LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der CUHK untersuchte Elektroakupunktur bei 90 Tinnitus-Patienten im Alter von 50 bis 70 Jahren. Nach fünf Wochen sanken die Lautheitswerte in den Behandlungsgruppen um 1,91 beziehungsweise 1,81 Punkte gegenüber der Kontrollgruppe. Über 40 % der Teilnehmenden berichteten von einer messbaren Verringerung. Gleichzeitig bleiben internationale Leitlinien bei der Bewertung der Evidenz zurückhaltend.

Ohrgeräusche sind für viele Betroffene kein Randthema, sondern eine tägliche Belastung, besonders wenn die Beschwerden über Monate anhalten. Genau an dieser Praxisrelevanz setzt eine klinische Untersuchung der Medizinischen Fakultät der Chinesischen Universität Hongkong (CUHK) an: Zwischen Dezember 2022 und April 2024 prüften Forschende den Einsatz von Elektroakupunktur bei Menschen im Alter von 50 bis 70 Jahren, die über einen Zeitraum von einem halben bis zu 24 Monaten Tinnitus hatten. Im Kern geht es dabei weniger um das „Ob“ der begleitenden Symptomtherapie, sondern um die Frage, ob sich die subjektiv wahrgenommene Lautheit messbar verändern lässt und ob sich daraus ein vertretbarer Zusatznutzen ableiten kann.
Das Studiendesign war auf Vergleichbarkeit ausgelegt: Es gab drei Gruppen, von denen eine reine Elektroakupunktur erhielt, eine zweite Gruppe zusätzlich Wärmenadeln bekam und eine dritte als Kontrollgruppe ohne Akupunkturbehandlung diente. Insgesamt umfasste das Programm in den beiden Interventionsarmen fünf Wochen mit zehn Sitzungen. Entscheidend sind die Ergebnisse unmittelbar nach Abschluss der fünften Behandlungswoche: Die Tinnitus-Lautheit sank in den Behandlungsgruppen signifikant um 1,91 beziehungsweise 1,81 Punkte gegenüber der Kontrollgruppe. Auch die Nachuntersuchung in Woche fünf deutet darauf hin, dass die Verbesserung nicht nur kurzfristig wirkte.
Bei den klinisch relevanten Ansprechraten zeigt sich ein noch greifbareres Bild. Laut den Studienangaben wiesen mehr als 40 % der Patienten in den Akupunkturgruppen eine messbare Verringerung der Lautheit auf. Zusätzlich verbesserte sich bei über der Hälfte der Teilnehmenden in beiden Akupunkturgruppen der Schweregrad von „mittel“ auf „leicht“; dieser Anteil wurde mit 55 % beziffert. In der Kontrollgruppe hingegen verschlechterten sich sowohl die Lautheit als auch die Alltagsbelastung über den beobachteten zehnwöchigen Zeitraum. Damit bekommt die subjektive Komponente der Erkrankung zumindest innerhalb dieser Stichprobe eine Richtung, die über Placebo-Effekte hinauszugehen scheint.
Wie lässt sich so ein Effekt biologisch plausibel einordnen? Das Forschungsteam führt die beobachteten Resultate auf mehrere physiologische Prozesse zurück. Genannt werden eine verbesserte Durchblutung der Cochlea, Effekte auf Kernaktivitäten, eine vorteilhafte Regulation des autonomen Nervengleichgewichts sowie Anpassungen in der Plastizität des zentralen Hörsystems. Technisch betrachtet passt das zu einem Modell, in dem Tinnitus nicht isoliert als „Hörphänomen“ verstanden wird, sondern als Wechselspiel aus peripheren Hörstrukturen, Nervenregulation und zentraler Informationsverarbeitung. Gerade diese Mehrschichtigkeit erklärt auch, warum Ergänzungen neben klassischer Diagnostik und Hörtherapie in der Praxis häufig diskutiert werden.
Gleichzeitig ordnet sich die Evidenz in einen größeren Kontext ein, in dem internationale Leitlinien offenbar einen strengen Maßstab anlegen. Laut der US-Leitlinie VA/DoD aus dem Jahr 2024 fehlte zuvor „ausreichende Evidenz“ für oder gegen den Einsatz von Akupunktur bei Tinnitus. In der überarbeiteten Leitlinie der AAO-HNSF für 2026 wurde ein eigenständiger Empfehlungspunkt zur Akupunktur sogar gestrichen; stattdessen wird bei anhaltender Tinnitus-Belastung vorrangig zu anderen Verfahren geraten, unter anderem zur kognitiven Verhaltenstherapie – besonders bei Erwachsenen mit persistierenden, belastenden Beschwerden. Ergänzend wird in diesem Zusammenhang auf potenziell schwerwiegende unerwünschte Ereignisse verwiesen, etwa wenn unsachgemäß oder unter unhygienischen Bedingungen behandelt wird; unabhängig davon bleibt bei einem plötzlichen Hörverlust die sofortige Abklärung durch einen HNO-Arzt vorrangig.
Für die Umsetzung bedeutet das: Die CUHK-Ergebnisse liefern konkrete Hinweise auf einen möglichen Zusatznutzen, aber sie ersetzen keine sorgfältige Einordnung in individuelle Therapieziele und klinische Risikolagen. Für Entscheider in Gesundheitseinrichtungen und für Ärztinnen und Ärzte ist besonders relevant, dass die Effekte in einer klar definierten Population beobachtet wurden und dass es neben Lautheitsmessungen auch Hinweise auf Alltagsrelevanz gab. Gleichzeitig sollten Unternehmen und Praxisnetzwerke, die solche Therapiepfade anbieten wollen, die Lücke zwischen „klinischer Machbarkeit“ und „leitlinienkonformer, breit abgestützter Empfehlung“ aktiv mitdenken: Dazu gehören Qualifikationsstandards für die Durchführung, Hygieneprozesse und ein stringenter Umgang mit Kontraindikationen. Aus Sicht betroffener Patientinnen und Patienten wiederum bleibt der pragmatische Ansatz, Akupunktur nicht als alleinige Lösung zu betrachten, sondern als potenzielles Element eines personalisierten Behandlungskonzepts – parallel zu evidenzbasierten Verfahren wie verhaltenstherapeutischen Strategien, insbesondere wenn die Beschwerden dauerhaft belastend sind.
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