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GRAN CANARIA / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer Höhle auf Gran Canaria fanden Forschende 8.173 Insektenreste, die zu einem zuvor genutzten Getreidelager passen. Erst später wurde der Ort zur Begräbnisstätte „Cruz de la Esquina“ umfunktioniert. Die Auswertung über Radiokarbondaten und die Artenmischung zeigt, dass Schädlinge noch während der Bestattungen aktiv blieben. Damit liefert die Archäoentomologie ein selten klares Bild vom schnellen Rollenwechsel eines archäologischen Fundorts.

8.173 Insektenreste zeigen: Höhle auf Gran Canaria war ein Vorratslager
8.173 Insektenreste zeigen: Höhle auf Gran Canaria war ein Vorratslager (Foto: IT BOLTWISE)
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Dass sich ein archäologischer Fundort im Lauf der Zeit „umschalten“ kann, klingt banal – tatsächlich ist die Beleglage dafür oft lückenhaft. Im Fall der Höhle „Cruz de la Esquina“ auf Gran Canaria setzt jetzt aber ein ungewöhnlicher Befund an: Forschende haben 8.173 Reste von Arthropoden aus Sedimenten und vor allem aus dem Bereich unter hölzernen Planken untersucht. Die Zusammensetzung der Insekten – von Fliegenpuparien über Käfer bis zu Vorratsschädlingen – deutet nicht nur auf eine Nutzung „irgendwie“ im Umfeld von Menschen hin, sondern auf einen vorherigen Einsatz als Speicherraum. Erst danach, zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert n. Chr., wurde die Höhle zur Grabstätte, in der Körper nach dem Tod niedergelegt wurden.

Der Untersuchungsort liegt auf dem Acusa-Plateau im Süden des Inselinneren, eingebettet in eine Landschaft aus steilen Abbrüchen und einem Umfeld, in dem nach Angaben der Studie bereits seit dem 5. Jahrhundert n. Chr. Menschen lebten. Geologisch ist die Höhle in pyroklastischem Material des Roque-Nublo-Vulkanzyklus verankert, der vor etwa 5 bis 3 Millionen Jahren aktiv war. Für die Interpretation sind die klimatischen Bedingungen relevant: Winter bringen feuchte Meeresluft, der Rest des Jahres gilt als deutlich trockener, mit einer Jahresniederschlagsmenge von 600 bis 900 Millimetern. In solchen Gradienten bleibt organisches Material teils erstaunlich lange erhalten – und genau darauf zielt der Ansatz ab, bei dem auch winzige Insektenreste als Zeitmarker dienen.

Technisch betrachtet begann die Rekonstruktion damit, dass unter dem Bodenaufbau eine Art Plattform nachgebildet war: Die Planken lagen nebeneinander, ähnlich einer Arbeits- oder Lagerfläche. Unter den Brettern fanden die Ausgräber eine Reihe von Steinen, die das Holz gestützt haben, dazu Asche von einem kleinen Feuer, Knochen von Haus- und Nutzieren sowie Steinchen (Chip-Material) als Nebenfunde. Besonders präzise wurde die Probenstrategie: Insgesamt 43 Sedimentproben, jeweils etwa einen Liter, wurden durch eine Siebkaskade geführt – bis hinunter zu einem Siebmaß von einem Viertel Millimeter. Das Ergebnis waren 8.173 Arthropodenreste, getrocknet statt verrottet. Mit 83 % stammte der größte Teil aus dem Bereich unter den Bodenplanken, wodurch die Spezialisierung auf die „Lagerzone“ plausibel wird.

In der inhaltlichen Deutung spielt die Insektenökologie die Hauptrolle. Über 1.000 Fliegenpuparien – also die Hüllen, die entstehen, wenn Larven zu erwachsenen Fliegen werden – kamen aus Gruppen von Schmeißfliegen und Fleischfliegen. Diese Insekten erreichen einen Körper typischerweise in den ersten Tagen der Zersetzung; entsprechend war ihr Anteil unter den identifizierten Exemplaren mit 47 % besonders hoch. Daneben unterscheiden sich Fliegenarten deutlich nach Saison und Temperatur: Für Gran Canaria gilt im Modell, dass bestimmte Arten wie Chrysomya albiceps vor allem ab dem Frühjahr aktiv sind, während andere Kältephasen bevorzugen. Ergänzt wird das Bild durch den Hausfliegen-Nachlauf, der etwa zwei bis drei Tage nach dem Tod hinzutreten kann. Genau dadurch wird nicht nur „Tod“ oder „Bestattung“ sichtbar, sondern eine zeitliche Abfolge, die an einen schnell nachgeschalteten Bestattungsmodus anschließt.

Noch stärker als die „Zersetzungsfauna“ wirken jedoch die Hinweise auf Vorratshaltung durch Schädlinge. In der Probeabdeckung traten Speicher- und Materialschädlinge auf: Sie machten insgesamt 21 % der Insekten aus und waren in 76 % der Proben präsent. Als häufigste Art wurde der Getreideplattkäfer (Granary weevil) Sitophilus granarius identifiziert. Dessen Larven fressen den Endospermanteil im Inneren von Getreidekörnern, und da die Flügeldecken beim Käfer zusammengewachsen sind, können die Tiere nicht fliegen – ein Detail, das zu „lokalem Befall“ statt zu rein zufälligem Eintrag passt. Weitere Vorratsschädlinge wie Mezium americanum sowie mehrere Käferarten, die beschädigtes Korn oder trockene Nahrungsteile bevorzugen, wurden ebenfalls nachgewiesen. Anders als manche antiken Grabkontexte aus anderen Regionen zeigt „Cruz de la Esquina“ dabei keine sichtbaren „Beigabenpakete“ aus Korn oder großen Vorratsgefäßen neben den Körpern – was die Interpretation verschiebt: Der Ort war als Lager vorbereitet und wurde dann rasch zu einer Bestattungsstätte, bevor sich die Insektenlage „neu“ stabilisieren konnte.

Dass der Rollenwechsel tatsächlich zeitnah erfolgt ist, stützen die Radiokarbondaten. In sieben Proben bestimmte das Team Altersbereiche per Radiokarbonmethode: Ein Gerstensamen datierte in den Bereich von AD 660 bis 770 und war damit das älteste Signal. Knochen von drei Individuen lagen jeweils in sich überlappenden Zeitfenstern (u. a. AD 687 bis 888 sowie Bereiche bis hinein in die Zeit bis AD 945), dazu kamen pflanzliche Fasern sowie ein Larder-Beetle-Signal (u. a. AD 702 bis 892 bzw. AD 687 bis 888). Besonders aussagekräftig für die Lager-These ist das Datierungsresultat eines Getreideschädlings aus dem Bereich der Planken: Der Getreideplattkäfer datierte zwischen AD 772 und 974. Die Modellrechnung der Forschenden ordnet die Sequenz so ein, dass Speicherung zuerst stattgefunden habe und die Bestattungen bald darauf folgten – zugleich ließ sich eine Fortpflanzung der Schädlinge auch nach Beginn der Bestattungen vermuten. Damit wirkt die Höhle wie ein „Einschub“ aus zwei Funktionen, wobei die zweite die erste nicht sofort „entfernt“ hat, sondern überlagerte.

Ungeklärt bleibt dennoch, was genau zum Zeitpunkt der Lagerung in welcher Form vorhanden war. Cereal-orientierte Deutungen wären naheliegend, aber die Studie betont auch Alternativen: Weevils könnten theoretisch mit bestimmten Arten von Getreidegaben zusammenhängen; außerdem nennt das Team die Möglichkeit, dass Stroh in Umhüllungen als Futter- oder Nistsubstrat gedient haben könnte. Gerade solche Abwägungen zeigen den Wert der Archäoentomologie: Sie kann biologische Überreste als Umwelt- und Nutzungsindikatoren lesen, ohne dass zwingend große, makroskopische Kornreste erhalten sein müssen. Die Forschenden wollen zudem weitere Höhlen auf Gran Canaria testen, um zu prüfen, ob sich das Muster eines schnellen Funktionswechsels häufiger findet. Insgesamt verschiebt das Ergebnis die Perspektive auf Bestattungslandschaften: Nicht nur der Tod hinterlässt Spuren, auch das vorherige Leben in Form von Vorratshaltung kann – buchstäblich unter dem Boden – bis heute nachwirken.


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