FRANKFURT / AMSTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Die ING will ab Anfang 2027 ein Altersvorsorgedepot mit zwei Varianten einführen, das ohne Depotführungs-, Wechsel- oder Ordergebühren auskommen soll. Für Sparpläne entfallen laut Ankündigung zudem Ausführungsgebühren. Zusätzlich nennt die Bank eine Einstiegsmöglichkeit ab einer monatlichen Sparrate von zehn Euro und setzt beim Selbstentscheider-Depot auf eine sehr niedrige Gesamtkostenquote ab 0,03 Prozent. Damit verschärft der Marktführer den Preiskampf um staatlich geförderte Einzahlungen über die Börse.

Der Startschuss für ein neues Altersvorsorge-Produkt kommt in einem Markt, in dem die Kostenfrage zunehmend über Kundengewinn entscheidet. Die ING Deutschland kündigt für den Zeitraum ab Anfang 2027 ein Altersvorsorgedepot mit zwei klar abgegrenzten Modellen an: Ein Selbstentscheider-Depot und ein Standarddepot aus zwei aktiven ETFs. Zentral ist dabei das Gebührenversprechen, das direkt in den Preiskampf hineinwirkt: Ohne Depotführungs-, Wechsel- oder Ordergebühren soll das Depot auskommen, und für Sparpläne werden laut Angaben auch keine Ausführungsgebühren erhoben. Für die ING ist das mehr als ein einzelnes Produkt, denn es setzt die Tonalität gegenüber anderen Anbietern, die traditionell über Gebührenstrukturen gearbeitet haben.
Technisch und produktseitig greift die ING damit auf ein Konzept zurück, das sich in der Praxis vor allem über Kostentransparenz und die Auswahllogik unterscheidet. Im Selbstentscheider-Depot können Anleger aus vielen ETFs und Fonds wählen; die Gesamtkostenquote wird dabei ab 0,03 Prozent genannt. Damit zielt das Angebot auf Nutzer, die ihr Portfolio aktiv über die Fonds-/ETF-Auswahl steuern wollen, aber gleichzeitig so wenig „Fixkosten pro Jahr“ wie möglich mitnehmen möchten. Daneben steht ein Standarddepot aus zwei aktiven ETFs, das mit einer Gesamtkostenquote von 0,20 Prozent beziffert wird. Die Bank übernimmt die Zusammensetzung dieser beiden weltweit anlegenden ETFs, was das Modell näher an ein „konfiguriertes“ Anlageprodukt heranrückt, statt nur einen reinen Abwicklungsservice zu liefern.
Die steuerliche Logik des Altersvorsorgedepots bleibt in diesem Zusammenhang ein wichtiger Hebel, auch wenn sie nicht neu ist: Der Staat fördert Einzahlungen im Rahmen der Zulagen, wie in den Angaben erläutert wird. Laut Text sollen Einzahlungen mit bis zu 540 Euro Zulage pro Jahr gefördert werden, pro Kind kommen zusätzlich bis zu 300 Euro hinzu. Entscheidend für die Planbarkeit sind außerdem die Fördergrenzen: Förderfähig sind Einzahlungen zwischen 120 Euro und 1.800 Euro pro Jahr. In der Ansparphase bleiben Kapitalerträge wie Kursgewinne, Dividenden und Zinsen steuerfrei; erst in der Auszahlungsphase werden sie besteuert. Diese Mechanik macht das Depot für viele Haushalte interessant, weil die Ertragseffekte nicht jedes Jahr steuerlich „abgeschnitten“ werden, sondern sich innerhalb der Laufzeit aufbauen können.
Bemerkenswert ist auch, wie die ING den Einstieg adressiert: Die Bank nennt eine monatliche Sparrate ab zehn Euro als Schwelle. Das ist wirtschaftlich vor allem deshalb relevant, weil viele Familien mit kleineren Budgets erst dann regelmäßig sparen können, wenn die Hürde niedrig genug ist. Gleichzeitig wirkt das Angebot als strategisches Signal an Wettbewerber, die bislang eher auf Beratung und größere Einstiegssummen gesetzt haben. Denn der Markt für Altersvorsorgedepots wird im Text als „Wettlauf“ beschrieben, bei dem immer mehr Institute über niedrige Gebühren werben – und zwar in einer Situation, in der die Beitragseinnahmen allein offenbar nicht reichen, um die Marktteilnehmer dauerhaft zu hohen Margen zu treiben. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, wie stark Institute auf Kundenbindung setzen, also nicht nur das eine Depot verkaufen, sondern Anschlussprodukte und Cross-Selling über Jahre hinweg aufbauen.
Der Wettbewerb ist dabei bereits sehr konkret skizziert. Die Deutsche Bank nennt etwa ein Standarddepot, das von ihrer Fondstochter DWS entwickelt worden sein soll: Für die ersten zwei Jahre werden jährliche Kosten von 0,1 Prozent in Aussicht gestellt, danach 0,28 Prozent. Zusätzlich wird ein Vorsorgedepot mit Beratung erwähnt, für das pro Jahr ein Entgelt von 0,99 Prozent erhoben werden soll. Die Dekabank veranschlagt für ihr Standarddepot 0,1 Prozent pro Jahr. Besonders großer Preisdruck kommt laut den Angaben von Digitalbanken wie Scalable Capital und Trade Republic, die in der Regel mit günstigen Plattformmodellen und schlanken Kostenstrukturen arbeiten. Vor diesem Hintergrund liest sich die ING-Offerte als Versuch, in zwei Welten zu punkten: über sehr niedrige Kosten im Selbstentscheider-Ansatz und über eine klar gefasste „Standardlogik“ im Depot, das aktiv verwaltet wird, aber dennoch in einer transparenten Gesamtkostenquote bleibt.
Dass der Preiskampf trotz geringer Margenspielräume nicht sofort abebbt, begründet die Quelle mit der hohen Bedeutung der Kundenbindung. Eine Studie der DWPBank soll darauf hinweisen, dass mehr als 90 Prozent der befragten 88 Institute ein Altersvorsorgedepot planen – ausdrücklich trotz des beschriebenen Preiskampfes. Das passt zu einer breiteren Branchenrealität: Gerade bei staatlich geförderten Produkten sind die Wechselkosten häufig gering, wenn die Depotführung über die Zeit nicht „verkettet“ wird. Entsprechend versuchen Anbieter, ihren Kunden einen habitualisierten Sparprozess zu ermöglichen. Wer einmal eine monatliche Sparrate in einem Konto etablieren kann, hat eine bessere Chance, später zusätzliche Spar- oder Anlageprodukte zu platzieren, etwa durch Portfolio-Erweiterungen oder die Ergänzung um weitere Anlagevehikel. Für Entscheider in Banken und Fintechs bedeutet das: Die reine Preisgestaltung reicht als Differenzierung selten aus; sie muss über ein passendes Produktdesign und eine stimmige Nutzerführung in messbare Kundenlebenszeitwerte übersetzt werden.
Für die ING selbst stellt sich ab 2027 damit auch eine Umsetzungsperspektive: Welche Nutzergruppen werden das Selbstentscheider-Depot mit einer ab 0,03 Prozent genannten Gesamtkostenquote wirklich annehmen, und wie gelingt die Balance zwischen Auswahlfreiheit und einer nachvollziehbaren Anlagekommunikation? Gleichzeitig wird das Standarddepot aus zwei aktiven ETFs als „kuratierte“ Alternative interessant, falls Kundinnen und Kunden lieber eine festgelegte Zusammensetzung möchten. Ein weiterer praktischer Punkt ist die Umstellung: Wer bereits einen Riester-Vertrag hat, kann in das neue System wechseln und angespartes Guthaben übertragen. Aus Sicht der Marktmechanik kann diese Brücke dazu führen, dass Anbieter kurzfristig mehr Volumen durch Bestandskundschaft gewinnen, statt ausschließlich Neukunden zu akquirieren. In jedem Fall dürfte der Start der ING im Jahr 2027 den Gebührenvergleich weiter beschleunigen und den Druck erhöhen, sowohl im Preis als auch in der Produkttransparenz nachzulegen.
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