TURIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Rover-Prototype Charlie hat acht Tage lang die spanische Desierto de Tabernas erkundet, um den Ernstfall für den ESA-Marsrover Rosalind Franklin ab 2030 vorzubereiten. Im Fokus stand dabei weniger die Fahrleistung als die Simulation der Fernsteuerung aus dem Kontrollzentrum. Rund 100 Mitarbeitende sollen später im Zusammenspiel aus Wissenschaft und Technik die Mission durch das Gelände navigieren, Daten sichten und nächste Schritte planen. Das Training wird zudem mit dem Betrieb des Instruments MOMA verbunden, das organische Moleküle in Bodenproben identifizieren soll.

Wenn sich eine Marsmission so anfühlt wie ein Schachspiel, dann liegt das nicht an der Anzahl der Züge, sondern an der knappen Zeit zwischen Messung, Entscheidung und nächster Bewegung. Genau an diesem Punkt setzt der Feldtest in der andalusischen Desierto de Tabernas an: Dort wurde der Rover-Prototype Charlie acht Tage lang eingesetzt, um die Arbeitskette im Zusammenspiel von Robotik und Science Operations realitätsnah zu üben. Die Wahl des Geländes ist dabei kein Marketing-Schwenk, sondern technisch sinnvoll, weil die Wüste mit Sand und Geröll, tiefen Steilhängen sowie ausgetrockneten Flussbetten eine Umgebung bereitstellt, in der selbst scheinbar „einfache“ Routen schnell zu Planungstreibern werden.
Gesteuert und koordiniert wurde die Testfahrt aus dem Rover-Kontrollzentrum der ESA in Turin. Während das Team vor Ort den Rover im Feld beobachtete, wurde die Fernsteuerung bewusst so simuliert, als kämen die relevanten Informationen direkt aus einer Marsumgebung. Christian Schröder vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung (MPS) war als Teil des Teams vor Ort, während Fatma Yesil Sahan virtuell im Umfeld der Science Operations Working Group eingebunden war. Die Tests dienten dabei nicht mehr dazu, dass der sechsrädrige Rover „überhaupt“ durchkommt – solche Fahr- und Zuverlässigkeitsthemen sind laut Bericht längst abgeschlossen und Charlie zeigte sich im Gelände geländegängig.
Entscheidend war stattdessen, wie das Kontrollzentrum aus eingehenden Sensordaten eine belastbare Tagesplanung ableitet. Der ExoMars-Projektwissenschaftler Jorge Vago beschrieb den Kern der Herausforderung so, dass nur wenig Zeit bleibt und das Team die neuen Informationen konsequent verarbeiten muss, um Routen, Zielpunkte und einzusetzende Instrumente zu wählen. Dazu kam im Test eine besonders rollenbasierte Aufgabenteilung zum Tragen: Schröder übernahm die Rolle des Long-Term Planners, beriet also das Wissenschaftsteam bei tagesaktuellen Entscheidungen und hielt die langfristigen wissenschaftlichen Ziele im Blick. Dass sich die Qualität einer Fahrroute erst zeigt, wenn Messdaten im Kontrollzentrum eintreffen, ist in der Praxis ein guter Realitätscheck für alle Beteiligten – denn die Frage „fährt der Rover?“ wird in der operativen Phase untrennbar mit „liefert die Messung Antworten?“ verknüpft.
Technisch ist Charlie eng mit dem späteren ExoMars-Rover Rosalind Franklin verwandt. Der Marsrover-Prototyp bringt laut Beschreibung dieselbe Softwarebasis mit, nutzt vergleichbare Kameras und arbeitet ebenso mit Bodenradar; auch die Bewegungsweise soll sich an den entscheidenden Stellen ähneln. Gleichzeitig fehlen beim Prototyp einige wissenschaftliche Instrumente, weshalb der Feldtest zwar das Entscheidungs- und Teleoperations-Setup trainiert, aber nicht jedes Messregime exakt abbildet. Das machte die Rahmenbedingungen bewusst anders als „echter Marsbetrieb“: Während einige Teammitglieder in unmittelbarer Nähe den Rover verfolgten, sollten auch die Abläufe im Kontrollzentrum so weit wie möglich dem Ernstfall entsprechen. Ergänzt wurde die Übung durch das parallele Arbeiten an datengetriebenen Entscheidungen, damit kurzfristige Planung nicht als isoliertes Tagesgeschäft stattfindet, sondern als Teil einer Gesamtroute.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Betrieb des Mars Organic Molecule Analyser (MOMA). Dabei handelt es sich um ein Massenspektrometer mit vorgeschaltetem Gaschromatograph, das organische Moleküle in Bodenproben identifizieren kann. Für die Suche nach Spuren möglichen Lebens auf dem Mars ist genau diese Kette aus Probenaufnahme, chemischer Trennung und massenspektrometrischer Detektion zentral, weil sie nicht nur „irgendetwas organisches“ liefern soll, sondern Messdaten erzeugt, die sich interpretierbar auf Biosignaturen oder deren chemische Vorstufen beziehen lassen. In dem beschriebenen Setup arbeiten Schröder und Sahan laut Bericht hinter den Kulissen mit, um das Testszenario als Trainingsunterlage für weitere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vorzubereiten – also weniger als einmaliges Event, sondern als wiederholbaren Lernprozess.
Der nächste Schritt nach Tabernas soll im Sommer des Folgejahres folgen. Bis dahin wird weiter geübt, diesmal mit dem Rover Amalia, der im Kontrollzentrum in Turin eine nachgebaute Marslandschaft „bewohnt“. Damit wird das Training modular: Erst das reale, unwegsame Gelände, dann die kontrolliertere Simulation mit wiederholbaren Szenarien. Der operative Anspruch bleibt jedoch gleich, weil für die spätere Mission nach Angaben des Berichts etwa 100 Teammitglieder aus Wissenschaft und Technik die Roverführung übernehmen sollen, interessante Stellen ansteuern, Daten sichten und daraus die nächsten Schritte ableiten. Für Unternehmen und IT-nahe Partner ist das vor allem deshalb relevant, weil sich an solchen Trainings deutlich macht, welche Rolle zuverlässige Datenflüsse, robuste Bedienoberflächen und saubere Prozesslogik in Missionsumgebungen spielen.
Historisch betrachtet knüpft das Feldtraining an Erfahrungen an, die im Kontrollzentrum des Jet Propulsion Laboratory der NASA bereits bei der Landung und im Betrieb der Rover Spirit und Opportunity in Pasadena gesammelt wurden. Der Bericht stellt dabei heraus, dass das Team auch diesmal wieder das typische Muster eines wachsenden „Einstellungsgefühls“ beobachtet: Abläufe werden von Tag zu Tag effizienter, und die interne Abstimmung zwischen Wissenschaft und Operations verfeinert sich. Genau dieses Zusammenspiel dürfte für ExoMars ab 2030 entscheidend sein: Ausgestattet mit acht wissenschaftlichen Instrumenten soll Rosalind Franklin nach Überresten und Spuren von Leben suchen, unter anderem durch einen Bohrer, der Bodenproben aus bis zu zwei Metern Tiefe entnehmen und untersuchen kann. Wenn solche Messziele in der Praxis funktionieren sollen, muss die operative Kette vom ersten Sensor-Frame bis zur nächsten Routenentscheidung zuverlässig laufen – und genau das versucht Charlie in Tabernas einzuüben.
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