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SKÅNE / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Textil- und Interiordesignerin Toyine Sellers hat ein 1925 gebautes Haus in der schwedischen Region Schonen behutsam renoviert und dabei den Charakter erhalten. Statt alles zu modernisieren, arbeitet sie Oberflächen wieder frei, frischt die Raumwärme über Details wie eine Kachel um und öffnet Wege für den heutigen Bewegungsfluss. Farbige Wände, Keramikstücke und recycelte Leuchten schaffen eine ruhige Bildsprache, die ihre Biografie spürbar macht. Das Ergebnis ist eine kreative Ruhe-Oase, in der Ordnung nicht Verzicht bedeutet, sondern Komposition.

Schwedens Swedish Grace trifft DIY: So wurde ein altes Haus zur Ruhe-Oase
Schwedens Swedish Grace trifft DIY: So wurde ein altes Haus zur Ruhe-Oase (Foto: IT BOLTWISE)
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Ein altes Haus wirkt oft wie ein Archiv: Schichten aus Farbe, abgenutzte Böden und das stillere Material, das die Jahre übersteht. Genau diesen Gedanken macht sich Toyine Sellers zunutze, wenn sie ihr Zuhause in der Region Schonen (Skåne) neu ordnet. Dort lebt die in Südafrika geborene Textil- und Interiordesignerin in einem 1925 errichteten Gebäude im Stil der „Swedish Grace“ – einer Designrichtung der 1920er-Jahre, die laut Beschreibung eine Brücke zwischen Neoklassizismus und Moderne schlägt. Typisch ist diese Mischung aus eleganter Klarheit, zurückhaltender Ornamentik und einer feinen, beinahe entschleunigten Schlichtheit. Für Sellers ist das nicht nur Stilästhetik, sondern ein Rahmen, in dem kreative Arbeit und Alltag gleichzeitig funktionieren.

Technisch betrachtet beginnt ihre Renovierung nicht mit dem „Neu-Kaufen“, sondern mit dem Freilegen: Sie kratzt Tapeten- und Farbschichten von Wänden und Holz, die sich über fast 100 Jahre angesammelt hatten. Besonders der Boden spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie legt den ursprünglichen, mit Natronlauge gebleichten Kiefernholzboden frei, der für skandinavische Häuser als typisches Material gilt. Dadurch gewinnt der Raum optisch wieder Tiefe, weil die Holzstruktur als eigenständiges Gestaltungselement zurückkommt. Auch die Wege im Haus werden angepasst: So öffnet Sellers die Tür zur Küche, ausdrücklich „denn der Bewegungsfluss ist heute nicht mehr derselbe wie früher“, als hinter dieser Schwelle häufig Personal stand. Solche Eingriffe wirken klein, verändern aber die Alltagslogik; genau hier liegt die Stärke einer Renovierung, die Architektur nicht als Museum, sondern als lebenden Körper behandelt.

Damit die Wärme nicht nur von Materialien, sondern auch von Raumtechnik kommt, sorgt Sellers im Wohnzimmer für ein weiteres Kernelement: Sie bringt die dortige Kachelofen-Lösung wieder auf Vordermann. Solche Öfen sind in skandinavischen Kontexten mehr als Heizelemente; sie strukturieren den Raum, weil Blickachsen und Sitzorte sich an ihnen orientieren. Ergänzend bewahrt sie originale Details wie Türen, Griffe und Fenster – auch wenn die Fenster aus heutiger Sicht bei Energieeffizienz nicht den Standards entsprechen. Den Charme begründet sie dabei mit einer Metapher: „Die Fenster sind schließlich die Augen des Hauses.“ Im Obergeschoss öffnet sich das Schlafzimmer zu einer windgeschützten Balkon-Loggia, die „wie ein kleiner Kokon“ wirkt. Dieser Begriff passt zur gesamten Strategie: nicht Lautstärke erzeugen, sondern Hüllen schaffen, in denen man sich konzentrieren und zur Ruhe kommen kann.

Während das Haus in Grundsubstanz und Materialität konserviert wird, bekommt die Farbwelt bewusst Bewegung. Ein schlichtes Weiß kommt für Sellers nicht infrage; sie setzt auf farbige Anstriche als Kontakthilfe zwischen Räumen. Im Wohnzimmer wählt sie ein sattes Olivgrün, im Esszimmer ein helleres Grau und im Arbeitszimmer ein dezent gräuliches Mauve. Der Eingangsbereich mit seiner großen Treppe wird in Olivgrün und Violettgrau gestaltet, damit die Farben nicht nebeneinander stehen, sondern harmonisch ineinander übergehen. In der Küche setzt sie auf Beton-Optik, dazu Aluminium an den Unterschränken und greige lackierte Oberschränke. Dachgeschosszimmer zeigen dann eine weitere Variation: von dunklem Mauve über Pfirsich bis hin zu einem Gästezimmer in Blau-Grau-Tönen. Entscheidend ist: Hier entsteht kein „Farbtrick“, sondern eine Palette mit interner Dramaturgie, die je nach Raumfunktion anders wirkt.

Ihre persönliche Handschrift zeigt sich besonders im Arbeitszimmer, das sie als Ort eigener kreativer Routinen beschreibt. Dort stehen Dinge, die die Familiengeschichte, den Werdegang und Reisen nach Afrika, Brasilien, in die Vereinigten Staaten und nach Europa widerspiegeln. Der Schreibtisch stammt aus einem österreichischen Möbelstück, geerbt vom Großvater, beleuchtet von einer Stehleuchte aus Holz, die an eine Stabheuschrecke erinnert. An der Wand hängt eine Leder-Tapisserie von Charles Schambourg aus den Ateliers Zaventem; im Esszimmer ergänzt Sellers eine weitere, die sie selbst im Norden Schwedens gefertigt hat – einer Region, die für Teppichwebereien bekannt ist. Ergänzende Akzente setzen Keramik: Keramikteller von Gertrud Bäge schmücken Wände in Küche und Arbeitszimmer. In der Küche hängen zudem 32 Teller, jeder mit einem Rezept auf der Rückseite – ein Detail, das Funktion und Gestaltung unauflöslich verbindet. Hinzu kommen Vasen und Fliesen eines schwedischen Keramik-Künstlers; seine Entwürfe für ein Sterne-Restaurant in Stockholm werden dabei als Referenz erwähnt. Das Haus wird so zu einer Art Materialatlas, in dem Texturen, Farben und Formen nicht dekorieren, sondern erinnern.

Auch die Möbelwahl ist keine reine Stilfrage, sondern eine Balance zwischen Alt und Neu. Die Küche basiert auf IKEA-Elementen, wird jedoch teilweise durch Elemente des schwedischen Labels Superfront veredelt und mit grobkörnigem italienischem Terrazzo ergänzt. Damit bekommt Funktionalität einen neuen taktilen Charakter: Die standardisierte Basis wird durch Oberflächenmaterialien und Details so verändert, dass sie nicht nach „Möbelkatalog“ aussieht. Ein Daybed aus früherer Zeit als Zusatzbett steht im Esszimmersbereich – Sellers erinnert sich daran, dass es bei einer Nutzung als Stand-Deko für eine Pariser Designmesse so gefragt war, dass Besucher es kaufen wollten. Zugleich gibt es bei ihr eine zweite, fast handwerkliche Eigenschaft: Sie trennt sich ungern von Dingen. Sie bezeichnet sich als Sammelstelle für die Familienobjekte und beschreibt, wie sie etwa Kleider neu zusammenstellt und „nur eine Frage des Stylings“ daraus macht. Dabei bleibt sie allerdings konsequent: In ihrer Darstellung duldet sie keine Unordnung oder Störfaktoren. Ihre Morgenroutine, das Meditieren und das visuelle Ausbalancieren im Raum, macht aus Gestaltung eine laufende Praxis – nicht einen einmaligen Akt.

Dass diese Art von Komposition funktioniert, hängt auch mit Sellers’ kulturellem Hintergrund zusammen. Sie wurde in Südafrika als Kind europäischer Eltern geboren und verbrachte ihre Kindheit in Afrika sowie in Nord- und Südamerika. Diese Vielfalt habe laut ihrer Darstellung ein Gespür für Welt, Natur, Farben und Texturen in ihr verankert – und damit sowohl ihre Arbeit als auch ihr Interiordesign geprägt. Das äußert sich im Haus in Ensembles aus unterschiedlichen Herkunftsschichten: Ein alter schwedischer Tisch wird mit Stühlen aus Palisander zusammengeführt, dazu ein Wandteppich, den sie von Hand für diesen Platz gefertigt hat, sowie ein zeremonieller Kopfschmuck aus Nigeria, montiert auf einem Stab. Selbst Leuchten sind in ihren Augen nicht „nur Technik“, sondern Teil einer Geschichte: Die Lampen im Wohnzimmer und Arbeitszimmer gehen auf ein Recyclingprojekt aus Färbekegeln zurück, die sie in großem Umfang als Textildesignerin nutzt und deren Entsorgung durch die Weiterverarbeitung überflüssig wird. Bei aller Vielfalt bleibt die Tonalität gesteuert – im Wohnzimmer bunter, im Arbeitszimmer einheitlich in Taupe und als Halbkugel geformt.

Was sich daraus für Unternehmen und Gestaltungsteams mit Blick auf Trends ableiten lässt, ist weniger die konkrete Farbpalette als das Prinzip: Eine Renovierung kann sowohl materialtreu als auch gestalterisch mutig sein. In einer Zeit, in der viele Innenräume durch Standardisierung schnell austauschbar wirken, zeigt Sellers’ Ansatz, wie sich Identität über wiedergewonnene Originale (Boden, Türen, Öfen), präzise Farbübergänge und kuratierte Materialobjekte schaffen lässt. Gleichzeitig ist der Mix aus einzelnen marken- bzw. labelbasierten Komponenten und handgefertigten Stücken ein Modell, das sich auch in Projektlogiken übertragen lässt: Nicht jede Entscheidung muss „komplett neu“ sein, um modern zu wirken. Für Leserinnen und Leser, die ähnliche Ruhe im Alltag suchen, ist der Kern damit weniger „wie teuer“ als „wie konsequent“: Gestaltung wird zur täglichen Einstellschraube, die den Raum als ruhige Bühne für Arbeit und Leben begreift.

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