LONDON (IT BOLTWISE) – YouTube plant für Anfang 2027 die ersten AV2-Streams im Web. Der neue Videocodec der Alliance for Open Media soll bei ähnlicher Bildqualität rund 30 Prozent weniger Daten benötigen als AV1. Damit könnten Streamingdienste entweder Bitrate sparen oder die Bildqualität bei gleicher Bitrate anheben. Für Cloud-Gaming bleibt die Frage offen, ob die Decodier- und Encoding-Latenz in Echtzeit mitspielt.

Der nächste Schritt in der Videokompression zeichnet sich bereits am Horizont ab: Nach AV1 soll mit AV2 eine neue Generation von Codecs in den Praxiseinsatz gehen. YouTube nennt dabei einen konkreten Zeitrahmen und will ab Anfang 2027 erste Streams mit dem neuen Codec bereitstellen. Für Nutzerinnen und Nutzer ist das auf den ersten Blick eine unspektakuläre Aktualisierung der Wiedergabe, für die Infrastruktur dahinter aber ein Hebel mit messbarem Effekt. Wer große Videokataloge betreibt, muss jeden gesendeten Datenbit mehrfach optimieren – von der Encoder-Seite über die CDN-Auslieferung bis hin zu Client-Decodern im Browser.
Technisch betrachtet basiert AV2 auf der Idee, die Effizienz pro Pixel und pro Zeitfenster weiter zu steigern. Die Alliance for Open Media (AOMedia) berichtet, dass AV2 im Frühjahr 2026 genormt wurde. Ziel ist dabei eine ähnliche Bildqualität wie bei AV1, jedoch mit deutlich weniger Datenrate. In der konkreten Einordnung fällt vor allem die Größenordnung auf: Die Allianz veranschlagt die höhere Kompressionseffizienz auf ungefähr 30 Prozent. Das eröffnet zwei Betriebsmodelle für Streamingdienste. Entweder sie senken die erforderliche Bitrate und entlasten damit Bandbreite und Caching-Footprint, oder sie halten die Bitrate konstant und investieren den gewonnenen Kompressionsspielraum in höhere sichtbare Qualität – etwa bei Szenen mit feinen Details oder schnellen Bewegungen.
Damit AV2 nicht nur auf dem Papier funktioniert, kommt es im Web auf die tatsächliche Unterstützung an. YouTube nennt als ersten Praxiseinsatz Anfang 2027 und positioniert AV2 zunächst für Browser-Streams. Welche konkreten Videos, welcher Browser und welche Endgeräte dann direkt unterstützt werden, bleibt vorerst offen. Aus dem Umfeld der großen Browser lässt sich jedoch bereits ein Entwicklungsvorlauf erkennen: Google hat die Wiedergabe in Chrome vorgeführt, und auch andere Anbieter wie Netflix und Prime Video testen das Format. Interessant ist zudem, wie stark AV1 bereits heute im Mainstream angekommen ist. YouTube nennt als Anker: Am 19. März 2026 waren mehr als 90 Prozent des Videokatalogs, gewichtet nach Wiedergabezeit, in AV1 verfügbar. Diese Verbreitung ist insofern wichtig, als sie zeigt, dass der Wechsel von einem Codec zum nächsten in der Praxis vor allem eine Frage von Rollout-Fähigkeit ist – nicht nur von Encoderqualität.
Für die Rechenkette vom Server bis zur Anzeige ist jedoch der Flaschenhals nicht überall gleich. Gerade in der frühen Codec-Phase entscheidet sich vieles an der Frage, ob Decodierung hardwarebeschleunigt abläuft. Denn während eine CPU grundsätzlich in der Lage ist, einen komprimierten Videostream via Softwaredecoder zu verarbeiten, ist das bei hohen Auflösungen oft kostenintensiv. VideoLAN arbeitet dafür bereits an dav2d, dem Nachfolger des verbreiteten AV1-Decoders dav1d. Der entscheidende Punkt: Hardware-Decoder auf Grafikkarten sind meist an konkrete Formate gebunden. Spezialisierte Einheiten wie NVIDIAS NVDEC sind zwar stromsparend und schnell, aber nicht automatisch flexibel genug, um von AV1 auf AV2 umzuschalten. Ein bloßes Treiberupdate ersetzt in der Regel keine fehlenden Hardware-Schaltungen, sondern kann nur vorhandene Funktionalität aktivieren oder Softwarepfade verbessern.
Selbst wenn GPUs grundsätzlich programmierbare Shader-Einheiten besitzen, ist Decodierung in der Praxis nicht trivial. Zwar könnten Shader theoretisch auch AV2 decodieren, wenn passende Software und Optimierungen existieren. In der Realität bedeutet das aber zusätzlichen Entwicklungsaufwand, etwa für spezialisierte Kernel und effiziente Datenpfade, die mit den Speicher- und Durchsatzprofilen der jeweiligen GPU-Architektur harmonieren. Genau hier zeigt sich das Problem aktueller Consumer-Grafikkarten: Sie bieten derzeit keine eigene AV2-Decodierung, sodass entweder die CPU einspringt oder der Softwaredecoder genutzt wird. Beides hat Nebenwirkungen. Wenn die CPU den Job übernimmt, steigt bei hochauflösendem Material der Rechenbedarf, was sich im schlimmsten Fall auch in höheren Latenzen oder einer schlechteren Akkulaufzeit bei mobilen Geräten bemerkbar machen kann. VideoLAN-Mitgründer Jean-Baptiste Kempf beziffert die Decodierkomplexität von AV2 im Vergleich zu AV1 auf etwa das Fünffache. Diese Zahl erklärt, warum Softwaredecoder in der Übergangsphase so wichtig sind.
Für klassisches Streaming ist das eine Herausforderung, für Cloud-Gaming aber eine andere Gewichtung. Anders als bei YouTube lassen sich die Bilder eines Spiels nicht im Voraus komprimieren. Jedes Einzelbild muss sofort nach dem Rendern verarbeitet und gesendet werden. Ob AV2 dabei einen echten Vorteil gegenüber AV1 bringt, hängt daher wesentlich von der Geschwindigkeit der Echtzeit-Encoder ab. Eine höhere Kompressionsleistung ist nur dann produktiv, wenn sie nicht zu zusätzlicher Latenz führt – denn Nutzererleben im Spiel entsteht aus dem Zusammenspiel von Eingabe, Simulation, Rendering, Encoding, Übertragung und Decodierung. Ein Codec, der zwar effizienter komprimiert, aber länger für die Transformation braucht, kann das Gesamtsystem verschlechtern. Genau deshalb ist es plausibel, dass Cloud-Gaming zunächst vorsichtiger evaluiert wird und sich bei ersten Tests besonders auf Encoder- und Pipeline-Latenzen konzentriert, nicht nur auf die Bitratenkennwerte.
Für die Branche ergibt sich daraus ein mehrschichtiger Umstellungsprozess. Anbieter müssen die Encoder-Seite für AV2 bereitstellen, die Streaming-Workflows in der CDN-Kette anpassen und parallel die Client-Unterstützung beobachten. In derselben Zeit verschiebt sich auch die Bedeutung von Open-Source-Decodern: Softwaredecoder wie dav2d werden zu einem praktischen Weg, AV2 früh überhaupt nutzbar zu machen, bis hardwareseitige Decoder verbreiteter sind. Das betrifft nicht nur Desktop-Umgebungen, sondern auch Browser-Ökosysteme, in denen die Codecunterstützung stark davon abhängt, welche Decoderpfade im jeweiligen Runtime-Stack aktiv sind. Für Unternehmen heißt das: Wer 2027 plant, sollte AV2 nicht als reine Codec-Neuerung behandeln, sondern als Teil einer Gesamtpipeline aus Encoding, Transcoding, Distribution und Client-Performance.
Bis die ersten AV2-Streams im Web anrollen, bleibt damit viel Zeit für konkrete Vorbereitung. Die Normung 2026 und der genannte Zeitplan Anfang 2027 deuten auf einen Rollout in Stufen hin: erst Demo- und Pilotbetrieb, dann ausgewählte Inhalte, anschließend breiterer Codec-Einsatz. Für Entscheider ist die relevante Frage weniger, ob AV2 theoretisch effizienter ist – die 30-Prozent-Aussage schafft hier Orientierung. Spannender wird, wie sich der Übergang auf reale Nutzung auswirkt: Welche Endgeräte nutzen dann tatsächlich Hardware-Decodierung, welche Clients müssen stärker über Software gehen, und wie stabil bleibt die Latenz in Use-Cases wie Cloud-Gaming. Genau diese Details entscheiden am Ende darüber, ob der Effizienzsprung auch im Alltag spürbar ist.
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