LONDON (IT BOLTWISE) – Even Realities bringt mit den G2-Smart-Glasses eine deutliche Hardware-Verbesserung: höhere Auflösung, schnelleres Display und mehr Helligkeit für ruhigeres Scrollen in der Augenansicht. Gleichzeitig führt das Unternehmen mit dem optionalen R1-Smart-Ring eine neue Bedienlogik ein, die im Alltag bei Gesten schnell unzuverlässig wirkt. Besonders Touchpad-Gesten wie Wischen und langes Drücken geraten dabei leicht durcheinander und öffnen versehentlich Apps. Für techniknahe Nutzer kann das Erlebnis dennoch „zukunftsnah“ wirken, für alle anderen bleibt die Empfehlung eher abzuwarten.

Even Realities hat mit den G2-Smart-Glasses eine klassische Doppelstrategie verfolgt: Neben einer spürbaren Steigerung der Display- und Audio-Bauteile sollte vor allem die Interaktion „hands-free“ bleiben. Auf dem Papier klingt das stimmig, denn die Brille arbeitet ohne vorwärtsgerichtete Kamera und projiziert Inhalte über Waveguide-Prismen direkt in das Sichtfeld. Dort erscheinen Benachrichtigungen, News-Headlines und Navigationsanweisungen in Echtzeit – inklusive Übersetzung und Varianten wie Teleprompter oder KI-gestützte Spracheingabe. Genau diese Vision, reale Umgebung im Blick zu behalten und trotzdem digitale Informationen zu verwalten, ist auch der Kern des Tests, bei dem die Hardwareleistung in mehreren Punkten deutlich zulegt.
Technisch betrachtet zeigt sich der Generationssprung vor allem beim Display: Die Auflösung steigt auf 640 x 350 (von 640 x 200), das Sichtfeld wächst auf 27,5 Grad (von 25), und die Bildwiederholrate wird auf 60 Hz angehoben (von 20 Hz). Dazu kommt eine höhere Peak-Helligkeit von 1.200 Nits statt 1.000 Nits. Im Alltag bedeutet das vor allem weniger „Ruckeln“ beim Scrollen und flüssigeres Nachführen von Text und Menüs – etwas, das bei geringerer Refresh-Rate oft zu einem anstrengenden Blickwechsel führt. Even Realities setzt außerdem stärker auf Mikrofon-Power: Vier Mikrofone statt zwei unterstützen Spracheingaben und Bedien-Workflows. Auch beim Schutzstandard gibt es eine klare Verbesserung, denn die G2 sind nun mit IP65 für Staub- und Wassereintrag ausgelegt, während die Vorgänger nur für leichten Regen ausgelegt wirkten.
Wo der Test jedoch sichtbar kritisch wird, ist die Frage, wie man mit diesen Funktionen interagiert, ohne das Gerät ständig „in den Griff“ zu bekommen. Neben Touchpads an den Schläfenenden – technisch sinnvoll, um die Balance zu unterstützen und die Arme nicht zu klobig wirken zu lassen – kommt mit dem optionalen R1-Smart-Ring eine zweite Bedieneinheit ins Spiel. Der Ring kostet zusätzlich 249 US-Dollar und funktioniert nur mit der neuen zweiten Generation. In der Praxis besteht er aus einem Touch-Interface, das am Zeigefinger sitzt; das Touchpad liegt dabei so nah am Daumen, dass Gesten schnell erreichbar sein sollen. Der Ring ist aus Zirkonoxid-Keramik gefertigt und trägt zur Orientierung ein deutlich sichtbares Logo. Zusätzlich wird ein Gesundheits- und Aktivitätsprofil mitgegeben: IP68-Zertifizierung, vier Tage Akkulaufzeit sowie Messwerte wie Schritte, Herzfrequenz, HRV, SpO2, Körpertemperatur und Schlafdauer – plus ein „Produktivitäts-Score“, der diese Daten zu einer Kennzahl zusammenführen soll.
Der Haken liegt aber nicht in der Sensorik, sondern in der Gestenlogik. In der Theorie soll ein Ring als Remote funktionieren, die Scroll- und Tap-Navigation effizient und unauffällig macht. Genau diese Unauffälligkeit ist im Test jedoch schwer erreichbar: Enge Touchflächen erkennen typischerweise nur wenige Aktionen – im Bericht werden vier Grundgesten genannt (Swipe nach oben, Swipe nach unten, Tap und Press). Das reicht für ein Menüsystem, wirkt aber im Alltag schnell fehleranfällig, weil die Kombination aus Swipe und langem Drücken besonders leicht verwechselt werden kann. Wenn Nutzer „das Hauptmenü“ öffnen, wird dafür ein Tap plus Long-Press an Ring oder Touchpad verlangt; gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ein Long-Press als Swipe interpretiert wird. So entstehen nach und nach Fehltrigger – Taps werden zu Swipes und umgekehrt. Der Effekt ist psychologisch: Nach einigen Fehlöffnungen von Apps sinkt die Bereitschaft, überhaupt konsequent durch Menüs zu navigieren.
Ironischerweise kommt genau dann das „Zukunftsgefühl“ auf, wenn die Bedienung ausnahmsweise sauber funktioniert. Das liegt laut Test vor allem an der gesteigerten Bildwiederholrate, weil sich Inhalte inzwischen so nachführen lassen, dass Scrollen „natürlich“ wirkt. In der ersten Generation waren Inhalte eher statische Karten; jetzt wird daraus ein Interface, das sich anfühlt wie ein kleines Computer-Display in der Augenansicht. Besonders nützlich ist das Triagieren von Benachrichtigungen, ohne ständig zum Smartphone greifen zu müssen. Allerdings bleibt eine Einschränkung: Benachrichtigungen lassen sich nicht auf den „Dashboard“-Screen legen, der standardmäßig erscheint, sobald die Brille aktiviert wird. Die vorinstallierten Apps gelten im Test als unkompliziert, wobei Übersetzung und Navigation als hilfreich beschrieben werden. Die Transkription über „Conversate“, die für Meetings gedacht ist, funktioniert zwar grundsätzlich, liefert aber beim Bilden von Schlussfolgerungen nicht die gewünschte Qualität. Ergänzend existiert ein App-Store mit kleinen „Homebrew“-Apps, die zwar das Ökosystem andeuten, jedoch eher experimentellen Charakter haben.
Spannend ist der Vergleich in der Marktbewegung: Der Smart-Glasses-Bereich wächst so schnell, dass Even Realities mit der G2 nicht automatisch abgesichert ist. Als direkter Vergleich dient das MemoMind One einer anderen Waveguide-Brillenlinie, das in Details ähnliche Zielbilder verfolgt, aber bei der Bedienung ebenfalls mit Einschränkungen kämpfte. Im selben Kontext wird auch die Preisgestaltung bewertet: Die G2 starten bei 599 US-Dollar für die Basismodelle in Panto und Rectangle, mit zusätzlichen Kosten für Sehstärke (mindestens 159 US-Dollar, bei stärkeren Rezepten bis zu 349 US-Dollar). Das R1-Upgrade addiert 249 US-Dollar, nur damit die Ringbedienung überhaupt in das neue Setup passt. Andere Wettbewerbsprodukte werden mit unterschiedlichen Schwerpunkten eingeordnet: Ein Modell mit „kronenartiger“ Bedienung bietet Live-Captions, Übersetzung für 55 Sprachen und KI-Aufzeichnung für Meeting-Minuten; im Test wird es mit 449 US-Dollar beziffert (mit Rezeptvariante höher). Zudem wird ein weiteres Modell erwähnt, das eine vorwärtsgerichtete Kamera nutzt und ebenfalls mit einem Ring bedient wird, wodurch es stärker in Richtung „kognitiver Aufzeichnungs“-Erwartungen rückt. Für Unternehmen heißt das: Nicht nur die Sensorik und Displaywerte entscheiden, sondern vor allem, wie robust die Interaktion bei alltäglichen, unperfekten Nutzungsbedingungen ausfällt.
Am Ende fällt das Urteil weniger wegen mangelnder Technik aus als wegen der Bedienrealität. Even Realities schneidet bei der Hardware deutlicher ab, während die Kombination aus Touchpad- und Ring-Gesten im Alltag die eigentliche Stärke – Fokus auf die Umgebung – kurzfristig untergräbt. Selbst wenn der Bericht einräumt, dass es sich auch um ein persönliches Nutzungsproblem handeln könnte, bleibt das Muster: Nach Fehlinterpretationen sinkt die Begeisterung. Darum lautet die praktische Empfehlung im Testkontext für potenzielle Käufer weniger „kaufen und sofort integrieren“, sondern eher abwägen: Technik-affine Nutzer könnten mit besserer Eingewöhnung oder einer passenden Bedien-Strategie Erfolg haben. Für alle anderen wirkt die Entscheidung „warten auf die nächste Generation“ vernünftig, gerade wenn das Unternehmen die Gestenklassifikation im nächsten Schritt so verbessert, dass Long-Press, Tap und Swipes konsistent erkannt werden.
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