LONDON (IT BOLTWISE) – CME-Chef Terry Duffy stellt Volatilität bei Energiemärkten als strukturelles Merkmal dar und nicht als vorübergehende Ausnahme. Er verweist auf schnelle Versorgungsschocks, die Preise innerhalb kurzer Zeit deutlich bewegen können. Als Gegenmittel fordert er lückenlose Handels- und Hedgingmöglichkeiten. Damit verschiebt sich der Fokus weg von reiner Regulierungsdiskussion hin zu kontinuierlichem Risikomanagement.

Terry Duffy, CEO der CME Group, beschreibt die Lage an den Energiemärkten als dauerhaft volatil: nicht als eine Phase, die sich von selbst beruhigt, sondern als strukturelle Eigenschaft. In seiner Argumentation spielt dabei weniger die Frage eine Rolle, ob es gelegentlich zu Panik kommt, sondern wie schnell sich reale Versorgungsstörungen in Preisbewegungen übersetzen. Genau an dieser Geschwindigkeit scheitert für viele Marktteilnehmer die Vorstellung eines Handelsfensters, das nachts endet: Wenn der Preisschub in Stunden entsteht, entsteht der Schaden oft ebenfalls in dieser Zeitspanne.
Duffy macht die Volatilität an konkreten Treibern fest. Geopolitische Spannungen im Nahen Osten können ebenso abrupt wirken wie ein plötzlicher Streik im Ölfeld, der die Lieferkette kurzfristig verengen kann. Die Folge sind nicht nur höhere Energiepreise, sondern in der Breite auch Inflationsdruck – weil Energie als Input in zahlreichen Wertschöpfungsstufen steckt. Für Händler und Produzenten heißt das: Risiko entsteht nicht dann, wenn ein Problem öffentlich wird, sondern sobald die Marktmechanik darauf reagiert.
Aus dieser Diagnose leitet Duffy die Notwendigkeit ab, Hedging nicht als nachträgliche Maßnahme zu verstehen, die erst im nächsten Handelstag greift. Wer Absicherung lückenlos umsetzen will, braucht Marktmechanismen, die auch dann funktionieren, wenn die Ursache außerhalb der Bürozeiten liegt. Der entscheidende Punkt ist dabei weniger „mehr Handel“ an sich, sondern die Verfügbarkeit passender Instrumente zur richtigen Zeit. Denn mit jedem unbesicherten Zeitraum steigt die Exponierung gegenüber Basisrisiken, also der Abweichung zwischen gehedgter Position und realem Preisverlauf.
Vor diesem Hintergrund verweist die CME auf die eigenen 24/7-Aktivitäten im Energiegeschäft. Wenn Preise innerhalb von Stunden reagieren und sich Versorgungslagen ändern, wirkt eine Börsenschließung wie ein künstlicher Bremsklotz im Risikomanagement. Eine durchgehende Handelsfähigkeit soll die Lücke zwischen dem Zeitpunkt des Schocks und dem Zeitpunkt der Absicherungsentscheidung verkleinern. Für die Realwirtschaft bedeutet das perspektivisch: weniger Last pro Unternehmenseinheit, weil kurzfristige Preisrisiken nicht erst am nächsten Öffnungstermin „eingepreist“ werden, sondern im Idealfall direkt über den Derivatemarkt gesteuert werden können.
Damit kombiniert Duffy seine Marktlogik mit einem politischen Impuls, der in der Formulierung klar auf Konfrontationskurs zu reinen Regulierungsantworten geht. Er fordert ausdrücklich die Verlagerung der Verantwortung auf die Marktteilnehmer statt auf Regierungen, die Volatilität durch neue Regeln „auflösen“ wollen. Seine Kernaussage lautet: Kapitalmärkte sollten Risiko korrekt bepreisen, und kontinuierliche Handelsplätze mit ausreichender Liquidität helfen dabei, Schocks abzufedern. Das ist weniger ein Angriff auf Regulierung als eine Priorisierung: Erst sollten die Marktmechaniken die Grundfrage beantworten, wie Risiko in Echtzeit gemanagt werden kann, dann können Regeln diskutiert werden.
Technisch lässt sich dieses Prinzip als Wechselwirkung von Handelszeiten, Liquidität und Ausführungsrisiko beschreiben. Liquidität bedeutet hier nicht nur, dass Käufer und Verkäufer existieren, sondern dass sich Aufträge ohne große Preisnachteile ausführen lassen. Genau in Phasen hoher Unsicherheit steigt die Gefahr, dass Spreads breiter werden und Hedging teurer oder ungenau wird. Durch 24/7-Handel und kontinuierliche Preisbildung kann sich diese Lücke verringern – vorausgesetzt, die Marktteilnehmer nutzen die Instrumente aktiv und die Infrastruktur kann die Anforderungen an Volumen und Stabilität über die gesamte Zeit erfüllen.
Für Unternehmen in der Liefer- und Produktionskette ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz: Risikopolitiken müssen sich stärker an den tatsächlichen Marktöffnungszeiten und den Zeitpunkten möglicher Schocks ausrichten. Wer Hedging nur an „Börsenlogik am nächsten Tag“ koppelt, bleibt in der Zwischenzeit ungeschützt. Wer hingegen kontinuierliche Absicherung als Teil des operativen Risikomanagements versteht, kann Planungssicherheit zurückgewinnen – zumindest dort, wo Derivate tatsächlich die zugrunde liegende Exponierung abbilden. Die Diskussion um 24/7 im Energiemarkt ist damit auch eine Debatte über Prozessreife: nicht jeder Betrieb hat heute die Workflows, um schnell genug Positionen anzupassen.
Unterm Strich geht es Duffy um eine grundlegende Verschiebung: Volatilität ist strukturell, also muss das Gegenmittel ebenfalls dauerhaft verfügbar sein. 24/7-Handel wird in diesem Narrativ zum Werkzeug, um die Kette von Versorgungsschock, Preisreaktion und Absicherungsentscheidung enger zu takten. Ob sich das in der Breite schnell durchsetzt, hängt an der Nutzung durch Marktteilnehmer sowie an der Qualität von Liquidität in Stressphasen. Für CFOs, Treasurer und Commodity-Risk-Teams bleibt die zentrale Frage deshalb nicht, ob es irgendwann wieder „ruhiger“ wird, sondern wie sie Risiko auch dann beherrschen, wenn die nächsten Ausschläge außerhalb der üblichen Zeitfenster kommen.
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