BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bundeskanzler Friedrich Merz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier starten am Montag zu getrennten Asienreisen. Steinmeier beginnt mit seinem zweiten Staatsbesuch in China und will dabei für fairere Handels- und Wirtschaftsbeziehungen werben. Merz reist zuerst nach Singapur, anschließend nach Japan und Südkorea und will die Abhängigkeit von China bei Exporten und wichtigen Rohstoffen verringern. In den Unternehmensgesprächen stehen dabei unter anderem Vereinbarungen zu Künstlicher Intelligenz und kritischen Rohstoffen im Raum.

Die getrennten Asienreisen von Friedrich Merz und Frank-Walter Steinmeier wirken auf den ersten Blick wie eine klassische Parallelplanung zweier Ebenen der deutschen Außenpolitik. Tatsächlich legt der Zeitplan jedoch nahe, dass es um dasselbe Grundthema geht: die Ausrichtung auf eine Region, die für Europas Industrie zugleich Absatzmarkt, Lieferketten-Risiko und geopolitische Projektionsfläche ist. Während Steinmeier am Morgen mit China startet, beginnt Merz erst wenige Stunden später seine bisher längste Auslandsreise als Kanzler. Beide Fahrpläne werden zwar ausdrücklich als unabhängig voneinander beschrieben, doch die inhaltliche Klammer ist klar: Handel, Stabilität und die Frage, wie Deutschland seine Abhängigkeiten in Asien strategisch steuert.
Für Steinmeier ist China der zentrale Prüfstein. Der viertägige Staatsbesuch wird als Höhepunkt früherer Asienreisen dargestellt, wobei er in seiner zweiten Amtszeit rund zehn asiatische Staaten besucht haben soll. Gerade in Peking verbindet Steinmeier seine Gespräche mit dem Appell an eine regelbasierte internationale Ordnung. In diesem Rahmen soll bei der Verleihung der Ehren-Professur an der Universität Peking eine Grundsatzrede folgen, und am nächsten Tag ist ein Austausch mit Chinas Präsident Xi Jinping vorgesehen. Laut Bundespräsidialamt geht es dabei weniger um konkrete Vertragsabschlüsse für deutsche Unternehmen, sondern um systemische Wirtschafts- und Handelsfragen. Entsprechend reist neben politischen Ansprechpartnern auch Peter Leibinger vom Bundesverband der Deutschen Industrie sowie Dirk Jandura vom Bundesverband Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen mit; eine große Wirtschaftsddelegation wird dagegen nicht mitgeführt.
Die inhaltliche Linie lässt sich auch aus der Tonalität der Botschaft ablesen. Im Bundespräsidialamt heißt es sinngemäß: „Wir wollen nicht Abkopplung von China, sondern wir wollen enge und belastbare wirtschaftliche Beziehungen, aber eben solche, die im Interesse beider Seiten sind“, außerdem müssten Ungleichgewichte abgebaut werden. Das ist ein Ansatz, der in der Praxis auf eine Neujustierung von Risiken hinausläuft: weniger Verlässlichkeit auf eine einzelne Liefer- oder Absatzachse, aber zugleich keine abrupte Abwendung. Dass diese Perspektive nicht im luftleeren Raum entsteht, soll durch die enge Abstimmung mit Bundesregierung und EU-Kommission unterstrichen werden. Genannt wird dabei auch Handelskommissar Maros Sefcovic, der zuvor in Verhandlungen mit Chinas Handelsminister Wang Wentao eine Drosselung chinesischer Exporte von Hybridautos nach Europa erreicht haben soll. Damit bekommt das Wort „Fairness“ eine sehr konkrete Wettbewerbsdynamik.
Merz setzt parallel auf Diversifizierung – allerdings mit einem anderen Schwerpunkt. Für ihn ist es die dritte Asienreise als Kanzler, und sie folgt auf den Januar-Besuch in Indien, der als strategisches Signal gelesen wird: Deutschland will seine wirtschaftlichen Muster nicht zu stark an China ausrichten, insbesondere bei Exporten und beim Import wichtiger Rohstoffe. In Regierungskreisen wird betont, es gebe keinen direkten Zusammenhang zwischen den beiden Reisen; die Logik der Diversifizierung bleibt aber dieselbe. Merz will in Singapur unter anderem eine außenpolitische Grundsatzrede halten, während in Japan und Südkorea die Teilnahme an Wirtschaftskonferenzen im Programm steht. Zusätzlich ist in Seoul ein Abstecher in die demilitarisierte Zone an der Grenze zu Nordkorea vorgesehen, was der Reise auch eine Sicherheitsdimension gibt – dort allerdings ohne den Fokus auf Vertragsdetails.
Technisch und industriepolitisch wird die Merz-Reise besonders dort greifbar, wo die Delegation nicht nur politisch spricht, sondern Absprachen vorbereiten soll. Begleitet wird Merz von einer großen und hochkarätigen Wirtschaftsdelegation, mit der mehrere Unternehmensabkommen und auch Vereinbarungen zwischen den Regierungen unterzeichnet werden sollen. Genannt werden Bereiche wie Künstliche Intelligenz, Infrastruktur und kritische Rohstoffe. Für Unternehmen bedeutet das: KI steht hier nicht als Demo-Ansage, sondern als Kooperationsfeld, das in der Lieferkette von Zulieferern, bei Industriesoftware, in der Produktion und bei Dateninfrastrukturen konkretisiert werden kann. Gerade in einem Umfeld, in dem Regulierung, Energieverfügbarkeit und Rohstoffkosten eng miteinander zusammenhängen, ist „KI plus Infrastruktur“ mehr als ein Schlagwort – es ist eine Abbildung industrieller Umsetzungskapazitäten.
Auch die geographische Auswahl ist damit mehr als ein Reiseplan. Singapur gilt als wirtschaftlich dichter Knotenpunkt in Südostasien, Japan und Südkorea stehen für technologieintensive Wertschöpfung und damit für eine Zusammenarbeit, die sich in Standards, Exportkontrollen, Fertigungs-Know-how und Qualitätsanforderungen niederschlägt. Die politische Kommunikation ordnet das als Investition in Partnerschaften und in eine „gemeinsame geteilte Vorstellung von internationaler Ordnung“. Im Kern geht es darum, Unabhängigkeit nicht als Abbruch, sondern als Gestaltung zu verstehen: Deutschland will in der Region weiter präsent bleiben, gleichzeitig aber die Abhängigkeit von einem einzelnen Systemrisiko reduzieren. Damit passt die Reise auch zu dem wiederkehrenden Muster europäischer Strategiearbeit der vergangenen Jahre, in der es weniger um einzelne Projekte geht, sondern um belastbare, mehrspurige Netzwerke.
Für die wirtschaftliche Umsetzung ist entscheidend, wie diese parallelen Linien zusammenwirken. Steinmeier adressiert systemische Fragen und sucht die europäische Perspektive („nicht nur als deutsches Staatsoberhaupt nach China, sondern als Europäer“), wozu er auch die Vizepräsidentin des Europaparlaments, Katarina Barley (SPD), mitnimmt. Merz hingegen versucht über die Reihenfolge und die Delegationszusammensetzung eine konkrete Industrieagenda anzustoßen, inklusive der genannten Felder für Abkommen. Zusammen entsteht damit eine zweistufige Logik: erst die politische und handelspolitische Rahmung, dann die Umsetzungsmodalitäten in Kooperationen. Ob sich daraus kurzfristig neue Produktions- oder Lieferkettenentscheidungen ergeben, hängt davon ab, wie schnell die verabredeten Themen in Projekte, Pilotierungen und später in Beschaffungs- und Investitionszyklen übersetzt werden.
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