BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine YouGov-Umfrage zeigt, dass in Deutschland der Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner bei einer Wahlkampfveranstaltung von Donald Trump überwiegend als unpassend bewertet wird. Kritisiert wird vor allem, dass dabei der Bau eines US-Werks in Georgia angekündigt wurde. Im Umfeld der Konzernkommunikation kam es zudem zu massiver Gegenreaktion: In einem VW-Intranet wurde die Kommentarfunktion abgeschaltet und zuvor gepostete Kommentare entfernt. Während Döllner das Vorgehen mit einer Einbindung in die Werkgespräche begründet, verschärft der Druck auf Audi die Debatte um Investitionen, Standorte und Perspektiven.

Der politische Auftritt eines Automobilmanagers ist selten nur „Privatangelegenheit“ – und genau das bekommt der Audi-Chef Gernot Döllner derzeit in Deutschland zu spüren. Laut einer repräsentativen Umfrage von YouGov bewerten 39 Prozent der Befragten den Auftritt bei einer Wahlkampfveranstaltung von US-Präsident Donald Trump als überhaupt nicht angemessen. Weitere 18 Prozent finden ihn „eher nicht angemessen“. Damit kippt das Stimmungsbild klar ins Kritische, auch wenn 25 Prozent angeben, keine Meinung zu haben oder sich nicht äußern zu wollen.
Die konkrete Angriffsfläche ist dabei nicht nur die Bühne an sich, sondern der Kontext: Döllner war nach Angaben der Umfrage gemeinsam mit Trump aufgetreten und hatte den Bau eines eigenen Audi-Werks in den USA im Bundesstaat Georgia angekündigt. Im gleichen Erhebungszeitraum sagen 7 Prozent, der Auftritt sei „voll und ganz angemessen“, und 11 Prozent „eher angemessen“. Für die Debatte in Deutschland spielt außerdem hinein, dass die US-Zwischenwahlen kurz bevorstehen – am 3. November – und der Zeitpunkt damit politisch aufgeladen wirkt.
Auch intern schlug die Diskussion spürbar auf die Kommunikation durch. Unter einem Beitrag im VW-Intranet, der sich auf den Auftritt bezog, kamen laut Unternehmensangaben zahlreiche kritische Reaktionen zusammen. Der Konzernmutter-Sprecher machte dabei deutlich, dass es sich nicht um „kleines Shitstorm-Level“ handelte: Die Kommentarfunktion wurde abgeschaltet, zuvor veröffentlichte Kommentare seien entfernt worden – dem Vernehmen nach mehr als 200. Als Grund nannte der Sprecher, die Debatte sei so ausgeufert, dass man den Schritt zur vollständigen Abschaltung gewählt habe; zudem verwies er auf persönliche Beleidigungen als Problemfall.
Gleichzeitig gibt es eine Gegenlesart aus dem politischen Umfeld. Döllner habe seinen Auftritt mit den Gesprächen zum Werk in Georgia verteidigt und argumentiert, man sei gebeten worden, die Pläne „gemeinsam mit dem Präsidenten“ öffentlich vorzustellen. Die Einladung habe er demnach nicht ablehnen wollen – mit dem Hinweis auf Respekt vor dem Amt. Unterstützung erhält diese Sichtweise nach den Angaben im Text auch aus der bayerischen Politik: Der bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger stellte Döllner unter den Vorzeichen von Unternehmensrealitäten als „nicht gut beraten“ dar, eine Einladung auszuschlagen, und sieht den Nutzen für die Absatzziele. Zudem wird betont, dass die Entscheidung für das Projekt kein Alleingang gewesen sei; von der Konzernmutter heißt es, der Konzernchef Oliver Blume sei in die Planungen eingebunden gewesen.
Für Audi wirkt die Kontroverse wie ein zusätzlicher Belastungsfaktor in einer ohnehin angespannten Phase. Das Unternehmen steht laut Darstellung seit Jahren unter Druck, weil Absätze und Erträge sinken und bereits Stellen abgebaut wurden. Anders als manche Wettbewerber verfügt Audi dem Text zufolge nicht über ein eigenes Werk in den USA – das erhöht die Verwundbarkeit gegenüber US-Zöllen. Entsprechend habe sich die Lage auch in den Zahlen niedergeschlagen: Im dritten Quartal seien nicht nur die Verkäufe in China, sondern auch in den USA zurückgegangen, während die Auswirkungen auf Gewinn und Umsatz zum Zeitpunkt der Berichterstattung noch nicht final ausgewiesen waren.
Technisch und strategisch hängt die Debatte am Kern der Industriefrage: Wie schafft man in einem Kernmarkt Produktionsnähe, ohne den Heimatstandort aus dem Blick zu verlieren? Döllner habe deshalb hervorgehoben, dass Audi in den USA aktuell nicht profitabel arbeite und ein Werk dort aus „großer strategischer und wirtschaftlicher Bedeutung“ brauche. Geplant ist, in Georgia vor allem SUVs zu bauen – darunter auch der neue Q9, der auf den US-Markt zugeschnitten sein soll. Parallel dazu wächst jedoch der Druck auf die deutsche Seite: Die IG Metall fordert laut Bericht konkrete Zusagen für bedrohte Arbeitsplätze in Neckarsulm. In der Argumentation der Gewerkschaft wird die Diskrepanz zwischen dem Signal „Investitionen in den USA“ und der Lage am Standort Deutschland betont, während Döllner zugleich betont, sein Projekt sei keine Entscheidung gegen Deutschland, sondern ein Beitrag zur globalen Wettbewerbsfähigkeit.
Der Streit um Worte trifft damit auf ein Zeitfenster, in dem betriebliche Entscheidungen ohnehin in die nächste Runde gehen. Der Mutterkonzern VW habe Anfang September einen Sparplan beschlossen, der Neckarsulm noch ein Jahr Zeit gibt, ein tragfähiges Konzept zur Kostensenkung vorzulegen; andernfalls droht die Stilllegung. In einem solchen Umfeld erhalten politische Auftritte eine extra große Symbolwirkung, weil sie als Signal gelesen werden können: Geht es primär um Marktchancen und Produktionslogik – oder um Prioritäten zulasten konkreter Arbeitsplätze? Selbst wenn die Investitionsentscheidung nicht als „gegen Deutschland“ kommuniziert werden soll, bleibt die Erwartung an verbindliche Perspektiven hoch, und die öffentliche Debatte wirkt damit direkt in den betrieblichen Diskurs hinein.
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