LONDON (IT BOLTWISE) – Dan Ives rückt NVIDIA in eine Top-5-Liste für 2027 und begründet das mit einer Angebotsknappheit bei Rechenleistung statt mit Nachfragedynamik. Er verweist auf eine mögliche Ausgabenwelle von vier Billionen US-Dollar und warnt, dass die KI-Erwartungen bereits stark in den Kursen stecken. Entscheidend wird damit, ob Cloudanbieter ihre Investitionsbudgets bis 2027 hoch halten. Für Anleger bleibt die Liste vor allem ein Stresstest auf den Fortbestand der Engpässe bei Rechenleistung, Speicher und Energie.

Die Schlagzeile wirkt auf den ersten Blick wie ein klassischer Re-Ranking-Trick: Ausgerechnet NVIDIA soll 2027 die Technologie-Liste anführen, gefolgt von Microsoft, Palantir, Apple und CrowdStrike. Doch der Kern der Botschaft liegt weniger in der Auswahl als in der Begründung. Dan Ives, Senior Managing Director bei Yorkville Ives, verlagert die Erklärung für den KI-Zyklus deutlich von der Nachfrage auf die Angebotsseite. In seinem Blick ist nicht der Bedarf der limitierende Faktor, sondern die Fähigkeit, KI-Workloads überhaupt in der nötigen Größenordnung zu betreiben – weil Rechenleistung, Speicher und Energie weiterhin knapp sein könnten.
Im Zentrum steht dabei die Annahme, dass Investitionen in den kommenden Jahren eine Größenordnung von vier Billionen US-Dollar erreichen könnten. Ives’ Argumentationslinie lautet: Solange die Infrastruktur nicht im Überfluss verfügbar ist, profitieren zuerst diejenigen, die diese Engpässe physisch liefern oder direkt kontrollieren – also eher Zulieferer und Plattformkomponenten als bloße Anwender im letzten Schritt. Genau deshalb passt für ihn die Platzierung von NVIDIA vorneweg: Der Chipkonzern sitzt entlang der Wertschöpfungskette dort, wo aus Rechenleistung konkrete KI-Trainings- und Inferenzkapazität wird. Die Logik ist dabei nicht abstrakt, sondern lässt sich im Betriebsalltag vieler Unternehmen übersetzen: Wer GPU-Kapazität, Speicher und Stromressourcen rechtzeitig bekommt, kann Projekte starten, statt sie zu verschieben.
Die Studie, auf die sich die Begründung stützt, verteilt die Wertschöpfungsschritte entsprechend: NVIDIA liefert die Rechenleistung, Microsoft stellt Cloud und Unternehmenssoftware bereit, Palantir steht für die Anwendung im Betrieb, Apple für den Zugang zum Endkunden und CrowdStrike für die Absicherung. Gleichzeitig betont die Einordnung auch Verschiebungen innerhalb der IT-Budgets: Unternehmenssoftware werde sich wieder erholen, Cybersicherheit dürfte einen wachsenden Anteil einnehmen und „physische KI“ gelte als jüngste Front. Interessant ist zudem der Wechsel in der Top-Position: In einer früheren, von Ives’ Team unterbreiteten Liste für 2026 tauchte Tesla noch unter den fünf Favoriten auf, jetzt steht Tesla lediglich als „disruptive“ Wette außerhalb der Kernliste. Wenn man die Angebotsthese ernst nimmt, wirkt das konsistent: Wer den Engpass vor allem bei Infrastruktur sieht, setzt stärker auf Lieferanten von Kapazität als auf disruptive Anwendungen ohne unmittelbaren Zugriff auf die Lieferkette.
Konkreter wird es bei den Kurszielen. Für NVIDIA nennt Ives laut der dargestellten Auswertung ein Ziel von 300 US-Dollar. Bei Microsoft werden 615 US-Dollar genannt, für Apple und Alphabet jeweils 400 US-Dollar. CrowdStrike soll 335 US-Dollar erreichen, bei Amazon wird ein Ziel von 300 US-Dollar genannt, Tesla von 500 US-Dollar und auch SpaceX mit 225 US-Dollar. Auffällig ist das Muster: Viele dieser Werte seien bereits zuvor Teil der Empfehlungen gewesen, die Ives in seiner früheren Funktion als Leiter der Technologieanalyse bei einem anderen Research-Umfeld gegeben hat. Der Neustart unter dem eigenen Namen erscheint daher eher als Bestätigung als als radikale Neuausrichtung.
Gleichzeitig enthält die Angebotsannahme einen wunden Punkt, auf den Anleger achten dürften. Wenn sich die Infrastruktur-Verfügbarkeit schneller entspannt als erwartet und Cloudanbieter ihre Investitionsbudgets weniger strikt hochhalten, verliert die Logik „Knappheit treibt zuerst die Lieferanten“ an Überzeugungskraft. Dann würde sich die Reihenfolge der Favoriten stärker verschieben als die bloße Zustimmung zu mehreren Titeln. Darüber hinaus sind die Bewertungen der KI-Profiteure bereits auf viel Zukunftsfähigkeit getrimmt; schon schwächere Investitionssignale in einem einzelnen Quartal könnten die Erwartungen empfindlich treffen. Auch deshalb ist die Liste eher als Fahrplan für das Risikomanagement zu lesen: Sie zeigt, wie stark ein Anlagekonzept vom Fortbestand der Engpässe bis etwa 2027 abhängt.
Für die Einordnung spielt zudem eine Rolle, wer die These formuliert und wie nah die Empfehlungen an ein eigenes Geschäftsfeld rücken. Yorkville Ives wird in dem Kontext nicht nur als Research-Instanz dargestellt, sondern auch als Akteur, der Kapitalaufnahmen, Übernahmen und institutionellen Handel begleitet. Zusätzlich wird erwähnt, dass Ives im September einen geschlossenen Fonds aufgelegt hat, der in späte Finanzierungsrunden privater KI-Unternehmen investiert, und dass es börsengehandelte Fonds unter seinem Namen gibt. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Argumentation falsch ist, aber es verschiebt die Perspektive: Anleger sollten die Liste weniger als „diversifiziertes KI-Bundle“ verstehen, sondern als Abgestufte Wetten auf denselben Grundtreiber. Wer mehrere der fünf Titel hält, streut das Risiko dann weniger breit, als die Anzahl der Positionen vermuten lässt.
Am Ende bleibt ein klarer Prüfstein: Entscheidend ist nicht nur, ob Nachfrage nach KI hoch bleibt, sondern ob die Engpässe bei Rechenleistung, Speicher und Energie tatsächlich bis 2027 fortbestehen. Lösen sie sich früher auf, wandert das Argument von den Lieferanten der Knappheit hin zu den Unternehmen, die KI im Alltag messbar einsetzen und dort Wettbewerbsvorteile erzielen. Genau hier liegt auch die praktische Relevanz für die nächsten Quartale: Nicht das „Ob“ einer KI-Nachfrage steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie stabil die Kapazität für Trainings- und Inferenzprojekte planbar bleibt und wie schnell Investitionsbudgets in der Breite wieder stärker in den operativen Betrieb übergehen.
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