LONDON (IT BOLTWISE) – Eugenia Kuyda, Gründerin der Replika-Plattform, startet Wabi für alle Nutzer. Das neue Multiplayer-Konzept organisiert Aufgaben nicht in einem einzigen Chat, sondern in mehreren Threads mit agentischen „Apps“, die sich aus Nutzerwünschen und E-Mail-Anbindung heraus automatisch aufspannen. Pro Thread lassen sich eigene Mini-Anwendungen bauen, etwa für Gesundheitsziele oder Familienplanung. Gleichzeitig setzt Wabi auf geteilte Chats, in denen der Zugriff auf persönliche Informationen je Konversation begrenzt ist.

Vor zwölf Jahren hat Eugenia Kuyda auf einer Bühne der Startup-Konferenz eine Idee skizziert, die heute wie eine Abkürzung in die Zukunft wirkt: einen KI-Assistenten als Lifestyle-Concierge. Damals ging es um einen Chatbot namens IO, der für alltägliche Buchungen und Planungen helfen sollte – also eher um „Arbeitserleichterung im Alltag“ als um das reine Ausreizen von Sprachfertigkeiten. Aus dem damaligen Projekt wurde später Replika, und Kuyda hat inzwischen mit Wabi ein neues Zielbild gewählt: persönliche KI, die nicht nur antwortet, sondern Arbeitsabläufe in mehrere, sinnvoll getrennte Kontexte sortiert.
Technisch ist die zentrale Designentscheidung von Wabi 2.0 weniger die Frage, wie gut ein Modell im Texten ist, sondern wie es mit Kontext umgeht. Das System arbeitet multi-threaded: Statt einer endlosen Unterhaltung, in der sich Informationen mit der Zeit „verwischen“ können, entstehen parallele Threads, die jeweils eine Aufgabe oder ein Zielcluster abbilden. Genau dieses Problem wird in den Aussagen aus dem Umfeld der KI-Forschung immer wieder adressiert: Je länger ein Chat läuft, desto wahrscheinlicher werden Halluzinationen, das Kontextgedächtnis kann nachlassen und Antworten geraten eher in Bereiche, die durch Sicherheitsmechanismen eigentlich blockiert werden sollten. Wabi verschiebt den Schwerpunkt daher auf Struktur: Threads werden als stabile Arbeitsbereiche verstanden, in denen sich Inhalte zielgerichtet sammeln und weiterverwenden lassen.
Im Produkt äußert sich das als „Apps“ innerhalb der Threads. Nutzer können pro Thread eigene Anwendungen erstellen und nutzen – etwa einen Tracker für Gewichtsziele in einem Health-Thread oder eine App, die nahegelegene Kinder-Events bündelt und in einem Familien-Thread sichtbar macht. Neu ist zudem, dass Wabi beim Einstieg in die Verbindung mit dem Postfach nicht bei einer leeren Startkonversation bleibt: Sobald die E-Mail-Anbindung erfolgt, legt das System automatisch mehrere Threads und passende Apps an, die Nutzer anschließend erweitern können. Damit wird das App-Building weniger zu einem reinen Entwicklungsprojekt im Sinne von „erst bauen, dann ausprobieren“, sondern eher zu einem assistierten Setup: Die Nutzer steuern Ziele per Anfrage, und Wabi entscheidet in der Logik, welche Apps daraus entstehen.
Wabi positioniert sich dabei nicht nur als persönlicher Assistent, sondern als Multiplayer-Variante mit geteilten Chats. Kuyda beschreibt den Unterschied zur Konkurrenz deutlich: Anders als in Ansätzen, bei denen „alles in einem einzigen Thread“ landet und Nutzer im Alltag von Informationen überrollt werden, sollen getrennte Threads das Kontextvolumen kontrollierbar halten. Noch stärker ist jedoch das soziale Element. In einem geteilten Thread entstehen Gruppen-Konversationen, in denen mehrere Personen gemeinsam auf Ergebnisse zugreifen können. Das soll nicht bedeuten, dass zwei Menschen jeweils ihre eigene KI parallel nutzen und anschließend „zusammensetzen“, sondern dass die Agent-Logik im gemeinsamen Raum koordiniert. Praktisch nennt Kuyda eigene Beispiele: In einem Thread für ihren Freundeskreis bzw. die Partnerschaft gibt es Apps für Live-Musik, tägliche Beziehungsfragen, laufende Restaurantvorschläge, Einträge aus einem geteilten Kalender und Leselisten mit Empfehlungen. Für die Familie existieren wiederum Kontexte wie der Stundenplan der Tochter, Veranstaltungen in der Nähe und sogar eine Lern-App für Japanisch.
Für den Datenschutz setzt Wabi laut Darstellung auf zwei Ebenen: technische Kontrolle und Zugriffsscope. Das System ist SOC-2-konform, wodurch Daten-Sicherheitskontrollen unabhängig auditiert wurden. Gleichzeitig läuft Wabi vollständig in der Cloud; die meisten Nutzerdaten werden nach Angaben im Text in den USA gespeichert. Entscheidend ist aber auch die Logik im geteilten Chat: Innerhalb einer Konversation ist der Zugriff auf persönliche Informationen auf die jeweilige Gruppe bzw. den jeweiligen Chat begrenzt. Wenn beispielsweise eine Partnerperson im Chat fragt, ob jemand an einem bestimmten Datum verfügbar ist oder Tickets gekauft wurden, wird personalisierte Information nur in diesem Kontext angefordert – und alle Teilnehmenden können sehen, wenn private Daten angefordert werden. Genau diese Transparenz-Mechanik ist für den Multi-Personen-Betrieb zentral, weil sie verhindert, dass sensible Inhalte „stillschweigend“ in irgendeinem Hintergrund-Thread landen.
Auch beim Geschäftsmodell bleibt Wabi bewusst offen. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist das Angebot zunächst kostenlos; das Unternehmen hat laut Darstellung noch keinen endgültigen Plan für die Monetarisierung festgelegt. Gleichzeitig laufen Gespräche, um weiteres Kapital einzusammeln. Für den Markt ist das relevant, weil sich die Richtung weg von einer reinen „Chatbot-Oberfläche“ hin zu einer agentischen, threadbasierten Assistenz mit kontextgebundenen Mini-Apps abzeichnet. Wer heute KI in Unternehmen oder im privaten Umfeld einführt, steht häufig vor dem gleichen Spannungsfeld: Einerseits sollen Assistenten proaktiv helfen, andererseits brauchen Nutzer nachvollziehbare Zuständigkeiten und klar getrennte Arbeitsbereiche. Wabi versucht, genau diese Lücke mit einem Produktkonzept zu schließen, das Struktur, gemeinsame Nutzung und auditierbare Sicherheitskontrollen zusammendenkt.
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