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YALE UNIVERSITY / LONDON (IT BOLTWISE) – In Israel trifft bei der Wahl am 27. Oktober die Frage nach der Regierungsführung auf den Umbruch der regionalen Sicherheitsarchitektur. Professorin Emma Sky verbindet dabei Militärstärke mit politischer Fragilität und zeigt, wie stark Debatten über Identität, Religion und Koalitionen auseinanderlaufen. Besonders deutlich wird die Lücke zwischen einer zunehmend polarisierenden Innenpolitik und den ungelösten Konflikten, die eine echte regionale Integration bremsen. Damit rückt die Wahl in den Fokus – aber eben nicht als alleinige Lösung für den Nahost-Blockadezustand.

Israel vor der Wahl: Militärdominanz vs. politische Integrationslücke
Israel vor der Wahl: Militärdominanz vs. politische Integrationslücke (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn eine Wahl vor allem darüber entscheidet, wer regiert, erwartet man im Normalfall auch eine Art inhaltlichen Referenzrahmen: Welche Leitlinien gelten künftig für Sicherheit, Diplomatie und gesellschaftlichen Zusammenhalt? Im israelischen Fall beschreibt Professorin Emma Sky auf dem Workshop zum Global Order am Yale-Umfeld jedoch ein widersprüchliches Muster. Israel agiert demnach militärisch so, dass sich das regionale Kräfteverhältnis verschiebt, findet aber politisch und diplomatisch keine stabile Lösung für die Ursachen, die Instabilität immer wieder neu erzeugen. Das Resultat ist eine Konstellation, in der militärische Dominanz zwar sichtbar bleibt, die Frage nach dauerhafter Einbindung in die Region jedoch weiterhin offen ist.

Sky setzt diese Spannung in Beziehung zu einem Wahlkampf, der laut ihrer Darstellung weit weniger über die Zukunft des Nahen Ostens debattiert als über die Innenpolitik. Zentral sei dabei das Wahlkampf-Motiv „Anyone but Bibi“ – also die klare Antibewegung gegen Benjamin Netanyahu. Auffällig ist, wie sich dafür politische Lager temporär überlappen: Figuren, die noch vor wenigen Jahren kaum als Teil derselben politischen Koalition wahrgenommen wurden, finden sich nun im selben „demokratischen“ beziehungsweise liberalen Block wieder. Die Wahl reduziert sich damit in weiten Teilen auf den Machtwechsel, während die strategischen Grundfragen der regionalen Rolle und der territorialen Perspektive weitgehend unbeantwortet bleiben.

Technisch betrachtet verschiebt sich in solchen Situationen nicht nur Macht, sondern auch der erlaubte politische Möglichkeitsraum. Sky greift dafür den Gedanken der „Overton window“ auf: Was als politisch akzeptabel gilt, kann sich über Zeit nach außen oder innen verlagern. In Israel betrifft das etwa die Grenzen, die früher als „jenseits des Sagbaren“ galten: Persönlichkeiten wie Itamar Ben-Gvir oder Bezalel Smotrich, deren Positionen früher außerhalb klassischer Koalitionslogik verortet wurden, stehen inzwischen selbst im Zentrum der Machtkonkurrenz. Damit verknüpft sich die zweite große Konfliktlinie des Wahlkampfs – die Frage nach der Wehrpflicht für ultra-orthodoxe Gruppen, also nach der gesellschaftlichen Teilhabe und nach Verantwortungsverteilungen in einem Staat, der Sicherheit und Identität gleichzeitig organisieren muss.

Eine weitere Dimension verlagert das Entscheidungsproblem vom reinen Parlamentskalkül hin zu einer Grundsatzfrage der politischen Legitimität: Welche Rolle können arabische Parteien in einer Regierungskoalition spielen? Sky argumentiert, dass der entscheidende Engpass nicht nur mathematisch ist, sondern politisch entschieden werden muss – nämlich ob die Opposition bereit ist, arabische Vertreter als Partner anzuerkennen, statt sie nur als Stimmenlieferanten zu behandeln. Dabei stünden unterschiedliche Ansätze gegeneinander: Mansour Abbas vom Ra’am-Umfeld habe für eine direkte Beteiligung arabischer Parteien an der Regierung plädiert, während der neue Leiter der Joint List, Yousef Jabareen, eher eine unterstützende parlamentarische Rolle in Aussicht stellt, jedoch an weitergehende politische Zusagen knüpft. Für Israel bedeutet das zugleich, dass sich nationale Identität und Regierungsarithmetik untrennbar vermischen; eine Koalition könnte also zwar neue Mehrheiten ermöglichen, aber nicht automatisch den Konflikt mit den Palästinensern lösen.

In dieselbe Richtung arbeitet auch die Einordnung eines möglichen politischen Neustarts nach dem Ende Netanyahus, die Sky mit historischen und gesellschaftlichen Analogien unterfüttert. Sie stellt dabei den Vergleich zu Sparta heraus: Militärische Überlegenheit kontrastiert mit Schwierigkeiten, dauerhafte diplomatische Beziehungen aufzubauen, die Sicherheit nicht nur kurzfristig absichern. Besonders relevant ist diese Perspektive vor dem Hintergrund eines geänderten Sicherheitsumfelds. Der Vortrag verknüpft den Machtverlust des früheren US-geführten Ordnungsrahmens mit konkreten Entwicklungen in Kriegführung und Bündnispolitik: Inexpensive Drohnen und Raketen können Infrastruktur gefährden, deren Schutz außerordentlich teure Gegenmaßnahmen erfordert. Daraus entsteht ein Vertrauensproblem: Die Abhängigkeit von Bündnispartnern kann bleiben, während Vertrauen in die politische Verlässlichkeit sinkt.

Was das für die arabisch-israelischen Normalisierungsbemühungen bedeutet, macht Sky an den Abraham Accords fest: Die Annäherung an die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Marokko eröffnete diplomatische und wirtschaftliche Chancen. Gleichzeitig sei jedoch die Umsetzung regionaler Legitimität ohne sichtbare Fortschritte im palästinensischen Fragenkomplex schwerer geworden – nicht zuletzt wegen des fortgesetzten Gaza-Kriegs und der anhaltenden Rolle von Hamas. Genau hier schließt sich der Kreis der Wahl: Sky warnt davor, die Abstimmung als „automatischen“ Ausweg aus dem regionalen Problemstau zu interpretieren. Selbst wenn eine neue Regierung einzelne Richtungen ändern könnte – etwa bei der Reaktion auf Siedlergewalt im Westjordanland – folgt daraus nicht automatisch eine unmittelbare Entspannung in Gaza. Damit bleibt die zentrale Leitfrage bestehen: Wie lässt sich militärische Stärke so in politische Handlungsfähigkeit übersetzen, dass daraus eine nachhaltige Zukunft entsteht, statt nur ein neuer Abschnitt der Verwundbarkeit zu folgen?

Abschließend ordnet Sky die Debatte in breitere Muster westlicher Demokratien ein: Identität gewinnt an Gewicht, politische Gemeinschaften polarisieren, und Kompromisse, die über den Wahlkampf hinaus tragen, werden schwerer. Israel stehe dabei jedoch unter besonderen Bedingungen: Der regionale Rahmen verändert sich, Sicherheitsgarantien gelten als weniger planbar, und die Möglichkeit einer diplomatischen Integration bleibt durch ungelöste Konflikte begrenzt. Die Wahl am 27. Oktober entscheidet zwar, wer die politische Macht übernimmt – sie behebt aber nicht automatisch das Spannungsdreieck aus militärischer Sicherheit, nationaler Identität und demokratischem Zusammenleben. Für Unternehmen und politische Entscheider außerhalb der Region liegt darin vor allem eine praktische Botschaft: Wer mit Israel über Lieferketten, Technologiebezug oder Partnerschaften arbeitet, sollte die langfristigen politischen Risiken nicht nur an Regierungswechseln festmachen, sondern an den strukturellen Brüchen, die sich in den Wahlkampfthemen widerspiegeln.

Für die Leser bleibt am Ende weniger eine Prognose als eine Arbeitsfrage: Wie gelingt es einer Gesellschaft, Militärfähigkeit in eine stabile politische Ordnung zu überführen, die ohne „Dauerkrisenmodus“ auskommt? In diesem Sinne ist die zentrale Herausforderung nicht nur, wer nach Netanyahu regiert, sondern wie sich die heute sichtbare Integrationslücke im regionalen und diplomatischen Kontext schließen lässt. Genau daran dürfte sich messen lassen, ob der Machtwechsel tatsächlich mehr liefert als einen kurzfristigen Reset – oder ob sich nur die Perspektive verschiebt, während die Grundprobleme bleiben.

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