NUREMBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – In deutschen Übungen testet die US-Armee den Einsatz von Drohnen nach ukrainischen Mustern. Laut dem für die Ausbildung zuständigen Brigade-Management gibt es dafür bereits 1.900 Drohnen auf dem Übungsgelände. Ukrainische Spezialkräfte beraten vor Ort zu elektronischer Kampfführung und zu Abläufen im Gefecht. Gleichzeitig ist unklar, wie die Armee ihre Kompanien und Bataillone strukturiert, wenn Drohnen allgegenwärtig werden.

Die Drohnen-Lernkurve der US-Armee spielt sich derzeit nicht in einem anonymen Labor ab, sondern auf einem Ausbildungsgelände in Deutschland. Dort steht ein US-Soldat auf einer staubigen Straße und bedient einen Controller, während wenige Momente später ein Fluggerät startet und in den Himmel steigt. Genau solche Szenen sind Teil einer jährlichen Trainingsserie, in der die US-Truppe demonstriert, experimentiert und vor allem die Taktiken nachbildet, die ukrainische Einheiten in einem seit mehr als 4,5 Jahren laufenden Konflikt gegen russische Kräfte aufgebaut haben. Dass sich die Zusammenarbeit von „Koordination“ hin zu „aktiver Einbindung“ verschiebt, wird auch daran sichtbar, wie stark die Übung die ukrainische Perspektive in die konkreten Abläufe hineinträgt.
Im Zentrum steht dabei weniger der reine Bestand an Drohnen als die Frage, wie sich daraus ein funktionierendes Konzept für Einheiten ableiten lässt. Brig. General Terry Tillis, der die in Deutschland stationierte Trainingsstruktur der US-Armee leitet, nennt eine Zahl, die die Größenordnung der Experimente unterstreicht: 1.900 Drohnen sollen für die Teilnehmer bereitstehen und damit „die neuesten Dinge“ widerspiegeln, die aus ukrainischen Erfahrungen gewonnen wurden. Die Übungen finden im Umfeld der bayerischen Voralpen statt und laufen als „Saber Junction“ über nahezu vier Wochen in den Monaten August und September. In dieser Zeit wird der Austausch so organisiert, dass amerikanische Truppen nicht nur die Technik betrachten, sondern die ukrainischen Spezialkräfte beim Einsatz der Systeme direkt mit einbeziehen.
Technisch betrachtet geht es dabei um mehr als das „Hinzufügen“ von Flugplattformen zu bestehenden Infanterieprozessen. Ein anonym gehaltener Armeevertreter beschreibt die Lage so: Es gibt zwar breite Zustimmung darüber, Drohnen in den Verbänden der Armee zu integrieren, doch die militärische Führung muss entscheiden, wie die Bodenkräfte strukturiert werden, wenn Drohnen nicht mehr als Hilfsmittel, sondern als gleichberechtigter Bestandteil einer Gefechtslogik agieren. Der Vertreter betont zudem einen konkreten Integrationspfad: Eine Vielzahl einwegfähiger Angriffsdrone-Systeme werde bereits bis hinunter auf die Ebene der Kompanie eingesetzt. Genau an dieser Stelle liegt die strategische Kluft zwischen „Drohnen verteilen“ und „Drohnen zum Kern eines Gefechtsmodells machen“.
Dass die Integration tatsächlich in Handlungsabläufe überspringt, zeigt die Übungsdramaturgie. Laut den Aussagen des Chief Technology Officers der US-Armee kommt es bei etwa 50 % der Begegnungen der 173rd Airborne Brigade mit gegnerischen Kräften während der Übung zu dem Muster „Drohnenkontakt zuerst“. Diese Reihenfolge ist entscheidend, weil sie die Sensorik und Entscheidungszyklen der Bodenkommandos verändert: Wer frühzeitig über Luftaufklärung und Zielzuweisung verfügt, kann nicht nur schneller reagieren, sondern die nächsten Schritte des Einsatzes oft in engeren Loops planen. Ukrainische Militärangehörige, ungefähr ein Dutzend, werden dabei als fachliche Schnittstelle sichtbar. Sie bringen Einblicke zu elektronischer Kampfführung, zu Drohnenkriegführung und zu Lessons learned aus laufenden Operationen mit.
Parallel zu diesen technischen und operativen Lernschritten läuft jedoch eine organisatorische Debatte in der US-Armee, die sich auch in personellen und strukturellen Entscheidungen spiegelt. Der Übergang von ukrainischen „Lessons“ hin zu US-eigenen Standards trifft auf die Realität, dass Führungsebenen wechseln und damit auch Prioritäten. Im April wurde der oberste uniformierte Offizier der US-Armee ausgetauscht; im September verließ auch der zivile Leiter der Armee, der als Verbündeter des damaligen Spitzenkommandos galt. In diesen Phasen verschiebt sich oft die Frage, welche Experimente als langfristiger Kern gelten und welche nur als Übergangslösungen betrachtet werden. Einige Beobachter in der Truppenentwicklung sehen darin einen natürlichen Reifeprozess, andere befürchten, dass der Fokus springt, bevor die Learning-Loop abgeschlossen ist.
Besonders auffällig ist die Entscheidung, eine auf Drohnenkrieg spezialisierte Einheit innerhalb der 173rd Airborne Brigade zu beenden und sie nach nahezu einem Jahr wieder in eine traditionell ausgerichtete Infanteriebataillon-Form zurückzuführen. Das wird mit dem Hinweis begründet, die Rückkehr in ein „klassischeres“ Missionsbild sei ursprünglich Teil des Plans gewesen, auch wenn unter früherer Führung erwartet wurde, der Schwerpunkt würde fortbestehen. Der Armeevertreter ordnet das jedoch vorsichtig ein: Es sei nicht klar gewesen, ob spezialisierte Einheiten langfristig der richtige Weg sind. Vielmehr soll die Zusammenarbeit mit ukrainischen Kräften vor allem helfen, das eigene Denken für eine US-Formation zu schärfen, die auf die Weise ausgerichtet wird, wie die US-Armee Krieg führt – also mit einer erkennbaren Systematik über Sensoren, Wirkungsketten und Entscheidungsprozesse.
Historisch zeigt sich hier eine typische Spannung moderner Streitkräfte: Während Drohnen in der Praxis zunächst als zusätzliche Fähigkeit wahrgenommen werden, verdrängen sie mit der Zeit die bisherigen Rollenmodelle. In der Ukraine ist das besonders sichtbar, weil dort bereits vor einiger Zeit eine eigene „Unmanned Systems Forces“-Struktur aufgebaut wurde, die den Drohneneinsatz als klaren Schwerpunkt behandelt. Gleichzeitig hat die Entwicklung dazu geführt, dass Drohnen so stark in den Alltag vieler Einheiten integriert sind, dass sich kaum noch eine Einheit finden lässt, die „Drohnen nur am Rand“ nutzt. Daher argumentiert auch die US-Seite gegen die zentrale „Depot“-Strategie: Der Chief Technology Officer verweist darauf, dass eine Zentralisierung in einem einzigen Drohnen-Kommando die Skalierung des Lernens bremsen könnte. Sein Kernpunkt lautet, dass die Fähigkeit, die Integration in der Fläche zu verbreiten, entscheidend ist – und dass genau deshalb die Erfahrungen aus den Übungen über die gesamte Brigade und darüber hinaus ausgerollt werden sollen.
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