LONDON (IT BOLTWISE) – Paulina Borsook bekommt mit „Cyberselfish“ eine neue Edition, obwohl das Buch seit Jahren vergriffen war. In dem Werk ordnet sie die techno-libertäre Denkrichtung in der Silicon-Valley-Kultur ein und argumentiert, sie sei „gewalttätig anti-regulatorisch“. Die Autorin sieht dabei eine deutliche Kontinuität bis in die aktuelle KI-Welle. Gleichzeitig beschreibt sie, warum Preise für gebrauchte Exemplare und neue internationale Nachfrage das Comeback ausgelöst haben.

„Cyberselfish“ kommt zurück – und das ist weniger ein klassisches Buch-Comeback als ein Signal dafür, wie sich Debatten in der Tech-Branche verlagern. Paulina Borsooks gleichnamiges Werk erschien erstmals im Jahr 2000 und war danach über längere Zeit nicht mehr erhältlich. Laut den Angaben der Autorin setzte die Renaissance bei den gebrauchten Exemplaren ein: Sie beobachtete, dass sich die Preise auf Plattformen für Secondhand-Bücher langsam nach oben bewegten, während gleichzeitig immer wieder Posts in sozialen Medien auftauchten, in denen Leserinnen und Leser das Buch als wichtig für das Verständnis der Tech-Industrie bezeichneten, die „ihren Weg verloren“ habe.
Für die Einordnung ist entscheidend, dass Borsook nicht einfach nur Technikgeschichte schreibt, sondern Kulturkritik mit einem sehr konkreten Blick auf Interessen und Sprache verbindet. In einer Zoom-Ansicht beschreibt sie das Buch als eine Art „travelogue“: Sie folge ihren eigenen Beobachtungen, wie eine bestimmte techno-libertäre Strömung in Silicon Valley Denkweisen prägt. Diese Strömung fasst sie als „Korb“ von Überzeugungen zusammen, der sich stark gegen Regulierung richtet – selbst dann, wenn Politik und staatliche Strukturen in ihrer Lesart wesentliche Grundlagen bereitgestellt haben. In ihrem Narrativ bleibt das Spannungsverhältnis bestehen: Bestimmte Akteure propagieren Selbstbefreiung durch Marktmechanismen, während sie gleichzeitig von staatlich ermöglichtem Forschungskapital und Infrastruktur profitieren.
Technisch betrachtet wirkt diese Argumentation wie ein Plädoyer für „historische Rekonstruktion“ in einem Umfeld, das gern Gegenwart als Maßstab nimmt. Borsook verortet einen Wendepunkt kultureller Verschiebungen unter anderem rund um das Ende der 1990er- und den frühen 2000er-Jahre. Sie nennt dabei die Netscape-Publikumsphase als Moment, in dem Finanz- und Renditelogik stärker in den Vordergrund trat und die Selbstbeschreibung der Szene sich veränderte. Auch nach dem Dotcom-Crash sieht sie keine echte Korrektur, sondern eine fortgesetzte Sedimentation: Die Haltung bleibe „im Boden“ und breche sich dann später erneut Bahn. Als Beispielrahmen dienen ihr weniger einzelne technische Innovationen als Geschäftsmodelle, die sie als vorrangig finanzgetrieben einordnet.
Besonders scharf wird es, wenn Borsook die Brücke zur Gegenwart schlägt. Sie sieht die aktuelle KI-Welle als perfekte Bühne für genau jene alte Erzählung: Man brauche angeblich keine Regulierung, weil „geniale“ Akteure für das Richtige stünden. In ihrer Perspektive ist das eine Art Übersteigerung, die eine daten- und softwaregetriebene Industrie in Richtung Rechtfertigungslogik drückt. Interessant ist dabei, dass sie nicht nur über Ethik oder „gute Absichten“ spricht, sondern über die wirtschaftliche Mechanik: Wenn man den Wertmaßstab stark über Kurs- und Aktionärslogik definiert, rechtfertige das vieles – auch, wenn der Nutzen für Gesellschaft oder Nutzerinnen und Nutzer nicht automatisch in demselben Verhältnis wächst. Genau diese Verschiebung beschreibt sie als Kontinuität, nicht als Bruch.
Der Weg zu dieser Neubewertung verlief laut Autorin nicht über eine isolierte Verlagspremiere, sondern über eine Kette aus internationaler Aufmerksamkeit. Sie schreibt, dass europäische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begannen, sie zu kontaktieren. Parallel dazu hätten unerwartete Social-Media-Posts den Diskurs neu entfacht. Über diese Kontakte sei sie mit Gil Durán in Verbindung gekommen, der zuvor ebenfalls in die Richtung argumentierte, dass das Werk längst wieder zugänglich sein sollte. Durán verfasste für die Neuauflage eine neue Einführung, während der übrige Text weitgehend unverändert bleibt: Der Verlag habe ihr signalisiert, man solle „kein Wort ändern“. Für Borsook bedeutet das vor allem eines: Der Status als Artefakt einer Zeit bleibt erhalten.
Für die Markt- und Industrierelevanz folgt daraus zweierlei. Erstens: Die Wiederverfügbarkeit trifft offenbar auf ein reales Vakuum. Wenn gebrauchte Exemplare teurer werden und internationale Anfragen zunehmen, ist das ein Indikator dafür, dass Teile der Community nach argumentativen Werkzeugen suchen, um die Entwicklung der Tech-Kultur einzuordnen – auch mit Blick auf KI. Zweitens: Borsooks Kritik richtet sich weniger gegen einzelne Technologien als gegen die Selbstbilder, mit denen Teams Entscheidungen rechtfertigen. Damit wird das Buch für Verantwortliche in Produkt- und Plattformorganisationen indirekt anschlussfähig: Wer in KI-Systeme investiert, trifft nicht nur technische Designentscheidungen, sondern auch Entscheidungen über Transparenz, Risiken, Governance-Prozesse und den Umgang mit Regulierung.
Auch das Gespräch über Karrieren zeigt, wie Borsooks Position in den Alltag junger Talente hineinwirkt. Sie beschreibt eine Art Realitätskonflikt: Viele würden heute über KI in den Markt eintreten, während Alternativen – etwa „appropriate technology“ oder spezifische gesellschaftlich ausgerichtete Projekte – finanziell schwerer werden. Zugleich wirkt ihre Haltung nicht als bloße Abwehr, sondern als Aufforderung, den Raum für neue Organisationsformen zu prüfen: Spin-offs, kleinere Einheiten, mehr Bootstrap-Logik. Ob und wie solche Vorhaben innerhalb großer Hyperscaler oder angrenzender Ökosysteme funktionieren, lässt sie offen, betont aber, dass Amoralität in Unternehmen nicht automatisch „zur gleichen Seite“ führt – wenn Interessen anders liegen, kann sich Verhalten ändern. Entscheidend sei dann weniger der Wunsch nach Reform durch reine Überzeugung, sondern die strukturelle Frage, wo der Hebel für Veränderung sitzt.
Unterm Strich ist die Rückkehr von „Cyberselfish“ damit auch eine Aufforderung, die Debatten um KI nicht nur in Modellmetriken zu führen. Borsook stellt Kulturfragen so, dass sie sich in konkrete Produkt- und Governance-Fragen übersetzen lassen: Wer definiert „Innovation“ und wer bezahlt sie? Welche Rolle spielt Regulierung als Schutz- und Ermöglichungsmechanismus, statt als reiner Bremsklotz? Die Neuauflage liefert dafür einen historischen Bezugsrahmen, der in einer Zeit mit schnellen KI-Deployments besonders wertvoll sein kann, weil er verhindert, dass die Branche jede Kontroverse als einmaliges Ereignis betrachtet.
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