LONDON (IT BOLTWISE) – Roland stellt mit n/vision seinen ersten Boutique-Wavetable-Synthesizer vor. Das Gerät kombiniert zwei unabhängige Wavetable-Oszillatoren mit bis zu 56-stimmiger Polyphonie, dazu Filter- und Drive-Schaltungen im analogen Modell-Charakter. Eine polyphone Step-Engine, ein Multi-Mode-Arpeggiator sowie 17 Effekte sorgen für dynamische Klangbewegung direkt aus dem Gerät. Erhältlich ist n/vision ab sofort für 689 Euro inklusive der weißen K-25m-Tastatur.

Roland bringt mit n/vision einen Wavetable-Synthesizer in das kompakte Boutique-Format – und macht damit ausgerechnet dort ein Experiment, wo viele Hersteller sonst bei analogen Klassikern bleiben. Der Grundgedanke: deutlich weniger Bedien- und Platzaufwand als bei großen Flagship-Workstations, aber trotzdem eine moderne Synth-Engine mit schraubbaren Parametern. In der Boutique-Reihe ist n/vision nach dem SE-02 erst die zweite Einheit, die als „Original“ von Roland positioniert wird, nicht als Ableitung aus einer älteren analogen Vorlage.
Technisch startet n/vision mit einem Wavetable-Engine-Ansatz, der laut Beschreibung aus der n/zyme-Engine aus dem Fantom EX abgeleitet ist. Entscheidend ist dabei die Dualität: Das System arbeitet mit zwei Parts und kann je nach Patch bis zu 56 Stimmen Polyphonie liefern. Pro Part laufen zwei unabhängige Wavetable-Oszillatoren beziehungsweise Layer, und jede Seite basiert auf 63 integrierten Wavetables. Innerhalb jeder Wavetable gibt es 127 Positionen, die über einen dedizierten horizontalen Slider praktisch abfahrbar werden; zusätzlich mischt ein vertikaler Layer-Mix-Slider beide Oszillatoren im Verhältnis zueinander.
Die Tonhöhenbereiche sind so ausgelegt, dass man schnell von bassigem Fundament bis zu höheren Klangfarben kommt: Oszillator eins reicht von 2’ bis 16’ Oktaven, während Oszillator zwei von 0 bis -2 anpassbar ist. Bei beiden lässt sich die Wavetable-Position zusätzlich modulieren – entweder über den integrierten LFO oder über Hüllkurven. Für „Charakter und Crunch“ ergänzt Roland noch eine neu entwickelte Waveshaper-Stufe, die eintreffende Wellenformen durch nichtlineare Verarbeitung transformiert. Danach folgt ein resonanter Multimode-Filter mit mehreren analog modellierten Typen; genannt werden unter anderem Varianten im Stil von Roland und Moog, plus ein nicht-resonanter High-Pass-Filter. Eine drei-stufige Drive-Sektion im analog modellierten Charakter legt anschließend zusätzliche Aggressivität oder „Biss“ über den Signalweg.
Im Modulations- und Layout-Design setzt Roland auf ein System, das nicht nur statische Klangparameter verwaltet, sondern Bewegung mitliefert. Für die Dynamik gibt es drei ADSR-Hüllkurven für OSC, Filter und Amp und dazu einen syncebaren Multi-Wave-LFO. Versteckt im Menü lässt sich der LFO sogar zu einem 16-stufigen LFO umfunktionieren – ein Feature, das besonders bei rhythmisch „gezielt“ statt nur weich modulierten Texturen hilft. Mehrere Modulationsquellen können dann die Wavetable-Position, den Layer-Balance, die Tonhöhe und auch Shaping-Parameter beeinflussen. Dazu kommt pro Part ein polyphoner Sequenzer: Er unterstützt bis zu 64 Schritte und bis zu 8 Stimmen und lässt sich so nutzen, dass Parameter während des Ablaufs „animiert“ werden können – ideal, um evolvierende Sounds ohne externe Software aufzubauen. Ergänzend sitzt ein Multi-Mode-Arpeggiator an Bord, der sich in die gleiche Bewegungslogik einhängt.
Damit n/vision nicht bei rohem Sounddesign endet, liefert Roland auch eine Multi-FX-Stufe mit 17 Effekten, darunter Chorus und MFX. Verzögerung und Hall kommen als dedizierte Sektion mit fünf Typen hinzu; besonders erwähnt wird ein „shimmer“-Modus. Interessant ist die Einordnung: Roland nennt diese FX-Architektur als auch im neuen JUPITER-08 verfügbar, was auf eine gemeinsame Effektebene und konsistente Klangästhetik in der aktuellen Synth-Linie hindeutet. Auf der Patch- und Routing-Seite wirkt das wie der Versuch, Boutique-Synthesizer weniger als „Spielzeug“ und mehr als eigenständige Soundmaschinen für Sessions und Produktionen zu positionieren.
Auch beim Anschlusskonzept bleibt das Gerät nahe an der Boutique-Logik: Auf der Rückseite gibt es einen Power-On/Off-Schalter, USB-C für Daten, Strom und Audio-Übertragung sowie einen Lautstärkeregler. Kopfhöreranschluss, Hauptstereoausgang und ein Mix-In liegen als 3,5-mm-Stereoports vor; dazu kommen 5-Pin-MIDI-Ein- und -Ausgänge. Für echte Mobilität setzt Roland auf Battery oder USB-C-Power und nennt eingebaute Lautsprecher – eine Kombination, die im Alltag den Unterschied macht, wenn man den Synth ohne DAW-Setup testen oder auf Proben mitnehmen will. Roland selbst platziert n/vision außerdem als zweite Premiere im Boutique-Universum, weil es als erstes Boutique-Modell in Weiß kommt, passend kombiniert mit einer weißen K-25m-Tastatur.
Preislich zielt n/vision klar auf den Bereich zwischen „kompakt genug fürs Studio“ und „performant genug für mehrstimmige Sounds“. Der Listenpreis liegt bei 549,99 US-Dollar beziehungsweise 689 Euro – jeweils inklusive der exklusiven weißen K-25m-Tastatur, sodass das Modul nicht ohne Dock erhältlich ist. Für Käufer bedeutet das: mehr als eine reine Klangbox, weil die Tastatur Teil des Systems ist und sich die Sequenzer-, Modulations- und Effektfunktionen damit direkt in die Performance integrieren lassen. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die Kombination aus Dual-Wavetable, nichtlinearem Waveshaper, analog modelliertem Filter/Drive und polyphonem Sequencer: Das Setup adressiert sowohl Sounddesigner als auch Produzenten, die schnelle, aber kontrollierbare Klangentwicklung innerhalb des Boutique-Formats suchen.
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