ROSTOCK / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU-Kommission schlägt für die nächste Fangperiode an der westlichen Ostsee deutlich geringere Quoten für Heringsbeifang und besonders stark für Dorsch vor. Rostocker Vertreter halten dagegen, die Ausnahmen für die gezielte passive Heringfischerei seien angesichts der realen Bestandslage der Küstenfischerei „der einzige Strohhalm“. Umweltverbände warnen hingegen, jede Tonne laichbereiter Heringsreicht für die Erholung noch dringend aus. Im Kern geht es um die Frage, ob „Rollover“-Logik beim Quotenverfahren in einer ohnehin unter Druck stehenden Ostsee noch trägt.

Die Diskussion um die Fischereiregeln an der westlichen Ostsee bekommt eine neue Schärfe: Für die Beratungen der EU-Minister und -Ministerinnen Anfang kommender Woche liegt nach Angaben aus dem Umfeld der Quotenplanung ein Vorschlag der EU-Kommission vor. Im Mittelpunkt stehen Änderungen bei Fangmöglichkeiten für Hering und Dorsch – genauer gesagt die Frage, wie viel davon künftig überhaupt noch als Beifang angelandet werden darf und welche Ausnahmen für besonders kleine oder technisch definierte Fangarten bestehen bleiben. Für die betroffenen Betriebe ist das keine rein juristische Feinheit, sondern entscheidet direkt darüber, ob Stellnetze unter bestimmten Bedingungen weiter eingesetzt werden können oder faktisch aus dem Betrieb herausfallen.
Ausgangspunkt ist die Struktur des Quotenmechanismus selbst. Jedes Jahr legen die Fischereiminister und -ministerinnen der EU-Länder im Oktober zulässige Höchstfangmengen für Bestände in der Ostsee fest, die anschließend als Quoten auf die Anrainerstaaten verteilt werden. Vor dieser politischen Festlegung formuliert die EU-Kommission einen Vorschlag; der wiederum wird vom Internationalen Rat für Meeresforschung (ICES) beraten, dem auch das Umfeld des Thünen-Instituts für Ostseefischerei angehört. In der vorliegenden Debatte lautet der konkrete Konflikt: Die EU-Kommission empfiehlt, die erlaubte Menge für Heringsbeifang in der westlichen Ostsee für das kommende Jahr fast um die Hälfte zu reduzieren. Beim Dorsch der westlichen Ostsee steht laut Bericht sogar ein Minus von fast 90 Prozent im Raum.
Der Fischereiexperte Christopher Zimmermann, der das Thünen-Institut für Ostseefischerei leitet, bewertet die vorgeschlagenen Einschnitte deutlich skeptischer. Er argumentiert, die zuletzt noch zugelassene Fangmenge für Hering in der westlichen Ostsee habe keinen messbaren Einfluss mehr auf die Bestandsentwicklung. Besonders zugespitzt wird dieser Punkt mit Blick auf die beibehaltene Ausnahme: Er beschreibt die damit verbundene Fangoption als „im Grunde den einzigen Strohhalm“ für die Küstenfischerei. Konkret geht es um eine Erlaubnis, mit Booten unter zwölf Metern und mit passivem Fanggerät – etwa Stellnetzen – gezielt Hering fischen zu dürfen. Wo Zimmermann betont, dass der Beifang ohnehin kaum noch eine Rolle spielt, sieht der Naturschutzverband NABU die Lage anders.
Beim NABU verweist man auf die dramatische Bestandssituation und auf die Notwendigkeit, auch kleinste Restmengen für die Erholung zu nutzen. Laut Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim NABU Bundesverband, kommt es angesichts der zusätzlichen Belastungen durch die Klimakrise gerade auf „jede Tonne laichbereiten Herings“ an, damit sich Bestände trotz Stressfaktoren wieder aufbauen können. Damit argumentiert der Verband auch gegen die Zeitgemäßheit der bisherigen Ausnahmen für die passive Heringsfischerei in der westlichen Ostsee. Der Konflikt zwischen beiden Sichtweisen ist dabei weniger ein Streit um die Technik der Netze als um die Frage, ob die verbleibenden Spielräume statistisch und ökologisch überhaupt noch relevant sind – oder ob sie in der Praxis bereits so klein geworden sind, dass sich daran weder Erholung noch Verschlechterung systematisch entscheiden.
Dass diese Debatte wirtschaftlich sofort spürbar wird, liegt an der Kombination aus Regulierung und realen Betriebsbedingungen. Nach der Darstellung von Zimmermann war Hering einst in der Dorschfischerei als Beifang Teil eines „Brotfisch“-Systems; heute sei diese Dorschfischerei in nennenswertem Umfang jedoch nicht mehr existent. Auch weitere Einschränkungen treffen den Betrieb: Dorsch darf in der westlichen Ostsee demnach nicht mehr gezielt gefischt werden, sondern nur noch als Beifang. Hinzu kommen Faktoren, die das Abschöpfen kleiner Quoten aus Sicht der Küstenbetriebe erschweren, etwa der Fraßdruck durch Kegelrobben in Vorpommern. Auch betriebliche Parameter wie steigende Schiffsdiesel-Kosten und ein Eiswinter in diesem Jahr können dazu führen, dass Stellnetze zwar eingesetzt werden, die theoretische Quote aber praktisch nicht vollständig genutzt wird.
Technisch erklärt sich die Lage der Bestände zugleich als Problemverbund aus früherer Überfischung, Umwelt- und Klimaeinflüssen. Zimmermann nennt für Dorsche der westlichen Ostsee unter anderem, dass sie das Erwachsenenalter erreichen, weil sich die Bedingungen im Jahresverlauf verschieben: Ab Juli seien die oberen Wasserschichten zu warm und in tieferen Schichten fehle es an ausreichend Sauerstoff. Beim Sauerstoffmangel spielt außerdem der Nährstoffeintrag eine Rolle. Dieser fördert das Wachstum von Algen; deren Zersetzung durch Bakterien verbraucht wiederum Sauerstoff. Für die Ostsee insgesamt, so die Einordnung, stammten die meisten Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft, während bezogen auf Deutschland ein großer Teil aus der Atmosphäre kommt – etwa durch Stickoxide von Dieselmotoren sowie aus Erdöl- oder Erdgasheizungen. Bei Heringen wiederum können warme und späte Winter die Entwicklung des Nachwuchses durcheinanderbringen und damit die Jahrgangsstärke beeinflussen.
In der politischen Konsequenz wird daraus eine harte Grundfrage: Wie viel Vertrauen darf man in die heute modellierten Referenzwerte setzen, wenn die Umweltbedingungen sich weiter verändern? Zimmermann argumentiert, der ICES gehe weiter von Referenzwerten aus, die aus seiner Sicht nicht mehr erreichbar seien – er hält diese Entscheidung für falsch. Gleichzeitig zeigt er eine differenzierte Position: Für kommendes Jahr könne er sich in geringem Umfang sogar vorstellen, wieder gezielte Fischerei jenseits reiner Beifänge und Ausnahmen zuzulassen. Allerdings knüpft er das an einen neuen Maßstab dafür, ab wann nachhaltige gezielte Fischerei unter den veränderten klimabedingten Bedingungen überhaupt wieder realistisch möglich ist. Damit prallen letztlich zwei Logiken aufeinander: die konservative Fortschreibung über Quotenmechanismen und die Forderung, dass sich ökologische Tragfähigkeit und ökonomische Machbarkeit nicht nur über jährliche Prozentwerte, sondern über eine Neubewertung der zugrunde liegenden Annahmen neu einstellen müssen.
Während es beim Hering und Dorsch in der westlichen Ostsee um deutliche Reduktionen geht, erwähnt der Bericht auch andere Bestände, bei denen die EU-Kommission teils höhere Fangmengen empfiehlt – etwa bei Sprotten. Für die hiesige Küstenfischerei spielt dieser Bestand nach der Darstellung jedoch keine Rolle, weshalb die betriebliche Wirkung vor allem an der westlichen Ostsee hängt und an den definierten Fangoptionen festgemacht wird: Bootslänge, Fanggerät und ob es sich um Beifang oder gezielte passive Fischerei handelt. Für die Praxis bedeutet das auch, dass digitale Betriebsplanung, Kostenkalkulation und Risikomanagement eng an die Quotenlogik gekoppelt bleiben. Wenn Quoten sich reduzieren, aber gleichzeitig die realen Entnahmechancen wegen Prädatoren, Witterung und Energiepreisen sinken, wird das Quotenmanagement stärker zu einer Daten- und Prognosefrage – und damit auch zu einem Thema für modernere Überwachungs- und Auswertungsansätze, die in der Fischerei-Ökonomie ohnehin zunehmend an Bedeutung gewinnen. Die entscheidende Frage bleibt: Trifft die vorgeschlagene Absenkung die ökologisch wirksamsten Stellschrauben, oder verfehlt sie durch zu starke Reduktion einen Bereich, in dem kleine Fangmengen bereits keine messbare Wirkung mehr entfalten?
Für Entscheidungsträger, Verbände und Betriebe hängt die nächste Phase damit nicht nur an der politischen Abstimmung in den kommenden Beratungen, sondern auch daran, wie die unterschiedlichen Argumente später in die Festlegung der Höchstfangmengen einfließen. Zimmermann fordert sinngemäß, man solle die Verhandlungen entspannen und „Rollover“ denken, während NABU auf die ökologische Dringlichkeit jeder laichbereiten Heringsmenge setzt. Für die Küstenfischerei wäre das Ergebnis dann ein Signal, ob das System eher die Bewahrung verbleibender Betriebsoptionen priorisiert oder die restlichen Ausnahmen konsequent zurückfährt. In jedem Fall zeigt die Debatte, dass Quoten nicht im luftleeren Raum entstehen: Sie sind ein Versuch, ökologische Unsicherheit in planbare Regeln zu übersetzen – und genau diese Übersetzung steht an der westlichen Ostsee aktuell zur Disposition.
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