BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bundesregierung will neuere Wohngebäudeversicherungen so umbauen, dass sie künftig auch Elementarschäden wie Hochwasser, Starkregen und Erdbeben abdecken. Justiz- und Finanzminister haben Eckpunkte für einen Gesetzentwurf vorgelegt, der auf eine Reform nach der Flutkatastrophe im Ahrtal zielt. Im Schadensfall sollen Eigentümerinnen und Eigentümer selbst maximal 20.000 Euro tragen. Zusätzlich setzen die Pläne auf Prävention und eine staatliche Rückversicherung für extreme Naturkatastrophen.

Die Flut im Ahrtal hat nicht nur Straßen und Gebäude zerstört, sondern auch eine Systemlücke sichtbar gemacht: Elementarschäden sind in Deutschland für viele Haushalte eben nicht automatisch mitversichert. Genau an dieser Stelle setzen die jüngsten Eckpunkte aus dem Bundesjustiz- und dem Bundesfinanzministerium an. Vorgesehen ist, dass neu abgeschlossene Wohngebäudeversicherungen künftig weitere Naturgefahren – also Elementarschäden – standardmäßig abdecken. Hintergrund ist, dass Extremwetterereignisse durch den Klimawandel nach Einschätzung der Bundesregierung und der Versicherungswirtschaft voraussichtlich häufiger auftreten werden und damit das Risiko großer Schäden steigt.
Technisch betrachtet geht es bei der Reform weniger um die „Versicherbarkeit“ an sich, sondern um Produktdesign und Risikoallokation entlang der Vertragsgrenzen. Heute sind Elementarschäden in der Regel nicht in jeder Wohngebäude- oder Hausratpolice enthalten, sondern erfordern häufig einen zusätzlichen Baustein, die sogenannte Elementarschadenversicherung. Der geplante Schritt bedeutet: Mehr Policen sollen den Leistungsumfang von vornherein erweitern, statt dass Versicherungsnehmer im Ernstfall erst nachträglich nachziehen. Damit verändert sich auch das Risikoprofil der Versicherer, weil die Deckung nicht mehr selektiv, sondern breiter im Markt verteilt wird – ein Effekt, der sich auf Prämien, Vertragssysteme und Schadenregulierung auswirken kann.
Gleichzeitig ist das politische Ziel klar formuliert: Der Versicherungsschutz soll wirksam sein, aber bezahlbar bleiben. Laut den Eckpunkten müssen Eigentümerinnen und Eigentümer im Schadensfall selbst höchstens 20.000 Euro tragen. Damit sollen die finanziellen Spitzenrisiken für Privathaushalte gedeckelt werden, während die Versicherer weiterhin einen relevanten Teil der Last tragen. Eine Pflichtversicherung allein verhindert allerdings nach Ansicht der deutschen Versicherungswirtschaft nicht automatisch, dass Schäden eintreten. Deshalb verweist die Branche in den Plänen auf zwei flankierende Bausteine: verbindliche Prävention und eine staatliche Rückversicherung für extreme Naturkatastrophen. Diese Kombination zielt darauf ab, die Kosten- und Risikospitzen zu glätten, die bei seltenen, aber sehr teuren Ereignissen entstehen.
Die Markt- und Ausgangslage liefert dafür den entscheidenden Hebel: Bundesweit sind derzeit über 40 Prozent der Wohngebäude nicht gegen Überflutung und andere Elementarschäden versichert. Bei der Flutkatastrophe im Ahrtal Mitte Juli 2021 war deshalb nur ein Teil der massiven Gebäudeschäden durch Versicherungspolicen abgedeckt. Der geplante Rechtsrahmen sieht außerdem eine Brücke für Bestandsimmobilien vor: Bereits bestehende Gebäudeversicherungen sollen dem Vorhaben nach auf Elementarschäden erweitert werden können. Besonders wichtig ist dabei der Mechanismus „automatischer Schutz nach Reaktion“, der in den Eckpunkten beschrieben wird: Wenn Eigentümerinnen und Eigentümer auf ein entsprechendes Angebot von Versicherungsunternehmen nach einem Jahr nicht reagieren, soll der Elementarschutz automatisch greifen. Das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass fehlende Aufmerksamkeit oder bürokratische Hürden dazu führen, dass Risiken weiterhin unversichert bleiben.
Für die Umsetzung bedeutet das in der Praxis einen deutlich höheren Koordinationsbedarf zwischen Versicherungsunternehmen, Maklern, digitalen Bestandsprozessen und der Schadenbearbeitung. Produktänderungen müssen so abgebildet werden, dass sie für Versicherungsnehmer verständlich sind, gleichzeitig aber technisch konsistent in Policen- und Underwriting-Systeme einfließen. Auch die Risikomodellierung dürfte sich verschieben, weil breitere Deckung nicht nur mehr Fälle, sondern auch andere Schadensverteilungen erzeugt. Daneben wird die Präventionskomponente relevant: Je konkreter staatliche oder kommunale Vorgaben etwa zu Bau- und Schutzmaßnahmen werden, desto stärker können Versicherer ihre Erwartungswerte bei zukünftigen Schäden anpassen. Prävention bleibt damit nicht nur ein politisches Versprechen, sondern wird zur Stellgröße in der Kalkulation.
Für Eigentümerinnen und Eigentümer sowie Mieterinnen und Mieter liegt der Nutzen vor allem in der Planbarkeit: Wer künftig von Naturgefahren betroffen ist, soll nicht auf eine nachträgliche Einzelentscheidung angewiesen sein. Gleichzeitig entsteht für Versicherer ein Vorteil durch Skalierung, wenn mehr Gebäude einheitliche Standards decken. Für Unternehmen rund um das Versicherungs- und Immobilienumfeld – etwa IT-Dienstleister für Vertragsverwaltung oder Anbieter von Sanierungs- und Schutzlösungen – verschiebt sich der Fokus hin zu Integrationen, Produktanpassungen und schnellen Umstellungen. Entscheidend wird sein, wie der automatische Elementarschutz in Bestandsverträgen datenschutz- und prozessseitig ausgestaltet wird und ob die Präventions- und Rückversicherungslogik tatsächlich die erwarteten Kostenspitzen abfedert, ohne den Marktzugang einzelner Anbieter unnötig zu verengen.
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