzeitig verändert sich das Privatleben nicht selten parallel zur Sportkarriere: Schmeckmann erwähnt ausdrücklich, dass Ehen und familiäre Umbrüche finanzielle Konsequenzen haben können, und ergänzt: „Was da alles abgeht bei den ganzen Ehen. Danach sind die alle pleite, weil die alle aus Liebe geheiratet und keine Eheverträge gemacht haben. Das ist wie im wahren Leben.“ Unabhängig davon, wie man einzelne Aussagen bewertet: Der Kern ist eine fehlende Absicherung in Lebensbereichen, die häufig erst relevant werden, wenn die sportliche Routine wegfällt.
Damit das nicht nur beim Appell bleibt, versuchen Verbände und Programme, bereits während der aktiven Laufbahn finanzielle und organisatorische Kompetenzen aufzubauen. Schmeckmann sagt, die Spieler würden während ihrer Karriere „vieles abgenommen“ bekommen, organisatorische Fragen müssten sie sich oft kaum selbst kümmern. Daraus ergibt sich seiner Sicht nach eine Vorbereitungslücke: „Die werden zu sehr verwöhnt und werden gar nicht auf das richtige Leben vorbereitet.“ Die VDV organisiert laut eigenen Angaben Schulungen in Nachwuchsleistungszentren und bei Profiteams – mit Fokus auf berufliche Alternativen, Ausbildungswege und die Zeitplanung nach dem Sport. Zusätzlich bietet das VDV-Versorgungswerk finanzielle Beratung sowie Unterstützung bei der Vorsorge an.
„Halbzeit Finanzen“ geht diesen Ansatz über konkrete Finanzbildung für den Profi-Umfeldkontext an. Kukulies, selbst früher Fußballspieler, hat das Angebot gemeinsam mit Philipp Klewin, Torhüter beim FC Hansa Rostock, aufgebaut. Ziel sei es, Spieler in der aktiven Karriere früh zu sensibilisieren und gleichzeitig den Blick auf das spätere Leben zu schärfen: Aus Schmeckmanns Perspektive fehlt es nicht an Talent, sondern an Routinen für die Zeit nach dem Ende. Kukulies setzt dabei auf Frühwarnsignal und Alltagstauglichkeit; sinngemäß soll gerade Jugendlichen gezeigt werden, dass Fußball irgendwann endet. Während die Sportseite oft maximale Professionalität trainiert, bleibt die Finanzseite in vielen Biografien vergleichsweise untertrainiert – und genau hier setzt die Qualifizierung an.
Wie stark der Bruch sein kann, zeigen die Beispiele von Lell und auch Eike Immel. Lell sprach in Promi Big Brother offen über die schwierige Zeit nach seiner aktiven Laufbahn; der Tod seiner Schwester und der Abschied vom Profifußball hätten ihn in eine Depression gestürzt. Heute versucht er demnach einen Neuanfang als Musiker und Social-Media-Unternehmer. Ähnlich beschreibt der ehemalige Nationaltorwart Immel die eigene Lage: Trotz hoher Einnahmen während der aktiven Laufbahn musste er 2008 Privatinsolvenz anmelden und suchte später im Reality-TV neue Möglichkeiten. Dem wird ein Positivpfad gegenübergestellt: Mathieu Flamini gründete gemeinsam mit einem Geschäftspartner das Biotechnologieunternehmen GF Biochemicals, das biobasierte chemische Lösungen und Rohstoffe entwickelt und vermarktet. Philipp Lahm und Mario Götze investierten ebenfalls in verschiedene Unternehmen und Start-ups, Lukas Podolski baute bereits während der Karriere mehrere Geschäftsbereiche auf, unter anderem eine Dönnerkette und ein Modelabel („Strassenkicker“). Für die Praxis bedeutet das: Es geht nicht nur um „Glück“, sondern um die Frage, ob aus der Hochphase echte Optionen werden.
Am Ende bleibt die zentrale Einsicht, dass Finanzplanung im Profifußball nicht als nachträgliche Reparatur gedacht sein sollte. Die kurze Hochphase, die Gefahr eines abrupten Endes durch Verletzungen und die Tatsache, dass sich Lebensstil, Bindungen und Privatleben parallel verändern können, sprechen dafür, Vorsorge, Versicherungslogik und berufliche Alternativen so früh wie möglich zu etablieren. Gleichzeitig zeigen die Beispiele, dass Umschalten gelingen kann – etwa über Beteiligungen, Neugründungen oder den Aufbau eigener Standbeine. Für Entscheider in Vereinen, Ausbildungszentren und Beratungsformaten liegt die Herausforderung damit weniger in einzelnen Tipps, sondern in belastbaren Strukturen, die aus „später mal“ ein konkretes Handeln während der Karriere machen.
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