MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim rückte Atogepant als Akutoption für Erwachsene nach erfolgloser Triptan-Behandlung in den Fokus. In einer Phase-3-Studie erreichten 24,3 Prozent bereits zwei Stunden nach der ersten Attacke Schmerzfreiheit. Gleichzeitig lieferten weitere Programme Impulse für die Prävention, darunter Studien zu Botulinumtoxin und globalen Phase-3-Setups. Experten ordnen das als Schritt in Richtung individualisierter Therapieansätze ein.

Die Migränetherapie entwickelt sich spürbar weg von „ein Wirkstoff für alle“ und hin zu stärker differenzierten Behandlungswegen. Auf dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim wurde dabei nicht nur über neue Zielstrukturen wie das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) gesprochen, sondern auch darüber, warum das Ansprechen auf etablierte Therapien häufig heterogen ausfällt. Diese Heterogenität ist in der Praxis nicht abstrakt: Wer mit wiederkehrenden Attacken mehrere Akut-Strategien ausprobiert hat, erlebt oft, dass der gleiche Wirkstoff bei der nächsten Attacke weniger verlässlich wirkt oder Nebenwirkungen die weitere Nutzung begrenzen.
Besonders konkret wurde die Akuttherapie mit Atogepant (Aquipta) von AbbVie: Für Erwachsene wird der Wirkstoff als Option nach erfolgloser Behandlung mit mindestens zwei Triptanen sowie üblichen Schmerzmitteln beschrieben. Der angeführte Wirknachweis stammt aus der Phase-3-Studie ECLIPSE, in der 24,3 Prozent der behandelten Personen zwei Stunden nach Beginn der ersten Attacke schmerzfrei waren. In der Placebogruppe lag dieser Anteil bei 13,1 Prozent. Entscheidend ist dabei weniger die Zahl allein als die klinische Aussagekraft für die „Fensterzeit“ nach Attackenbeginn, in der Betroffene häufig am dringendsten Linderung suchen.
Im selben Kontext verwies der Kongress auf die breitere CGRP-Schiene, die in den vergangenen zehn Jahren als bedeutender Fortschritt eingeordnet wird. CGRP-Antikörper adressieren dabei einen zentralen Signalweg, der an der Entstehung von Migräneattacken beteiligt ist, und stehen im Spannungsfeld zwischen Wirksamkeit, Verträglichkeit und der Frage, welche Patientenprofile langfristig profitieren. Dass nicht alle Erkrankten gleich ansprechen, wurde ausdrücklich als Grund für maßgeschneiderte Ansätze herausgestellt. Für Kliniken und Praxis bedeutet das: Therapiepläne müssen sich stärker am bisherigen Verlauf orientieren, statt sich allein auf „Therapielinie Nummer zwei“ oder „Therapielinie Nummer drei“ zu verlassen.
Parallel zur Akutstrategie ging es um Prävention und die Einbindung weiterer Wirkprinzipien. Die Uniklinik Heidelberg stellte Botulinumtoxin als Behandlungsoption bei chronischer Migräne mit mehr als acht Attacken pro Monat in den Vordergrund. Zudem beschrieb Merz Therapeutics den zügigeren Abschluss der Rekrutierung für globale Phase-3-Studien (MINT-E und MINT-C) zu IncobotulinumtoxinA (XEOMIN): Die Rekrutierung an 109 Zentren in Nordamerika und Europa für rund 1.800 Erwachsene sei ein halbes Jahr früher als geplant beendet worden. Aus technologischer Sicht ist das ein logistischer und methodischer Punkt zugleich, weil eine zügigere Rekrutierung die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Protokolländerungen oder Rekrutierungsverzögerungen die Datenkonsistenz weniger beeinträchtigen.
Die Bedeutung der Therapieentwicklung lässt sich auch über die Krankheitslast begründen. Laut Deutscher Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) ist in Deutschland etwa jeder zehnte Mensch betroffen; bei Frauen liegt der Anteil bei rund 15 Prozent, bei Männern bei etwa 6 Prozent. Im erwerbsfähigen Alter leidet nahezu jede vierte Frau unter den Attacken. Für die sozioökonomische Dimension wurden außerdem Zahlen zur Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2024 genannt: rund 1 Million Fälle mit etwa 3,4 Millionen Ausfalltagen, wobei Frauen auf etwa 710.000 Fälle und 2,4 Millionen Krankheitstage entfallen und Männer auf etwa 317.000 Fälle sowie rund 990.000 Fehltage. Dass ein großer Teil der Krankschreibungen bis zu sieben Tage dauert, zeigt zugleich die typische „Schlag-Symptom-Kaskade“ im Alltag vieler Betroffener: Attacken führen zu Ausfällen, die sich über Monate aufsummieren und Planungssicherheit im Arbeitsleben dauerhaft erschweren.
Damit rücken auch praktische Hürden in den Fokus: Therapietreue, die Wirksamkeit über Zeit sowie die Wirtschaftlichkeit. Als Problemfeld wurde genannt, dass Begleiterkrankungen wie Angststörungen oder Depressionen den Therapieerfolg schmälern können. Ergänzend wurde diskutiert, dass Vorbehalte gegenüber bestimmten Wirkstoffgruppen, etwa Antidepressiva oder Antiepileptika, Enttäuschungen über fehlende schnelle Effekte auslösen können und damit die Adhärenz senken. Wirtschaftlich bleibt außerdem die Frage nach Kosten-Nutzen-Bewertung zentral: In einem Leitlinienentwurf wird berichtet, dass die britische Bewertungsbehörde NICE den CGRP-Antikörper Erenumab (Aimovig) bei etwa 5.000 britischen Pfund pro Jahr ohne vertraulichen Nachlass als nicht kosteneffektiv für das staatliche Gesundheitssystem eingeordnet habe. Hinzu kommen in der Diskussion fehlende Langzeitdaten, insbesondere wenn vorherige Therapien bereits nicht ausreichend geholfen haben, sowie die Frage, wie sich neue Optionen gegenüber Botulinumtoxin Typ A in relevanten Subgruppen vergleichen.
Für Unternehmen im Gesundheits- und Digitalbereich liegt die Chance vor allem in der Umsetzung: Wenn Therapien stärker individualisiert werden, steigt der Bedarf an strukturierten Verlaufsdaten, an klinischen Entscheidungsunterstützungen und an sauber integrierten Dokumentationsprozessen. Neue Akutoptionen wie Atogepant verändern dabei nicht nur die medikamentöse Landkarte, sondern auch die Anforderungen an Versorgungspfade: Wer erhält wann welche Strategie, wie werden Ansprechdaten erfasst, und wie wird aus einer „Probierphase“ ein belastbarer, messbarer Therapieplan? Der Kongress lieferte damit ein klares Signal: Fortschritt entsteht nicht allein durch neue Wirkstoffe, sondern durch die Kombination aus klinischer Evidenz, Präzisionspharmakologie und organisatorischer Passung im Versorgungsalltag.
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