LONDON (IT BOLTWISE) – David Schwartz, ehemaliger CTO von Ripple, erwartet ein starkes Wachstum von Retail-DeFi bis 2027 und sieht dafür auch das XRP Ledger als Kandidaten. Gleichzeitig hängt der praktische Markteintritt auf dem Ledger an konkreten Validator-Voten für Lending-Erweiterungen. Denn Handel und AMM-Pools existieren bereits, aber Kreditmärkte mit Vaults sind noch nicht freigeschaltet. Damit bleibt die Frage offen, ob XRP-Anleger zuerst vom DeFi-Boom profitieren oder ob der Nutzen vorerst eher dem RLUSD-Ökosystem zugutekommt.

David Schwartz, der frühere CTO von Ripple, zeichnet in einem Interview ein optimistisches Bild für Retail-DeFi bis 2027. Sein Argument: Wenn Tokenisierung weiter zunimmt, regulatorische Hürden im Alltag der Nutzer abnehmen und KI-gestützte „Agents“ persönliches Finanzmanagement vereinfachen, könnte DeFi stärker in den Retail-Markt hineinreichen. Für das XRP Ledger bedeutet das jedoch vor allem eine operative Frage: Wie schnell wird aus einer vorhandenen Infrastruktur ein funktionsfähiges Kredit- und Collateral-Ökosystem, das für Endkunden wirklich relevant ist?
Schwartz macht dabei nicht „den XRP Ledger“ allein verantwortlich, sondern verweist auf mehrere Wachstumshebel. Dazu zählt die Tokenisierung realer Vermögenswerte, die aus traditionellen Positionen (etwa Fondsanteilen oder Anleihen) handelbare digitale Token machen kann. Solche Token würden dann typischerweise als Sicherheiten in DeFi-Setups dienen. Ergänzend kommt der Gedanke der KI-Agents ins Spiel: Automatisierte Assistenten könnten Nutzer bei der Auswahl von Kreditkonditionen, beim Monitoring von Collateral-Werten oder bei Handlungsentscheidungen unterstützen. Aus technischer Sicht ist allerdings entscheidend, ob das Ledger die dafür nötigen Mechanismen bereits ausführt oder ob sie noch von einzelnen Protokoll-Änderungen abhängen.
Diese Mechanik ist im Kern auch der Knackpunkt der Gegenwart. Das XRP Ledger verfügt über DeFi-Grundbausteine: Seit dem Start gibt es einen eingebauten Tausch für Token, und zudem unterstützt das System AMM-Pools (Automated Market Maker). Ein AMM ermöglicht den Handel von Token gegen einen Pool an Assets; Liquiditätsanbieter verdienen dabei Gebühren aus dem Handelsvolumen. Ein zentrales Element klassischer DeFi-Kreditmärkte ist auf dem XRP Ledger aber noch nicht live: das Lending selbst. Für das Aktivieren solcher Funktionen braucht es Amendments, also Code-Änderungen, die von Validatoren abgesegnet werden. Genau hier fehlen aktuell Stimmen, um die gewünschten Funktionen zuverlässig einzuschalten.
Im Detail laufen zwei wichtige Amendments: Das „LendingProtocol“-Update hat nach den Angaben im Artikel 17 Validator-Votes, benötigt aber 25 Stimmen. Das zweite, „SingleAssetVault“, steht mit 19 Votes ebenfalls unter dem Zielwert. Ripple hat beide Amendments zwar mit seinem Voting unterstützt, doch unabhängig betriebene Validatoren müssen zusätzlich zustimmen, damit die Änderungen greifen. Positiv für Entwickler: Es gibt bereits ein frisches Amendment („fixCleanup3_4_0“), das laut Bericht unter anderem Fixes für Vault-Deposits und -Withdrawals sowie für den Lending Protocol-Teil enthält. Dieses Update hat 29 Votes und soll am 23. Oktober aktiv werden; das reicht aber noch nicht, um unmittelbar Lending-Funktionen in Produktion auszutrollen.
Während das XRP Ledger seine Validator-Unterstützung weiter aufbaut, haben andere Netzwerke den Retail-Kreditmarkt längst als Produktdimension etabliert. Ethereum und Solana werden im Artikel als Plattformen genannt, auf denen bereits Kreditmärkte für Privatanwender existieren. Als konkretes Beispiel wird aus dem Kontext eines Gesprächs über DeFi-Kredite zitiert, dass das Borrowing gegen Bitcoin in DeFi typischerweise mit Kosten von rund 4,5% beschrieben wird. Ob diese Zahl in jeder Marktphase identisch bleibt, steht dabei nicht im Mittelpunkt. Entscheidend ist: Retail-Nutzer haben dort bereits aktive Pfade, um mit Collateral zu arbeiten, während das XRP Ledger diese Schleife noch schließen muss.
Hinzu kommt eine weitere technische Nuance, die für die Investorenperspektive relevant ist: Ein Vault im XRP Ledger hält jeweils ein einzelnes Asset. Wenn im späteren Lending-Setup also RLUSD oder tokenisierte Treasuries (als Token-Formen realer Sicherheiten) verwendet werden, könnte XRP zunächst weniger als „direktes Kredit-Settlement-Asset“ wirken, sondern eher als notwendiger Bestandteil für Netzwerk- und Transaktionsgebühren. In der Praxis heißt das: Selbst wenn Retail-DeFi anzieht, ist der wirtschaftliche Effekt auf XRP nicht zwangsläufig identisch mit dem Effekt auf das Stablecoin-Ökosystem. Der Artikel bringt deshalb als zentrale Monitoring-Größe vor allem die Vote-Entwicklung beim LendingProtocol-Amendment in Position: Steigt die Unterstützung spürbar, wäre das ein Signal, dass das Messaging von „Retail-DeFi bis 2027“ tatsächlich in eine reale Funktionalität auf dem Ledger übersetzen kann.
Für die Marktfolgen ergibt sich daraus ein differenziertes Bild. Ripple könnte eher vom DeFi-Wachstum profitieren, bevor XRP selbst deutlich zulegt: Mehr Retail-Aktivität würde RLUSD als Stablecoin im Ökosystem wahrscheinlicher als Zahlungs- und Collateral-Baustein verstärken und zudem Entwickler anziehen, die neue Lending- und Vault-Workflows bauen. XRP-Anleger sehen den Vorteil dagegen meist erst dann in größerem Maße, wenn Lending wirklich live geht, aktive Vaults genutzt werden und Collateral in der Praxis durchgängig zirkuliert. Bis dahin bleibt die Story daher zweigeteilt: ambitionierte DeFi-Optionen auf dem Papier, aber regulatorisch wie technisch klar an Validator-Voten und Protokoll-Releases gebunden.
Für Teams, die das XRP Ledger in Betracht ziehen, ist die Lage damit weniger eine Frage von Hype als von Produkt-Taktung. Wer Wallets, Kredit-Interfaces oder Risikomanagement-Logik für Retail-Kredite plant, sollte die Amendments eng verfolgen und dabei besonders auf die Aktivierungsschritte achten, nicht nur auf einzelne Diskussionen. Der nächste technische Meilenstein ist zwar mit „fixCleanup3_4_0“ terminiert, das zentrale Lending-Ziel bleibt aber an das Erreichen der erforderlichen Validator-Votes für LendingProtocol und SingleAssetVault geknüpft. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob das Netzwerk den angekündigten Retail-DeFi-Zuwachs bis 2027 wirklich „einpreisen“ kann.
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